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Rückkehr mit Hindernissen

Olivia Gerstenberger9. Februar 2014

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein verpasst bei ihrem Olympia-Comeback nur knapp das Podest. Beim 3000-Meter-Rennen gibt sie sich kämpferisch, aber auch schwach.

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Claudia Pechstein in Sotschi (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa

Claudia Pechstein - Dem Frust folgt große Zufriedenheit

Die orange-gelben Sitze der 8000 Zuschauer Adler Arena sind nicht ganz gefüllt. Die meisten Fans sitzen grüppchenweise in den Kurven und jubeln in die Kamera. Fast nur von dort erschallt verhaltender Jubel, wenn die Sportlerinnen daran vorbeigleiten. Zwei Stadionsprecher kommentieren das Rennen abwechselnd auf Russisch. Dennoch ist es so still, dass man das Klicken der Kufen hört, wenn sich die Läuferinnen abstoßen. Auch die Schreie der Trainer schallen über das Eis. Als sich Stephanie Beckert ins Ziel kämpft, ist ihr Gesicht rot vor Anstrengung. Enttäuscht nimmt sie die neon-grüne Brille ab, mit der Zeit ist sie nicht einverstanden. Sie bleibt auf Rang 17 noch hinter Bente Kraus, die sich auf Rang elf einreiht.

Russische Begeisterung

Als sich die russische Medaillenhoffnung Yuliya Skokova bereit macht und in die Kamera winkt, erwacht die Adler Arena zum ersten Mal zum Leben. Die russischen Fans kreischen und jubeln. Dann wird es mucksmäuschenstill. Der Pistolenknall unterbricht die Stille, dann brandet Jubel auf, der in der Kurve zu einem Orkan anschwillt. Getragen von der Unterstützung des Heimpublikums fliegt Yuliya in ihrem weißen Anzug über das Eis. Hochkonzentriert wirkt sie und willensstark. Als die Glocke zur letzten Runde ertönt, kommt auch das Publikum.

Mit einem Blick auf der Anzeigentafel, mit dem zweiten auf dem Eis peitschen sie ihre Favoritin nach vorn. Und die gibt alles. Völlig ausgepumpt erreicht sie das Ziel, mit 4:09:36 übernimmt sie die Führung. Als Olga Graf das Eis betritt, steigert sich das russische Spektakel noch einmal, wieder übernimmt Russland die Führung. Mit einem Grinsen im Gesicht läuft Graf ins Ziel, reißt dann die Arme hoch und fordert das Publikum gestenreich zum Jubeln auf. Die Halle steht Kopf. Zum Dank gibt es einen Handkuss und eine Verbeugung. Und den Finger an den Lippen, der signalisieren soll: Bitte Respekt vor den noch folgenden Sprinterinnen.

Langersehntes Comeback

Am Start ist nun Claudia Pechstein. Sie ist mit 41 Jahren in der Form ihres Lebens, lässt zuletzt beim Heim-Weltcup in Berlin alle hinter sich, auch die größte Konkurrenz, nie zuvor war sie schneller. Nun steht die nächste Herausforderung an. Es ist ihr erstes olympisches Rennen seit der umstrittenen Dopingsperre, Vancouver habe man ihr gestohlen, sagt sie in Interviews oft. Jetzt darf die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin endlich wieder auf das olympische Eis. Sie will unbedingt die nächsten Rekorde, sie will eine Medaille. Es wäre die zehnte Olympische Medaille in ihrer Karriere.

Schnell geht sie das Rennen an und gibt von Beginn an alles. Der Plan scheint aufzugehen, ihre Gegnerin Ida Njaatun aus Norwegen hat sie im Griff, sie liegt zunächst in Führung. Doch die letzte Runde wird schwer. Man sieht es ihr an, das Gesicht ist verzerrt, fast schon resigniert läuft sie weiter. Als sie in die letzte Kurve geht, weiß sie schon, dass es knapp werden wird für eine Medaille. 4:05:26 Minuten sind es am Ende.

Claudia Pechstein gibt alles bei ihrem olympischen Comeback. (Foto: dpa)
Claudia Pechstein gibt alles bei ihrem olympischen Comeback in der Adler Arena.Bild: picture-alliance/dpa

Ireen Wüst dominiert

Achselzuckend lässt Claudia Pechstein sich ausgleiten, sie wirft ihre Olympia-Armbinde fort. Bevor es die Kameras einfangen können, lässt sie sich ausgepumpt auf eine Liege am Rand der Bande fallen, muss erst einmal zu Luft kommen. Ganz allein liegt sie da. Und sie weiß: Zwei große Konkurrentinnen werden noch kommen: Die Tschechin Martina Sablikova und Ireen Wüst aus den Niederlanden. Die beiden machen den Sieg unter sich aus, Wüst gibt sich keine Blöße und holt sich souverän die Goldmedaille, Silber geht an Sablikova. Bronze holt sich Russland: Olga Graf gewinnt die erste russische Medaille bei diesen Spielen.

All das erlebt Claudia Pechstein aus dem Innenraum der Eisbahn. Sie wird Vierte, ist damit knapp am Podest vorbeigelaufen. Die Bilder gehören den anderen, die Kameras fangen die jubelnde Konkurrenz gern ein. Doch die 41-Jährige wird es verkraften, wie sie schon vieles verkraftet hat. Der ganz große Druck ist erst einmal vorbei. Vielleicht war die Anspannung doch noch zu hoch. Noch bleiben ihr zwei Chancen, um ihre zehnte Olympia-Medaille einzuheimsen und die älteste Eislauf-Medaillengewinnerin der Geschichte zu werden: die Läufe über 1500 und über 5000 Meter. Sie ist bereit.