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Die streitbare Kufenflitzerin

Herbert Schalling1. Februar 2014

Am vorletzten Tag der Olympischen Spiele feiert Claudia Pechstein ihren 42. Geburtstag. Nicht nur durch ihr Alter ragt sie aus dem deutschen Team heraus. In Sotschi will sie ihre zehnte Olympia-Medaille gewinnen.

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Claudia Pechstein bei einem Rennen. Foto: dpa-pa
Bild: picture-alliance/dpa

Olympische Spiele 1992 in Albertville: Zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung tritt eine gemeinsame deutsche Mannschaft an, wird das erfolgreichste Team in der Nationenwertung. Herausragend dabei: die Eisschnellläufer. Sie gewinnen allein elf Medaillen. Eine junge Berlinerin holt über 5000 Meter Bronze. 22 Jahre später, bei den Spielen in Sotschi, ist diese Claudia Pechstein (fast) die einzige Hoffnung der deutschen Kufenflitzer.

Besser lässt sich nicht beschreiben, wie sich die ehemalige Erfolgsdisziplin hierzulande entwickelt hat: schlecht. Deutschland verfügt in Berlin, Erfurt und Inzell über drei moderne, überdachte Eisschnelllauf-Bahnen, nur finden sich darin immer weniger Talentierte, die es zu Spitzenleistungen bringen. "Neue" Niemann-Stirnemanns, Friesingers oder Pechsteins sind nicht in Sicht. Diese Rückentwicklung ihrer Sportart hat Claudia Pechstein häufig beklagt: "Bei den meisten fehlt es an der grundsätzlichen Einstellung, sich quälen zu wollen." Unverständlich für eine wie sie, die für ihren Sport sogar unbezahlten Urlaub nahm. Freilich, Freunde macht man sich mit solchen deutlichen Worten nicht.

Stabile Form

Aber Claudia Pechstein kann nicht anders. Sie geht immer aufs Ganze. Besonders natürlich in ihrem Sport. Sie läuft im Jahr 4000 Kilometer auf dem Eis, dazu in der Saisonvorbereitung noch 2000 Kilometer auf Inlineskates. 4000 Kilometer sitzt sie auf dem Fahrradsattel. In Berlin trainiert Pechstein nur mit Männern, Frauen sind ihr zu langsam.

Siegerehrung mit Pechstein beim Weltcup in Calgary im Dezember 2013. Foto: dpa-pa
In Calgary bejubelte Pechstein (2.v.r.) ihren 30. WeltcupsiegBild: picture-alliance/dpa

In die olympische Saison starte Pechstein im Dezember in Calgary furios. Über 3000 Meter feierte sie den 30. Weltcupsieg ihrer Karriere. Danach folgten weitere Top-Platzierungen bei den Weltcups. Ihre herausragende Form hat sie offenbar bewahren können. Kurz vor der Abreise nach Sotschi lief Claudia Pechstein in Inzell über die gleiche Distanz einen neuen Bahnrekord. Das Eislauf-Oval in der Olympiastadt kennt sie bereits. Im letzten Jahr fand in Sotschi die Weltmeisterschaft auf den Einzelstrecken statt. Claudia Pechstein gewann zwei Bronzemedaillen über ihre Paradestrecken 3000 und 5000 Meter. Es waren die einzigen Podestplätze für das deutsche Team.

Zur Topform der fünffachen Olympiasiegerin kommen in dieser Saison auch erstklassige "Arbeitsgeräte". Zwei Jahre lang hat sie mit anderen an einer Maschine getüftelt, die ihre Schlittschuhe schleift. Die Arbeit hat sich gelohnt. Der zeitaufwendige, nervende Handschliff gehört der Vergangenheit an. "Die Maschine liefert eine Top-Qualität. Ich hatte noch nie so ein Gleitgefühl", sagt Claudia Pechstein.

Zwei Jahre Sperre bis heute umstritten

In Sotschi will sie jetzt die Olympia-Medaille gewinnen, die ihr vor vier Jahren verwehrt wurde - "gestohlen", wie sie es ausdrückt. In Vancouver durfte sie damals nicht starten, weil der Eisschnelllauf-Weltverband ISU sie für zwei Jahre gesperrt hatte. Bei einer Blutprobe waren 2009 erhöhte Werte junger, roter Blutkörperchen, so genannter Retikulozyten, festgestellt worden. Für die ISU Grund genug, ein Dopingverfahren einzuleiten - ohne eine positive Doping-Probe.

Sportrechtlich war dies ein korrekter Vorgang. Die Weltdoping-Agentur (WADA) hatte den indirekten Doping-Beweis an Hand von Indizien gerade für zulässig erklärt. Man wollte eine Wende im Anti-Doping-Kampf einläuten, die Beweislast umdrehen. Nun sollte der Sportler bei einem konkreten Verdacht nachweisen müssen, nicht gedopt zu haben. Die Absicht war wohlfeil – nur die Durchführung mangelhaft. Konkrete Richtlinien, nach welchen Kriterien Sperren ausgesprochen werden sollten, gab es noch nicht.

Pechstein im Landgericht München. Foto: dpa-pa
Gerichtsprozesse sind fast schon Routine für PechsteinBild: picture-alliance/dpa

Claudia Pechstein war die erste deutsche Athletin, die auf Grund eines einzigen Indizes gesperrt wurde. Der Internationale Sportgerichtshof bestätigte das Urteil der ISU in letzter Instanz. Sechs Tage danach veränderte die WADA ihre Kriterien für einen indirekten Beweis. Jetzt bedarf es mehrerer verdächtiger Parameter für eine Sperre. Der Umgang mit der erfolgreichsten deutschen Winter-Olympionikin hat zu einer Art Glaubenskrieg zwischen Sportlern, Funktionären und Journalisten geführt. Jede Seite glaubt, im Besitz der schlüssigeren Argumente zu sein.

Gerichtsentscheidung nach Olympia

Gegen die Sperre führt Claudia Pechstein bis heute einen, auch medial sehr aufgeheizten Kampf. Wegen entgangener Sponsorengelder und Siegprämien hat sie die ISU auf vier Millionen Euro Schadenersatz verklagt. Mit mehreren medizinischen Gutachten will sie nachweisen, dass eine von ihrem Vater vererbte Blutkrankheit die Ursache für die erhöhten Werte sein kann. Für Claudia Pechstein geht es auch darum, ihre Ehre wieder herzustellen. Dafür kämpft sie so, wie sie auf dem Eis läuft: ausdauernd, zäh, verbissen.

Das Landgericht München will sich nach den Olympischen Spielen mit dem "Fall Pechstein" befassen. Die Führung des deutschen Sports dagegen geht nach jahrelanger Distanz schon jetzt spürbar auf Annäherungskurs. Der neu gewählte Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), Alfons Hörmann, hat angekündigt, sich dafür einzusetzen, dass Claudia Pechstein wieder in die Sportförderung durch die Bundespolizei aufgenommen wird. "Sie steckt in einer wirklich schwierigen Situation. Ihr Fall ist einer der komplexesten der Sportgeschichte", sagte Hörmann.