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"Zu wenig Aufarbeitung sexueller Gewalt"

Sarah Judith Hofmann 28. Februar 2015

In dem Buch "Als die Soldaten kamen" zeigt Miriam Gebhardt: Nicht nur Soldaten der Roten Armee vergewaltigten nach Kriegsende deutsche Frauen. Auch unter Amerikanern, Franzosen und Briten gab es Täter.

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Symbolbild - Amerikanischer Soldat in Deutschland
Bild: picture-alliance/pixfeatures

DW: 70 Jahre ist das Ende des Zweiten Weltkriegs her. Darf man heute über deutsche Opfer sprechen? Oder ist das Thema der Vergewaltigung deutscher Frauen noch immer ein Tabu?

Miriam Gebhardt: Ich würde weniger von einem Verbot sprechen, als davon, dass die Opfer keine Empathie, kein Mitgefühl in der Gesellschaft erhalten haben. Ich denke, dass es für die Betroffenen selbst ein sehr schambesetztes Thema war. Und ja, schließlich gab es auch eine Phase, in der es politisch undenkbar war über deutsche Opfer zu sprechen. Zum einen weil es wichtig war sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und der Wehrmacht zu beschäftigen, zum anderen aber auch aus politischer Loyalität den jeweiligen Verbündeten gegenüber, sowohl in der Bundesrepublik den westlichen Alliierten als auch in der DDR der Sowjetunion gegenüber.

Bis heute hat sich folgendes ins kollektive Gedächtnis eingegraben: In erster Linie vergewaltigten Soldaten der Roten Armee deutsche Frauen, die GIs der Amerikaner hingegen schenkten ihnen Blumen und Schokolade. Was ist da dran?

Das ist in der Tat das große schiefe Bild, das wir bis heute haben. Es gründet darin, dass die deutschen Frauen bereits vor Kriegsende durch die NS-Kriegspropaganda darauf vorbereitet worden waren, durch sowjetische Soldaten vergewaltigt zu werden. Eine Erwartung, die sich dann auch realisiert hat. Für diese Verbrechen existierte also bereits eine Sprache. Was sich hingegen nicht bewahrheitet hat, das war die Erwartung, die westlich alliierten Soldaten würden so etwas nicht tun. Dabei vergewaltigten sie ebenso. Ich habe Belege dafür gefunden, aber nur wenige Zeugnisse von Frauen selbst, die von Vergewaltigungen durch einen westlichen Soldaten berichtet haben.

Autorin Miriam Gebhardt
Miriam Gebhardt, Historikerin und BuchautorinBild: Oliver Rehbinder

Also war es nicht so, dass die meisten Vergewaltigungsfälle in der sowjetischen Besatzungszone begangen wurden?

Doch das ist schon so. Es hat aber auch etwas mit dem Kriegsverlauf zu tun. Was mich vielmehr erstaunt hat, war zu sehen, dass die strukturellen Abläufe der Vergewaltigungen durch die westlichen Soldaten nach dem gleichen Schema abliefen. Es gingen meistens Plünderungen voraus, Soldaten sind in Häuser eingedrungen und haben erst mal Wertgegenstände beschlagnahmt, sie haben die Fahrräder gestohlen, den Zivilisten die Uhren abgenommen und dann haben sie sich meistens in Gruppen über die Frauen hergemacht. Die Abläufe selber und auch die Gewalttätigkeit der Vergewaltigungen haben sich in meinen Augen kaum unterschieden zwischen den GIs und den Rotarmisten.

Sie gehen von der Zahl von 860.000 vergewaltigten deutschen Frauen aus. Dies ist weitaus geringer als manche vorige Schätzungen, die teilweise allein von rund zwei Millionen von Rotarmisten vergewaltigten Frauen sprechen. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Es gab bislang nur Schätzungen für die Opfer der Roten Armee, die sich zwischen ein und zwei Millionen bewegen. Diese Zahlen beruhen auf einer stichprobenartigen Schätzung von Krankenhausakten eines einzigen Krankenhauses in Berlin. Ich habe einen ganz anderen Weg gefunden. Ich habe herausgefunden, wie viele sogenannte "Besatzungskinder" es gab, denn darüber haben wir ganz genaue Zahlen. Wir wissen ganz genau, dass davon fünf Prozent in einer Gewalttat gezeugt worden sind. Geht man davon aus, dass ungefähr jede zehnte Vergewaltigung zu einer Schwangerschaft geführt und von diesen Schwangerschaften etwa jede zehnte dann auch ausgetragen wurde, so kommt man auf folgende Gleichung: Nach jeder hundertsten Vergewaltigung wurde ein Kind geboren.

Deutschland USA Amerikanische GIs beim Tanz mit deutschen Frauen, Nachkriegszeit
Natürlich gab es auch freiwillige sexuelle Beziehungen zwischen GIs und deutschen Frauen. Gerade deshalb wurde Vergewaltigungsopfern aber oft nicht geglaubt.Bild: picture-alliance/dpa

Ein weiteres Vorurteil: Es waren vor allem junge Frauen, denen sexuelle Gewalt angetan wurde. Was ist da dran?

Ich habe Fälle von sehr jungen Mädchen gefunden, die sexuell zuvor noch gar nicht aktiv waren und für die das eine furchtbare Erfahrung gewesen sein muss, aber auch von älteren Frauen und von Jungen und Männern. Es gibt eine Geschichte, die ich besonders traurig fand: Eine 50-Jährige, die in der Gegend von Freiburg von fünf französischen Soldaten vergewaltigt und dabei auch stark verletzt worden war, kam ins Krankenhaus, später in die Psychiatrie. Die Frau rief jede Nacht um Hilfe. Und doch wusste keiner, was mit ihr los war. Erst Jahre später bei einem erneuten Psychiatrieaufenthalt, fingen Ärzte und Psychiater an, darüber nachzudenken, dass dies eine Folge der Vergewaltigungen sein könnte.

Das heißt bis heute leben einige sehr alte Frauen noch mit den Traumata der Kriegsvergewaltigungen.

Man weiß das aus der Altenpflege, dass tatsächlich manche Frauen, die von Pflegern gewaschen werden müssen, im Alter erneut ihr Trauma durchleben. Wenn sie sich von ruppigen Pflegern berühren lassen müssen oder wenn ein Pfleger beispielsweise mit russischem Akzent spricht. Für diese Situation besteht bislang sehr wenig Verständnis in den Pflegeeinrichtungen.

Sie haben sich bewusst nicht nur in die Opfer, sondern auch in die Täter versetzt. Was haben Sie über die Motive der Täter herausgefunden? Welche Rolle spielte Rache?

Sowohl die Rote Armee auf dem Weg nach Deutschland als auch die US-Armee hatte schon Frauen der Alliierten vergewaltigt. Es ist also eindeutig nicht nur eine Demonstration der Rache oder der Machtausübung gegenüber den Unterlegenen Kriegsgegner.

Hat es – von russischer, amerikanischer, französischer oder britischer Seite – Befehle gegeben, deutsche Frauen zu vergewaltigen?

Nein. Es gab lange Zeit das Gerücht, dass es so eine Aufforderung zur Vergewaltigung bei der Roten Armee gegeben habe, das scheint aber Kriegspropaganda von Seiten der Deutschen gewesen zu sein. Was es möglicherweise gegeben hat, war eine Art von Kriegspropaganda bei den Sowjets, aber auch bei den Amerikanern, die die deutsche Frau als sexuell freizügiger darstellte, als die Frauen in der Heimat. Man hat in den Militärzeitungen der US-Armee gerne Fotos veröffentlicht von Frauen, die US-Soldaten küssen und um den Hals fallen, da wurde mit der sexuellen Trophäe ein Anreiz für die Soldaten geschaffen, über den Ozean zu fliegen und ins Kriegsgeschehen einzugreifen. Damit ist aber nicht gesagt, dass dies erlaubt oder gar angeordnet war.

Wurden Vergewaltigungen geahndet?

Von Seiten der deutschen Behörden gab es keine Handhabe. Ein deutscher Polizist konnte einen amerikanischen oder sowjetischen Soldaten nicht juristisch verfolgen. Wobei die Militärs selber ein sehr strenges Regiment gegenüber ihren Soldaten hatten und teilweise sogar Todesstrafen ausgesprochen haben. Sowohl bei der Roten Armee als auch bei der US Armee habe ich Beispiele von spontanen Hinrichtungen von Soldaten gefunden, die dabei erwischt wurden deutsche Zivilistinnen vergewaltigt zu haben. Wo das nicht passierte, gab es auf jeden Fall mehrjährige Haftstrafen oder Arbeitslager.

Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs (Buchcover)
Bild: DVA

Haben wir heute diese Geschichte genug aufgearbeitet?

Nein, ich denke, dass wir wirklich noch am Anfang stehen. Die Frage ist, ob wir heute den Opfern irgendeine Form von öffentlicher Anerkennung zuteil werden lassen können. Es gibt die Forderung, eine Art Gedenkraum zu schaffen. Ich fände es gut, wenn so eine Form der Erinnerung dezentral stattfinden könnte, in ländlichen Gebieten in Oberbayern beispielsweise, wo man bislang überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, dass die Vergewaltigungen auch dort so eine große Rolle gespielt haben. Und dann wäre natürlich der nächste Schritt sich über Macht- und Gewaltstrukturen im Verhältnis der Geschlechter auch mehr Gedanken zu machen, denn das steht ja schließlich am Ursprung des Problems. Schließlich sind Massenvergewaltigungen in vielen Konflikt- und Kriegsregionen leider immer noch aktuell. Denken wir an die Terrororganisation ISIS, an Boko Haram in Nigeria oder an Syrien.

Das Interview führte Sarah Judith Hofmann

Zum Weiterlesen:
Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen: Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. DVA 2015. 21,99€.