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Biodiversität

Zoologe Wägele: Artenschwund bedeutet Verlust an Lebensqualität

Der neue Weltrat für Biologische Vielfalt hält in dieser Woche seine erste Vollkonferenz ab. Der Zoologe Wolfgang Wägele erinnert im DW-Interview an die Verantwortung der Menschheit auch für kommende Generationen.

Der neue Wissenschaftsrat für Artenvielfalt der Vereinten Nationen soll helfen, das Artensterben einzudämmen. Mit vollem Namen heißt die Einrichtung "Internationales Wissenschaftsgremium für Artenvielfalt und Ökosysteme" (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, IPBES).

Es soll unabhängige Informationen über den weltweiten Zustand der Natur liefern, also Daten über den Artenverlust und seine Ursache sammeln - und diese Daten analysieren.

Das Gremium soll vor allem Empfehlungen an die Politik aussprechen. "Es soll das Pendant zum Weltklimarat IPCC werden, auf den in punkto Klimaschutz die ganze Welt hört", sagt die Parlamentarische Staatssekretärin Ursula Heinen-Esser. Die Deutsche Welle sprach mit dem Zoologen und Biodiversitätsexperten Wolfgang Wägele.

DW: Biodiversität ist ein sehr sperriger Begriff. Was bedeutet er eigentlich?

Wolfgang Wägele: Biodiversität ist die Vielfalt des Lebens - sie unterscheidet unseren Planeten von allen anderen Himmelskörpern, die wir kennen.

Warum ist es wichtig, Biodiversität zu erhalten?

Auch wir Menschen sind ein Produkt der Biodiversität und hängen vom Ökosystem Erde ab. Wenn die Artenvielfalt geringer wird, hat das wirtschaftliche Folgen. Aber es geht uns auch Lebensqualität verloren: Die Landschaften haben dann nicht mehr die Schönheit, wie wir sie derzeit kennen.

Welche Arten müssen Ihrer Meinung nach besonders geschützt werden?

Wolfgang Wägele (Foto: W. Wägerle)

Zoologe Wolfgang Wägele

In vielen Fällen können wir nur die Lebensräume an sich schützen, weil wir die meisten Tierarten, die dort leben, noch gar nicht kennen. In einem Stück Regenwald gibt es mit Sicherheit Tausende von noch nicht bekannten Tierarten. Und dann kennen wir natürlich auch viele Arten, die stark bedroht sind - etwa Säugetiere, Vögel, schöne Schmetterlinge. Wir haben die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass auch die nächsten Generationen diese Organismen noch sehen.

Aber schützenswerte Arten gibt es nicht nur im tropischen Regenwald ...

Nein. Deutschland beispielsweise ist das Hauptverbreitungsgebiet der Buche - für uns ein ganz gewöhnlicher Baum. Aber er bildet hier die dichtesten Wälder. Wir müssen zusehen, dass die Buche und alle Arten, die mit der Buche zusammenleben, erhalten bleiben.

Was ist der beste Weg, Arten und Lebensräume zu schützen?

Zunächst mal über die Einrichtung von Naturschutzgebieten. Aber diese Naturschutzgebiete sind lebendig, sie verändern sich: Es muss möglich sein, dass dort Bäume umfallen, dass sie da liegen bleiben, dass sie wieder Nahrung werden für Pilze und für Käfer. Auf der anderen Seite müssen Schutzgebiete, die zu klein sind, vernetzt werden - etwa über Alleen von Bäumen, in denen Arten von Baum zu Baum und so von einem Waldgebiet in das andere wandern können. Sonst treten schnell Inzuchtphänomene auf.

Karte Artenrückgang durch Überfischung (Foto: IFM-GEOMAR)

Artenrückgang durch Überfischung: Nur in den gelben Regionen herrscht noch eine relativ hohe Artendichte

Was ist die größte Bedrohung für die Artenvielfalt?

Dass der Mensch das Land großflächig nutzt: für die Landwirtschaft, als Industriegebiete, für Sportplätze und Wohnsiedlungen. In den Tropen ist das Hauptproblem das Bevölkerungswachstum. Das bekommt man nur in den Griff, indem man auch an der sozialen Situation der Menschen und an der Familienplanung arbeitet.

Und wie ist es in den Industrieländern?

In Deutschland beispielsweise schreitet der Flächenverbrauch fort, weil immer mehr Menschen verständlicherweise im Grünen leben und Einfamilienhäuser haben wollen. Hier im Bonner Raum werden sehr viele Streuobstwiesen deswegen vernichtet. An anderen Stellen werden Industrieanlagen vergrößert und Straßen und Autobahnen gebaut. Etliche Hektar gehen verloren. Das Problem in Deutschland ist, dass die unteren Behörden die Hoheit über die Nutzung von Flächen besitzen. Wir müssen daran arbeiten, eine landesweite Landschaftsplanung voranzutreiben, damit Systeme auch über Grenzen hinweg erhalten bleiben.

Was ist das brennendste Problem, das die Biodiversitätsforschung angehen muss?

Dass wir kaum Daten haben. Wir wissen, dass es wahrscheinlich 20 bis 30 Millionen Arten von Pflanzen, Tieren und Pilzen gibt - wir kennen bisher aber nur etwa 1,8 Millionen. Wir sind im Moment gar nicht in der Lage, den Artenverlust mit harten Daten zu beschreiben.

Was versprechen Sie als Wissenschaftler sich von dem neuen UN-Wissenschaftsrat für Biodiversität?

Ich vergleiche ihn gerne mit dem Weltklimarat, der sehr erfolgreich gearbeitet hat. Er hat einer breiten Öffentlichkeit und der Politik Daten über die Klimaveränderung geliefert, über die schmelzenden Gletscher, die steigenden Temperaturen und das alles. Das neue Sekretariat für Biodiversität muss jetzt dafür sorgen, dass wir bessere Daten bekommen über die Gefährdung von Biodiversität und über die Prozesse, die in der Natur ablaufen. Das kann nur international koordiniert passieren, weil der Aufwand riesig ist. Er ist viel größer als bei der Klimaforschung: Dort gibt es Tausende von Wetterstationen, die automatisch Klimadaten registrieren. Für Artenvielfalt geht das nicht. Wir brauchen neue Konzepte und Impulse, um neue Technologien in dieser Richtung zu entwickeln - da kann dieser Biodiversitätsrat sehr viel beitragen.

Wnziges Chamäleon auf einem Finger (Bild: dpa)

Nur 19 Millimeter lang: Ein vom Aussterben bedrohtes Mini-Chamäleon (Brookesia micra) auf Madagaskar

Das Sekretariat soll also als Koordinationsstelle für die Wissenschaftler weltweit dienen?

Ja, um einerseits Daten zusammenzutragen und der Politik Informationen zu liefern, und andererseits um Forschung anzuregen. Die Tatsache, dass das Sekretariat Daten braucht, wird die Forschung enorm stimulieren.

Ist das UN-Sekretariat aber nicht ein sehr theoretisches und bürokratisches Konstrukt?

Es gibt in einem solchen System immer mehrere Ebenen: Leute, die definieren, welche Ziele so ein Sekretariat verfolgen soll, zum Beispiel dass wir mehr Daten brauchen über den Rückgang von Regenwäldern in Afrika und Südamerika. Und auf der nächsten Ebene die Wissenschaftler, die in der Lage sind, solche Daten zu erheben. Und dann muss man die Qualität der Daten, die zurückkommen, kontrollieren. Das ist zum Teil Schreibtischarbeit, aber auch die muss gemacht werden.

Welchen Vorteil hat das Sekretariat für den einzelnen Wissenschaftler?

Wenn man Glück hat, bekommt man auf nationaler Ebene von den Regierungen den Auftrag, dazu beizutragen, bestimmte Daten für das Sekretariat zu erheben - und bekommt dann auch staatliche Mittel, um diese Forschung voranzutreiben. Außerdem hoffen wir, dass die Anerkennung von Taxonomen - also den Wissenschaftlern, die neue Arten identifizieren und beschreiben können - wieder steigt. Diese Wissenschaft ist an den deutschen Universitäten inzwischen weitestgehend ausgestorben.

Der Zoologe Wolfgang Wägele leitet den Lehrstuhl Spezielle Zoologie an der Universität Bonn und ist Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn.

DW.DE

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