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Medien

Zeitungskrise bedroht Qualitätsjournalismus

Große Zeitungen galten als Garant für Qualitätsjournalismus. Doch die Konkurrenz durch das Internet hinterlässt Spuren: Auflagen gehen zurück, Pleiten häufen sich. Sinkt damit auch das Niveau der Berichterstattung?

Mit fett gedruckten Lettern stemmt sich die deutsche Zeitungsbranche gegen ihren Niedergang: "Print wirkt" - so der Titel einer Kampagne, mit der der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) versucht, Werbekunden bei der Stange zu halten, die zunehmend zu Online-Medien abwandern.

Der Grund: Die Auflagen der gedruckten Tageszeitungen gehen stark zurück (siehe Grafik unten). Manche Blätter sind bereits vom Markt verschwunden oder stehen kurz vor dem Aus. Erst schlitterte die "Frankfurter Rundschau" in die Insolvenz, dann erschien die letzte Ausgabe der Wirtschaftstageszeitung "Financial Times Deutschland".

Selbst die renommierte "Süddeutsche Zeitung" bereitet massive Einsparungen vor. Überproportional betroffen sind auch kleine Regionalzeitungen, wo Stellenabbau oder Fusionen das Überleben sichern sollen. Der Grund für die Zeitungsmisere, so einfach wie umwälzend: Die junge Generation surft lieber zum Nulltarif im Internet als in der Zeitung zu blättern, die etwas kostet.

DW-Grafik: Peter Steinmetz

Ladenhüter Tageszeitung: Deutschlands Jugend hat keine gedruckte Zeitung mehr auf dem Frühstückstisch

Die tägliche Information kommt aus dem Netz

Nachdem gedruckte und digitale Angebote mindestens ein Jahrzehnt lang nebeneinander existierten und so die Medienvielfalt in Deutschland vergrößerten, habe jetzt eine Auslese begonnen, sagen Beobachter wie Sven Gabor Janszky: "Der Masseninformationsbereich wird in Zukunft nahezu vollständig elektronisch abgebildet werden", prognostiziert der Leiter des Trendforschungs-Unternehmens "2b Ahead". "Heutige Verlage oder Unternehmen, die in diesem Massenbereich ihr Geld verdienen, werden es schwer haben, weiter Geld zu machen."

Trendforscher Sven Gabor Janszky
Foto: privat

Sven Gabor Janszky: Es lebe die Wochenzeitung

Janszky hält die gedruckte Tageszeitung für ein Auslaufmodell, denn sie sei schlicht zu langsam. "Wir wollen in Zukunft Informationen haben, wo auch immer wir sind." Zu Smartphones, Laptops und sozialen Netzwerken passten eben keine Druckprodukte mehr, sagt Janszky. Elektronische Assistenzsysteme, die automatisch und sehr kontextgenau dem Nutzer Informationen auf sein Smartphone übermittelten, würden weiter an Bedeutung gewinnen.

Im Masseninformationsbereich würden elektronische Filter zunehmend die Aufgabe von Journalisten übernehmen. Damit könnten die Informationsangebote noch passgenauer auf die jeweiligen Vorlieben eines Mediennutzers zugeschnitten werden, schätzt der Trendscout: "Meine Zeitung auf meinem Display sieht dann anders aus als ihre Zeitung auf Ihrem Display."

"Der Qualitätsjournalismus zieht sich in die Nische zurück"

Das Aus für die Tageszeitung bedeute allerdings nicht zwangsläufig das Aus für die gedruckte Information, beruhigt der Janszky eingefleischte Printfans. Allerdings würden Printmedien in Zukunft noch mehr zum Luxusgut: "Gedruckte Information wird zum Premium-Bereich, durch den Informationen in einen Kontext gesetzt werden, der Meinungen und Einordnungen gibt." Das gebe es nicht mehr täglich druckfrisch, sondern als Hochglanz-Magazin für eine zahlungskräftige Informationselite einmal die Woche, einmal im Monat oder einmal alle drei Monate.

Gedruckte Hintergrundgeschichten und Analysen würden damit zur Ergänzung zu den tagesaktuellen und interaktiven Informationen aus dem Netz. Beispiel hierfür sei die Wochenzeitung "Die Zeit", die - entgegen dem Branchentrend - als gedruckte Ausgabe Woche für Woche neue Auflagenrekorde feiere.

Zwei Ausgaben der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau versinken im Schnee
Foto: Richard Fuchs (DW)

Zwei große Tageszeitungen hat es bereits kalt erwischt: Folgen weitere Pleiten?

Dem Rest der Branche stehe das große Zeitungssterben erst noch bevor, erwartet der Trendforscher. Das werde nicht ohne Auswirkungen auf das Niveau der Berichterstattung haben. "Wir werden erleben, dass Qualitätsjournalismus sich zurückzieht in eine Nische, die sehr teuer ist, für die es aber eine Zielgruppe gibt." Dass Massenprodukte noch von Qualitätsjournalismus durchdrungen seien, davon müssten wir uns verabschieden, provoziert Janszky Menschen wie Frank Schirrmacher.

Der ist Herausgeber einer der bekanntesten deutschen Qualitätstageszeitung, der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), und kämpft mit viel Pathos gegen die schleichende Volldigitalisierung der Informationsbranche. "Was ist wirklich geschehen mit der Demokratisierung der Information?", fragte er in einer Ausgabe seiner Zeitung die Leser rhetorisch. Seine Antwort, erwartbar, aber wenig schmeichelhaft fürs Netz: Aus der "schönen neuen Informationsökonomie" seien bisher vor allem große Unternehmen wie Amazon, Google, Facebook und Apple hervorgegangen.

Bezahlschranken als Ausweg

Journalistik-Professor Klaus Meier
Foto: privat

Klaus Meier: Geschäftsmodell der Zukunft noch nicht erfunden

Auch bei der deutschen Politik ist die Zeitungskrise inzwischen zum Politikum geworden, befeuert durch Trends in den USA und Großbritannien. Zuletzt hatte das US-Gesellschaftsmagazin "Newsweek" nach über 80 Jahren seine auflagenschwache Printausgabe beerdigt, um ab 2013 nur noch aufs Internet zu setzen. Ein Trend, den Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Sorge kommentiert. Sie wünsche sich, dass auch die allseits bekannte Zeitung und Zeitschriften eine gute Zukunft haben, sagte sie ausgerechnet in ihrer wöchentlichen Video-Botschaft, die das Kanzleramt per Internet verbreitet.

Journalistik-Professor Klaus Meier hält den Abgesang auf die Printmedien für unangemessen. "Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland in naher Zukunft weitere Zeitungen haben, die komplett eingestellt werden", sagt der Crossmedia-Spezialist von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Auch die Tageszeitungen hätten sich enorm weiterentwickelt, sagt Meier: "Wenn Sie die Zeitung von heute und von vor 20 Jahren nebeneinanderlegen, dann sehen Sie schon auf den ersten Blick, dass wir grafisch schon viel weiter sind." Vierfarbdruck, Infografiken und übersichtliche Layouts machten Lust aufs Lesen, ebenso wie leserorientiert geschriebene Texte, Themenschwerpunkte und stärker aufs Verbreitungsgebiet konzentrierte Berichterstattung.

Für Meier wird es auf eine langfristige Koexistenz zwischen Online-Medien und einem stark geschrumpften, aber schlagkräftigen Printsektor hinauslaufen, wobei die Grenzen noch mehr verschwimmen. "Tageszeitungen werden nur noch ein bis zwei Mal wöchentlich als Printausgabe erscheinen, dafür im Internet dann topaktuell und interaktiv publizieren."

Ein Exemplar der letzten Ausgabe der Financial Times Deutschland (FTD)
Foto: Stephanie Pilick (dpa)

Alles schwarz: letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland

Ob bei diesem Wandel die Qualität im Journalismus auf der Strecke bleibt, das entscheidet sich nach Meier Ansicht daran, welches Geschäftsmodell sich in der Berichterstattung künftig durchsetzt. Dabei würden noch häufiger sogenannte "Paywalls", also Bezahlschranken für digitale Inhalte auf den Webseiten von Zeitungsverlagen zur Anwendung kommen, sagt der Professor. Die Einführung eines solchen Systems beim digitalen Angebot der Springer-Verlagszeitung "Die Welt" bezeichnet Meier als dafür wegweisend.

"Auf der anderen Seite werden wir immer mehr sehen, dass Journalismus nicht zu 100 Prozent marktfähig ist, sondern dass wir über Stiftungsmodelle, vielleicht auch über staatliche Beteiligungen nachdenken müssen." Als Vorbild sieht er gemeinnützige Stiftungen wie "Pro Publica" in den USA, die einzelne Journalisten oder ganze Redaktionen durch Stipendien bei aufwendigen Recherchen unterstützen. Ob das allerdings ausreicht, damit - wie in der Kampagne "Print wirkt" versprochen - die Printmedien ihren Platz in der Medienlandschaft sichern, da mag sich auch der Experte nicht festlegen.

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