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Schuldenkrise

Wohin geht die Reise des Euro?

Während Thilo Sarrazin durch Deutschland tourt und erklärt, warum Europa den Euro nicht braucht, grübeln Ökonomen darüber, wie der Euro gerettet werden kann - denn seine Zukunft ist so unsicher wie noch nie.

Eine Flaschenpost am Strand gefüllt mit EuroscheinenFlaschenpost (Foto. Fotolia)

Wohin treibt der Euro?

In Griechenland findet am 17. Juni die zweite Parlamentswahl innerhalb von 50 Tagen statt. Das Land ist ein wirtschaftliches Pulverfass: Eine neue Umfrage oder eine unbedachte Aussage eines Politikers könnten reichen, um die Hellenen dazu zu bringen, ihr Geld noch schneller als bisher von ihren Konten abzuheben.

"Ich kann es mir vorstellen, dass sich die Situation noch vor der Wahl verschärfen könnte", sagt Martin Hüfner, Chefökonom von Assenagon Investments in München. Dann werden wahrscheinlich über Nacht Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Darüber hat auch die Schweizer Notenbank schon laut nachgedacht. "Ich bin mir sicher, dass man auch in Athen, bei der Europäischen Zentralbank oder in Brüssel längst über Kapitalverkehrskontrollen nachdenkt", sagt Hüfner gegenüber der DW.

Keinen Euro nach Athen tragen

Dr. Martin Hüfner, Chefökonom von Assenagon (Foto: Assenagon)

Dr. Martin Hüfner, Chefökonom von Assenagon

Bis in Athen eine Regierung gebildet wird, die sich an die vereinbarten Auflagen aus den Hilfsprogrammen hält, dürfe kein Geld mehr dorthin fließen, fordert Hüfner. Auch die Euro-Partner wollen Griechenland erst wieder mit weiteren Milliarden unter die Arme greifen, wenn die Experten aus der sogenannten Troika - der EU-Kommission, der EZB und dem Internationalen Währungsfonds - die Einhaltung des Sparkurses bestätigen.

Wenn die nächste Tranche nicht eintrifft, drohen Athen Ende Juni erst die ungeordnete Insolvenz und dann der Austritt aus der Währungsunion. Bankenzusammenbruch, ein Erlahmen der Wirtschaft und soziale Unruhen könnten die Folgen sein. So schlimm muss es nicht kommen. Laut Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, könnte Griechenland eine Zeitlang zwei Währungen nebeneinander laufen lassen. Statt Gehälter und Renten würden die Griechen erst mal Schuldscheine bekommen, die sie untereinander tauschen und damit die Bedürfnisse des Alltags decken könnten. Die Schuldscheine nennt Mayer Geuro, griechischen Euro: "Das wäre eine Lösung, wo man partiell aus dem Euro. herausgeht. Es ist wahrscheinlich das geringere Übel."

Als das geringere Problem für die Eurozone wird Griechenland inzwischen an den Finanzmärkten gehandelt. Zum Zünglein an der Waage ist längst Spanien geworden. Die viertgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion leidet unter einem wankenden Bankensektor, bei dem nach dem Platzen der Immobilienblase immer größere Probleme sichtbar werden.

Experten uneins über die Lage in Spanien

Dr. Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank (Foto: Deutsche bank)

Dr. Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank

"Jeder vernünftige Mensch würde sagen, die Spanier müssen unter den Rettungsschirm. Die Zinsen sind stark angestiegen. Sie haben einfach kein Geld mehr", meint Ökonom Hüfner. Die Spanier müssten ihren Nationalstolz überwinden und in den sauren Apfel beißen. Für Thomas Mayer von der Deutschen Bank ist die Lage für Madrid nicht so erdrückend: "Spanien hat Optionen. Auf der einen Seite könnten sie das Geld zu sechseinhalb oder sieben Prozent Zinsen am Markt aufnehmen, um damit ihre Banken zu rekapitalisieren." In der Vergangenheit habe Spanien mehr bezahlt. Wenn das zuviel würde, hätte das Land immer noch die Möglichkeit, die europäische Hilfe zur Bankenrestruktuierung in Anspruch zu nehmen. Damit müsste Spanien nur Auflagen für den Bankensektor akzeptieren und kein Programm für die Gesamtwirtschaft, so Mayer zur Deutschen Welle.

Während sich Spanien noch ziert, gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass die bisherige Rettungsstrategie, die einseitig auf Ausgabendisziplin setzt, gescheitert ist. Die meisten Länder der Eurozone rutschen immer tiefer in die Rezession hinein. Eine schrumpfende Wirtschaft führt zu weniger Steuereinnahmen und einer noch höheren Schuldenquote.

Eine "atmende" Fiskalregel

Prof. Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (Foto: dpa)

Prof. Dennis Snower,Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft

"Europa braucht eine 'atmende' Fiskalregel", schreibt Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Den rezessionsbetroffenen Ländern müsse es erlaubt sein, "die Wirtschaft durch staatliche Ausgaben und Steuersenkungen anzukurbeln", so Snower weiter. Zudem könnten die Strukturfonds der EU und die Europäische Investitionsbank herangezogen werden.

Martin Hüfner schlägt gar einen zweiten Haushalt - einen Investitionshaushalt - für Krisenstaaten vor. Mindestens ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts der betroffenen Länder müsste er umfassen. Dafür bedarf es weder Eurobonds noch Projektbonds. Die Märkte würden nationale Programme finanzieren, wenn sie sehen, dass sich dadurch die Lage bessert, ist Hüfner überzeugt.

Um den Euro dauerhaft zu sichern, kommen die Länder nicht um eine politische Union herum. Hüfner fordert, dass die Regierungen langsam die Legitimation für die Gemeinschaftswährung mit allen Konsequenzen vom Volk holen sollten: "Der damalige Kanzler Helmut Kohl hatte gesagt: Eine Volkssabstimmung (über den Euro) würde negativ ausgehen. Deswegen darf sie nicht stattfinden." Die Diagnose sei zwar richtig gewesen, die Schlussfolgerung aber falsch. "Wir brauchen die Unterstützung der Bevölkerung", so Hüfner weiter.

Zerfall oder Spaltung der Eurozone?

Schild Eurozone

Quo vadis?

Die Chancen, dass dies gelingt, schätzt er auf 50 Prozent ein. Ansonsten müssten die Länder zu ihren Nationalwährungen zurückkehren, wovon Thomas Mayer dringend abrät. Denn nicht nur die Kosten der Rückabwicklung der Währungsunion wären enorm, "es würde Europa währungsmäßig wieder in die Kleinstaaterei zurückbringen. Wir hätten dann auch keine wirkliche Unabhängigkeit mehr in der Geldpolitik." Europa würde wieder abhängig werden von dem, was außerhalb Europas passiere. "Wir hätten wenig Möglichkeiten, uns zumindest währungsmäßig abzukoppeln", sagt der scheidende Chefvolkwirt der Deutschen Bank.

Die immer wieder ins Spiel gebrachte Spaltung der Währungsunion in eine Nord- und eine Südzone hält Martin Hüfner für nicht realistisch: "Das ist eine Konstruktion, die politisch nicht machbar ist. Denn dann müssten Deutschland und Frankreich wahrscheinlich getrennt werden." Dann würde die politische Zusammenarbeit in Europa sehr, sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, schlussfolgert er.

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