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Atomkraft

Wie sicher sind deutsche Atomkraftwerke?

Auch deutsche Reaktoren weisen Sicherheitsmängel auf. Das stellt eine Untersuchung der EU-Kommission fest. Details sollen zwar erst Mitte Oktober veröffentlicht werden, doch Experten kennen die Probleme.

In zehn Jahren sollen in Deutschland die letzten der neun noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. So sehen es die Pläne der Bundesregierung vor. Bis dahin bestehe ein erhöhtes Risiko, schreiben die Verfasser der EU-Studie. Auch von den bereits stillgelegten deutschen Meilern, die noch jahrelang nachbetreut werden müssten, gingen weiter Gefahren aus.

Das Bundesumweltministerium hält sich mit der Bewertung tatsächlicher oder vermeintlicher Sicherheitsmängel bei den noch laufenden Anlagen zurück. Erklärt wird lediglich, dass weder Kühlwasser noch Stromversorgung oder Notfallmaßnahmen beanstandet wurden. Das beurteilen die Fachleute der EU-Kommission nach ihren "Stresstests" jedoch anders. Demnach fehlen in den deutschen Kernkraftwerken Erdbeben-Warnsysteme, auch internationale Leitlinien für schwere Unfälle seien nicht umgesetzt.

Die großen Stromversorger als Betreiber deutscher Atomkraftwerke verweisen darauf, dass kaum noch Anlagen in erdbebengefährdeten Gebieten in Deutschland betrieben werden. Tatsächlich ist das umstrittene Atomkraftwerk Biblis nach zahlreichen Störfällen vom Netz genommen. Es wurde im erdbebengefährdeten Rheingraben erbaut, wo die eurasische Kontinentalplatte eine Bruchstelle hat. Zum anderen Kritikpunkt der Studie erklärte ein Sprecher der deutschen Atomwirtschaft, alle wichtigen Sicherheitsrichtlinien würden eingehalten.

Hohes Risiko bei Wartungsarbeiten

Atomkraftgegner fahren anlässlich eines Sternmarschs gegen Atomkraft mit Fahrrädern am Atomkraftwerk Biblis vorbei. (Foto: dapd)

Bereits abgeschaltet: Das Atomkraftwerk Biblis

Der jüngste Vorfall im noch laufenden Atomkraftwerk Brokdorf in Niedersachsen aber zeigt, was Atomkraft-Kritiker als die größte Gefahr ansehen: Fehler bei den Wartungsarbeiten. So kam es in Brokdorf erst am vergangenen Sonntag (30.09.2012) zu einem starken Leistungsabfall, als eine Spannungsversorgung ausgetauscht werden sollte. Bereits länger in Betrieb befindliche Kernkraftwerke müssen schrittweise erneuert werden. Dabei kommt es immer wieder zu Problemen beim Austausch alter analoger Bauteile gegen neue digitale.

Von Deutschlands ältestem Druckwasserreaktor, Neckarwestheim I, zum Beispiel liegt der Reaktorsicherheitskommission ein Bericht vor, wonach dort beim Einbau digitaler Leittechnik die Steuerungstechnik blockierte. In dem Bericht steht außerdem, dass Wartungsarbeiten aus Effizienzgründen von vier auf zwei Wochen gekürzt und zum Teil von angelernten Hilfskräften ausgeführt wurden. Wegen der Kürze der Zeit übersahen die Techniker bei der Überprüfung auch 27 Jahre alte Schweißnähte.

Der Traum von der Terrorsicherheit

Das Atomkraftwerk Gundremmingen in Gundremmingen. (Foto: dpa)

Atomkraftwerk Gundremmingen

Gänzlich unberücksichtigt bleibt im Bericht der EU-Kommission offenbar die Terrorsicherheit. Dabei gibt es gerade in dieser Hinsicht schon lange Kritik an bestehenden und fehlenden Vorkehrungen. Die Bundesregierung ließ in einer in den USA beauftragten Studie klären, wie die Meiler besser gegen Terroranschläge, beispielsweise durch Flugzeuge oder panzerbrechende Waffen, geschützt werden können. Darin wurde vorgeschlagen, die Wände der Reaktorblöcke mit bis zu drei Meter dickem Zusatzbeton zu verstärken, Stahlnetze aufzuspannen und Vernebelungsanlagen zu installieren.

Ob und was von diesen Vorschlägen bereits umgesetzt wurde, darüber schweigen sich die Stromkonzerne, die Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden sowie das Bundesumweltministerium und die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit aus. Das sei Betriebsgeheimnis, heißt es auf Anfrage.

Kein Schutz gegen Flugzeugabstürze

Auskunft zur Sicherheit deutscher Kernkraftwerke geben vor allem Nichtregierungsorganisationen wie die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW und Greenpeace. Beide haben auch eigene Untersuchungen in Auftrag gegeben. Ihr Ergebnis: Kein deutsches Atomkraftwerk sei gegen den Absturz eines großen Flugzeugs abgesichert, so Tobias Riedl von Greenpeace. Bei den älteren Kraftwerken sei die Gefahr besonders groß, denn die Wände wären viel zu dünn. Schon kleinere Flugzeuge könnten großen Schaden anrichten. Zudem seien die Meiler nur mangelhaft gegen Brände geschützt.

Greenpeace-Aktivisten auf der Reaktorschutzkuppel des Atommeilers Unterweser (Foto: dpa)

Greenpeace-Aktion auf der Kuppel des AKW Unterweser

Die Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit hatte deshalb angeregt, in Passagiermaschinen eine Spezialelektronik einzubauen, die ein Flugzeug automatisch umleitet, sobald es vom Kurs abweicht und sich einer Atomanlage nähert. Auf die Frage, ob diese Sicherheitsmaßnahme inzwischen umgesetzt ist, erhält man von offizieller Seite ebenfalls keine Antwort. Stattdessen verweisen die zuständigen Genehmigungsbehörden für Atomkraftwerke darauf, dass in unmittelbarer Nähe von Atomreaktoren keine Hubschrauber mehr landen dürfen.

Gefahren durch Erdbeben und Hochwasser

Gegen elementare Gefahren wie Hochwasser und Erdbeben sind alle deutschen Atomkraftwerke nach Meinung von Kritikern nur unzureichend geschützt, egal ob sie mit Erdbeben-Warnsystemen ausgestattet sind oder nicht. Laut Henrik Paulitz, der sich beim IPPNW seit Jahren mit den entsprechenden Studien beschäftigt, sind die meisten Wände, Rohrleitungen und Halterungssysteme viel zu schwach, um einem Erdbeben standzuhalten. Auch sei bei Hochwasser schon Wasser in Reaktorgebäude eingedrungen. Paulitz warnt auch vor dem sogenannten Notstrom-Fall. In der Vergangenheit habe sich wiederholt gezeigt, dass in deutschen Atomkraftwerken die Notstromversorgung nicht richtig funktioniere.

Prinzip Hoffnung

Eine Luftaufnahme des Kernkraftwerks in Mülheim-Kärlich am Rhein (Foto: dpa)

Das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich wird demontiert

Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts verpflichtet die Atomkraftwerkbetreiber in Sachen Sicherheit nachzurüsten. Allerdings mit der Einschränkung, dass Kosten und Aufwand in einem vertretbaren Verhältnis stehen müssten. Was wünschenswert wäre, ist den Betreibern der Atomanlagen aber meist zu teuer.

In der Vereinbarung zur Verlängerung der Laufzeiten haben sich die Betreiber deutscher Atomkraftwerke von der Bundesregierung sogar zusichern lassen, dass sie die Nachrüstkosten zur Modernisierung der Meiler nur bis zu einer Größenordnung von 500 Millionen Euro bezahlen müssen. Wird dieser Betrag überstiegen, dürfen die Unternehmen weniger in den staatlichen Ökofonds einzahlen.

Auf Sicherheitsmängel von Atomkraftwerken angesprochen, verweisen die Betreiber gerne auf Risikostudien. Eine in diesen Fällen gern zitierte Studie stammt aus dem Jahr 1989 von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit. Sie besagt, dass in deutschen Kernkraftwerken nur alle 33.000 Jahre mit einem schweren Unfall zu rechnen sei. Wann dieser Unfall stattfindet und welche Folgen er hat, lässt sich allerdings nichts berechnen.