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Gesellschaft

Welche Religion gehört zu Deutschland?

Vor sechzig Jahren bekannten sich fast alle Deutschen zum Christentum. Heute leben in der Bundesrepublik auch viele Muslime und Juden. Doch wird auch ihr Glaube akzeptiert?

"Der Islam gehört zu Deutschland" - dieser Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff hat in Deutschland zu heftigen Diskussionen geführt. Denn während er dem Staatsoberhaupt die Sympathien der meisten in Deutschland lebenden Muslime einbrachte, rief er in weiten Teilen der Bevölkerung und in der Politik Widerspruch hervor. Auch Wulffs Nachfolger Joachim Gauck, selbst evangelischer Pfarrer, wollte den Satz so nicht übernehmen. Er sagte stattdessen, nicht der Islam, aber die Muslime gehörten zu Deutschland.

Muslime ohne Islam?

Für die evangelische Theologin Petra Bahr ist diese Unterscheidung reine Semantik, oder, wie sie selbst sagt, Erbsenzählerei. Bei einer Diskussion im Jüdischen Museum in Berlin antwortete die Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf die Frage, welche Religion denn nun zu Deutschland gehöre: "Das ist ganz einfach zu beantworten: die Religionen aller Deutschen." Zwischen Muslimen und Islam könne man nicht unterscheiden.

Petra Kulturbeauftragte der EKD. 
Foto: Kulturbüro der EKD
Bild geliefert von Franziska Windisch, Assistenz Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, 
Stiftung Jüdisches Museum Berlin für DW/Bettina Marx.

Petra Bahr, Kulturbeauftragte der EKD, setzt sich für den Dialog der Religionen ein

Möglicherweise sei dies eine in Deutschland verbreitete Sehnsucht, dass es Muslime ohne den Islam geben möge, sagte augenzwinkernd Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Auch für ihn ist klar: die Muslime und der Islam gehören zu Deutschland. "Wir wissen alle, dass alle drei monotheistischen Religionen nicht aus Brandenburg kommen, sondern aus dem Morgenland. Unsere abendländische Identität steht auf morgenländischen Beinen." Die deutsche Identität setze sich aus vielen Traditionen zusammen. Dazu gehörten die jüdische, die muslimische und natürlich die christliche Tradition.

Religionsvielfalt in Deutschland

In Deutschland sind fünf Prozent der Bevölkerung Muslime. Das sind prozentual mehr als in den Vereinigten Staaten, wo sich nur 2,5 Prozent der Bevölkerung zum Islam bekennen. Mehr als die Hälfte der Deutschen gehören den beiden großen christlichen Kirchen an. Ein Drittel der Bürger ist konfessionell nicht gebunden.

Noch vor einem halben Jahrhundert war das ganz anders. In den 1950er Jahren des letzten Jahrhunderts, so der Sozialwissenschaftler Detlef Pollack von der Universität Münster, waren 90 Prozent der Deutschen Christen.

Heute gibt es mehr und vielfältigere religiöse Bekenntnisse in Deutschland. Dennoch sehen immer noch 70 Prozent der Bevölkerung im Christentum das Fundament der deutschen Kultur. Der Islam wird von der Mehrheit als fremd abgelehnt. Sie spricht sich dafür aus, ihm nicht die gleichen Rechte zuzugestehen wie dem Christentum. So stößt der Bau von Moscheen immer wieder auf heftigen Widerstand der Bürger. Zwei Drittel wollen keinen Moscheebau in Deutschland akzeptieren. Mit dieser Haltung unterschieden sich die Deutschen von ihren Nachbarn, die dem Islam unbefangener gegenüberständen, erklärt der Soziologe Pollack. "Gerade mal 34 Prozent der Westdeutschen und nur etwa 25 oder 26 Prozent der Ostdeutschen sagen von sich selbst, dass sie eine positive Haltung gegenüber den Muslimen haben. Die Haltung der Deutschen zu den anderen Religionsgemeinschaften ist deutlich besser."

Antisemitismus noch immer verbreitet

Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. 
Foto: Jüdisches Museum

Stephan Kramer beklagt Vorurteile gegen Juden und Muslime

Doch auch dem Judentum begegnen viele Deutsche mit Vorbehalten. Bei einem Fünftel der deutschen Bevölkerung seien judenfeindliche Einstellungen verankert, stellte zu Beginn des Jahres ein Expertengremium fest, das im Auftrag des Bundestages eine Antisemitismus-Studie vorgelegt hatte. Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, erinnerte in der Diskussion im Jüdischen Museum an eine Umfrage, nach der 50 Prozent der Deutschen nicht neben Juden wohnen wollten. Vorurteile abbauen könne man nur, indem man den Anderen besser kennenlerne, sagte er. Zum Beispiel, indem man die Feiertage der jeweils anderen Religion kennen- und respektieren lerne. Dazu genüge es, wenn sie in den offiziellen Kalender eingetragen würden. Niemand verlange, dass sie als arbeitsfreie staatliche Feiertage anerkannt würden. "Um die Akzeptanz in der Gesellschaft zu fördern, können wir darauf aufmerksam machen, dass es bei uns Menschen gibt, Bürger dieses Landes,  die andere religiöse Feiertage haben. Schon allein das Wissen darum würde viel bewegen."