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Wahlkampf in Israel

Peter Hille11. März 2015

Er ist Spross einer Polit-Dynastie und setzt auf die richtigen Themen. Beste Voraussetzungen also für Izchak Herzog, nächster Premier Israels zu werden. Doch im Vergleich zu Amtsinhaber Netanjahu gilt er als zu weich.

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Israel Isaac Herzog Kandidat der Opposition
Bild: Reuters/B. Ratner

Izchak Herzog steht aufrecht am Pult, hebt den Zeigefinger und richtet die Augen steif geradeaus: "Nur der Premierminister kann das Problem der Wohnungsnot bekämpfen", sagt der Spitzenkandidat der israelischen Linken und wird dabei langsam lauter, geht hörbar über seine natürliche Stimmlage hinaus. "Und ich verspreche, dass ich dieses Problem als Premierminister persönlich angehen werde."

In dieser kurzen Wahlkampfszene zeigen sich Stärke und Schwäche Herzogs gleichermaßen. Seine Stärke: er setzt auf soziale Gerechtigkeit. Dieses Thema ist laut Umfragen für die Mehrheit der Israelis bestimmend für ihre Wahlentscheidung am 17. März. Die Mietpreise sind in den vergangenen sechs Jahren um ein Drittel gestiegen. Die Gehälter stagnieren, die Preise galoppieren: fast jeder zweite Israeli hat deshalb dauerhaft ein Minus auf dem Konto.

Tel Aviv Proteste gegen die Regierung (Photo: JACK GUEZ/AFP/Getty Images)
Für einen Regierungswechsel: Demonstration in Tel Aviv am 7. März 2015Bild: Jack Guez/AFP/Getty Images

Leise Stimme kostet Stimmen

Doch Wahlkampf lebt nicht nur von den richtigen Themen - auch die Persönlichkeit entscheidet. Und hier liegt Herzogs Schwäche. Er gilt als wenig charismatisch. "Er hat eine eher leise Stimme. Beim Reden vermittelt er nicht den Eindruck von Macht und Selbstbewusstsein", sagt Eytan Gilboa, Politologe und Direktor des Zentrums für Kommunikation an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv. "Er hat daran gearbeitet, das zu verbessern. Aber ich kann keinen großen Erfolg feststellen."

Wie fast jeder israelische Spitzenpolitiker hat auch Herzog seinen Militärdienst in einer Elite-Einheit geleistet. Aber das Militärische hört und sieht man ihm nicht an. Der 54-jährige hat eher etwas vom freundlichen Versicherungsberater von nebenan: schlank, nicht besonders groß gewachsen, leicht lockiges, braunes Haar. Er trägt gern blaue Hemden, passend zu seiner Augenfarbe. "Bougie" ist der sanfte Kosename, dem ihm seine Mutter einst gabUnd den benutzt die politische Konkurrenz nun im Wahlkampf.

Benjamin Netanjahu Rede vor dem Congress (Photo: Win McNamee/Getty Images))
Vor dem US-Kongress: Benjamin Netanjahu macht Wahlkampf in WashingtonBild: Getty Images/W. McNamee

Für Frieden, gegen Isolation

Dieses eher weiche Image unterscheide Herzog von Amtsinhaber Benjamin Netanjahu, so Gilboa. Dessen Rede vor dem US-Kongress habe viele Israelis beeindruckt – Spitzname "Bibi" hin oder her: "Sie haben einen mächtigen Politiker gehört und gesehen." Das Stimmvolumen eines Generals, ein militärisch scharfer Tonfall - so etwas kommt gut an in Israel. Während Netanjahu in Washington die große Bühne suchte, sprach Herzog in Nir Moshe, einem Dorf nicht weit vom Gaza-Streifen in der Negev-Wüste. "Der Premier ist sicherlich ein guter Redner", sagte Herzog dort, "doch trotz seiner beeindruckenden Worte wird er am Ende allein dastehen und Israel isolieren."

Denn nicht nur Tonfall und Sozialpolitik unterscheiden Netanjahu und Herzog. Netanjahu sucht die Konfrontation im Kampf gegen das iranische Atomprogramm, hat den Siedlungsbau vorangetrieben und kann sich "keinerlei Zugeständnisse" mehr gegenüber den Palästinensern vorstellen. Herzog dagegen spricht sich für ein internationales Iran-Abkommen aus, er "sehnt sich nach Frieden", auch mit den Palästinensern, denen er einen eigenen Staat zugesteht.

Izchak Herzog und Zipi Livni (Photo: REUTERS/Baz Ratner)
Zionistische Union: Livni und Herzog wollen gemeinsam an die SpitzeBild: Reuters/B. Ratner

Die Herzogs - fast schon adelig

"Mit Herzog als Premierminister könnte Israel ein neues politisches Kapitel aufschlagen", sagt der Politik- und Kommunikationswissenschaftler Gilboa der DW. "Aber es gibt da die Erwartung, die viele Europäer haben, dass mit einem Premierminister des linken Lagers schon morgen ein Abkommen mit den Palästinensern gefunden wird. Das ist völliger Unsinn, die Geschichte hat etwas anderes gezeigt."

Herzogs politische Karriere begann 1999 unter Ehud Barak, dem er als Kabinettssekretär, vergleichbar dem deutschen Kanzleramtsminister oder dem US-amerikanischen Chief-of-Staff, diente. Später war er Minister für Wohnungs- und Bauwesen, seit 2013 führt Herzog die israelische Arbeitspartei. Fast schon aristokratisch ist die Familiengeschichte des Kandidaten. Sein Vater Chaim Herzog war von 1983-1993 Staatspräsident, sein Großvater Isaak HaLevy Herzog ab 1937 erster Großrabbiner Palästinas und später Israels. Nun könnte Herzog Junior seiner Karriere die Krone aufsetzen. Gemeinsam mit der ehemaligen Außenministerin Tzipi Livni und ihrer Bewegung der Mitte hat er Ende 2014 die "Zionistische Union" als Wahlkampfbündnis ins Leben gerufen. Im Falle eines Wahlsieges würde Livni Herzog nach zwei Jahren als Premierministerin ablösen.

Spannend bis zum letzten Tag

Das Wahlkampfbündnis liegt momentan etwa gleichauf mit dem Likud von Benjamin Netanjahu. "Es gibt immer noch sehr viele unentschlossene Wähler", so Politologe Gilboa. "Das sind zwischen zwölf und fünfzehn Prozent. Viele davon werden sich wohl erst am Wahltag selbst entscheiden." Allerdings: weder Likud noch Zionistische Union können derzeit auf eine eigene Mehrheit hoffen. Eine Koalition aus rechten und religiösen Parteien könnte einen Premier Herzog also verhindern. Es sei denn, er trifft im Wahlkampf-Endspurt noch einmal genau den richtigen Ton.