1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Von "Deutschtum" und Anpassung

Brasilien feiert in diesem Jahr 180 Jahre deutsche Einwanderung. Nun beleuchtet eine Ausstellung die Rolle der Einwanderer bei der Entwicklung ihrer neuen Heimat.

Auf der Suche nach neuer Heimat

Rund fünf Millionen der 176 Millionen Einwohnern Brasiliens stammen aus dem deutschprachigen Raum. Vor allem im Süden des Landes ist deren Einfluss im Wirtschaftsleben, in der Kultur, im Bildungswesen, in der Religion, im Brauchtum und in der Sprache bis heute erkennbar. Allein im südlichsten Bundesland Rio Grande do Sul ist ein Drittel der zehn Millionen Einwohner deutschstämmig. Etwa ein Viertel sprechen noch deutsch und einige sogar den Hunsrücker Dialekt.

Dem deutschen Erbe hat Brasilien nun eine Ausstellung gewidmet. "Brasilien ist nicht weit von hier - Hunsrücker und andere Deutsche auf der Suche nach einer neuen Heimat" ist der Titel einer Wanderausstellung, die bis Ende 2004 in Deutschland unterwegs ist. Sie schildert ein breites Panorama der Deutschen Einwanderung, die 1824 mit der Gründung der Stadt São Leopoldo in großem Ausmaß begann.

Die Kaiserin und die Deutschen

Vor allem Wirtschaftskrisen und die langjährige Wehrpflicht weckten in vielen Deutschen im 19. Jahrhundert den Wunsch auszuwandern. Nach der Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal 1822 wurde die Einwanderung möglich. Der brasilianische Kaiser Pedro II. heiratete eine Habsburgerin, Leopoldina, die sich stark für deutsche Einwanderung engagierte.

Diese Einwanderungspolitik war vor allem mit zwei Interessen verbunden: Zum einen wollte die Regierung die Kultivierung wenig bewohnter Regionen fördern. Zudem versprach man sich durch die Schaffung von Kleinbesitz und familienwirtschaftlichen Strukturen eine Belebung des Binnenmarktes. Hierbei spielten die Einwanderer deutscher Herkunft eine wichtige Rolle. Bis 1870 bildeten sie die Mehrheit im Süden des Landes. Erst danach siedelten dort auch vermehrt andere Europäer, vor allem Italiener, aber auch Portugiesen, Spanier, Polen und Russen.

Das zweite Interesse bestand seitens der Großgrundbesitzer. Das Verbot des Sklavenhandels (1850) führte zu einer drohenden Knappheit an Arbeitskräften. Europäische Einwanderer sollten diese Lücke schließen.

Weiße willkommen

Zudem hing die Einwanderungspolitik mit der "Rassendiskussion" zusammen: Angesichts einer Bevölkerung mit einem großen Anteil an Schwarzen begrüßten die weißen und mit rassistischen Vorurteilen behafteten Eliten die Einwanderung von Europäern.

Deutsche Jugendliche in Brasilien

Da es kaum systematische Register gibt, ist die Zahl der deutschen Einwanderer nicht genau zu bestimmen. Die Zahl für die Zeit von 1824 bis 1940 schwankt zwischen 235.000 und 280.000. Sicher ist hingegen, dass bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Mehrheit aus dem deutschen Südwesten stammte. Um 1820 kam es zu einer Auswanderungswelle aus dem Hunsrück, dem Saarland und der Westpfalz. Ab 1850 nahm die Auswanderung aus den nördlichen und östlichen Regionen Deutschlands zu. Um 1870, um 1890 und vor allem zwischen 1920 und 1930 kam es nochmals zu größeren Emigrationswellen. Von 1930 an ebbte die Einwanderung nach Brasilien ab.

Pionierarbeit im Urwald

Die Einwanderer erwartete kein Paradies. Allein schon die Überfahrt in die neue Heimat war ein großes Wagnis, wie Bilder und Beschreibungen in Briefen an zurückgebliebene Verwandte dokumentieren. Nach der Ankunft mussten die Neusiedler dann zunächst den Urwald roden. Die Infrastruktur musste komplett selbst erstellt werden. Da es in Brasilien beispielsweise damals praktisch kein Schulsystem gab, mussten die Einwanderer selbst die Schulen bauen. Wer von ihnen etwas mehr wusste, hat für den Unterricht gesorgt.

Diese Schulen, aber auch die Kultur-, Sport-, Freizeit- und Hilfsvereine und die Kirche erleichterten den Einwanderen die Eingliederung. Gleichzeitig stärkten sie das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die sich grundsätzlich als "fremd" und verschieden empfand. Das Zusammenleben mit anderen ethnischen Gruppen verlief nicht immer ohne gegenseitige Befremdung und Schwierigkeiten.

Assimilierung und "Deutschtum"

Im Verlauf von mehr als hundert Jahren Einwanderungsgeschichte schufen die deutschen Einwanderer in Brasilien eine Kultur und Lebensart, die man deutsch-brasilianisch nennen kann. Grundsätzlich assimilierten sich die Deutschstämmigen in den großen Städten dabei schneller als auf dem Land. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkte sich der Assimilationsprozess. Es gab allerdings auch Gruppierungen, die dem "Deutschtum" verhaftet blieben.

Im Ersten Weltkrieg, während der Nationalisierungskampagne Ende der 1930er Jahre und schließlich im Zweiten Weltkrieg, als Brasilien Deutschland den Krieg erklärte, wurde der Assimilationsprozess nicht ganz freiwillig beschleunigt: Deutsch-brasilianische Schulen, Vereine und Zeitungen, auch der Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit wurden verboten. Nach 1945 wurden diese Verbote aufgehoben - und heute freut man sich wieder über die deutsche Kultur.

Weitere Stationen der Ausstellung:

· Boppard (02.04. bis 27.04)

· Frankfurt am Main (Genaue Daten stehen noch nicht fest)

· Simmern (11.06. bis 20.07.)

· Berlin (23.07. bis 17.08.)

· Idar-Oberstein (20.08. bis 28.09.)

· Kaiserslautern (01.10. bis 26.10.)

WWW-Links