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Wirtschaft

Von der Banken- zur Schuldenkrise und zurück?

Die Krise ist seit 2007 eine Konstante, die nur etwas moduliert wird. Mal ist es die Banken-, bald die Schulden-, dann wieder die Bankenkrise. Es scheint, als seien die zwei Krisentypen unheilvoll miteinander verquickt.

Dunkle Regenwolken hängen über der Skyline von Frankfurt am Main (Foto: dpa)

Wo sitzen die Krisen-Verursacher - in den Banktürmen oder in den Amtsstuben?

Man könnte Europas momentane Krise als einen großen Teufelskreis sehen: An dessen Anfang stehen vermeintlich gewiefte Banker, die US-Hypotheken in Wertpapiere verwandeln und diese weiterverkaufen, so lange bis aus dem vermeintlich sicheren Geschäft 2007 wertlose Papiere werden. Banken, die solche Papiere horten, stehen vor dem Bankrott.

Ein Ende ist nicht abzusehen…

Eine nach unen verlaufende Aktienkurve liegt vor Euro-Scheinen, die wie in einem Strudel verschwinden (Foto: Fotolia)

Können Staaten ihre Schulden nicht mehr zahlen, schwindet das Vertrauen in ihre Anleihen

Dann springt der Staat ein um zu verhindern, dass das komplette Finanzsystem zusammenbricht. Und damit schließt sich der Kreis: "Wenn wir die Banken retten, erhöhen wir die Staatsverschuldung, und irgendwann wird dann auch die Kreditwürdigkeit der Staaten in Mitleidenschaft gezogen", sagt Thomas Hartmann-Wendels, Bankenprofessor an der Universität zu Köln zu DW-WORLD.DE, "und da die Banken wiederum die größten Kreditgeber der Staaten sind, schwächt das natürlich wieder umgekehrt die Banken."

Die Katze beißt sich in den Schwanz und wir sind im Jahr 2011 angekommen, in dem Griechenland hoffnungslos überschuldet ist, und etliche Banken auf wertlosen griechischen Staatsanleihen sitzen - allen voran Banken aus Griechenland, Frankreich und Spanien. Die nächste Bankenkrise könnte ins Haus stehen - vor allem, wenn wie befürchtet Italien zahlungsunfähig wird, und auch noch italienische Staatsanleihen wertlos werden.

… und auch der Anfang ist nicht klar

Italiens Premierminister Silvio Berlusconi (Foto: AP)

Italiens Premier Silvio Berlusconi - nimmt er die Reformversprechungen ernst?

Man kann den Zusammenhang von Schulden- und Bankenkrise aber auch ganz anders sehen. Dann stehen am Anfang der aktuellen Krise nicht maßlose Banker, sondern maßlose Staaten.

"Italien gehört sicherlich zu den Ländern, bei denen die Schuldenproblematik nicht durch die Banken verursacht worden ist", ist sich Hartmann-Wendels sicher. Die Bankenkrise mag den Haushalt zwar zusätzlich belastet haben, aber die entscheidende Ursache in Italien sei "natürlich mangelnde Haushaltsdisziplin".

Italiens Staatsschulden sind zwischen 1980 und 1991 von sechzig auf einhundert Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gestiegen. Nun liegen sie bei knapp 120 Prozent - einer Marke, die die Italiener Mitte der 90er-Jahre schon mehrmals geknackt haben.

Ähnliches gilt für Griechenland und Belgien. Deren jährliches BIP liegt seit den 90er-Jahren nie ernsthaft über den angehäuften Staatsschulden. Lediglich Irland kann behaupten, dass seine momentane Staatsverschuldung von gut einhundert Prozent tatsächlich wegen der Bankenrettung außer Kontrolle geriet. Vor der ersten Bankenkrise nämlich hatte Irland seine Staatsverschuldung auf knapp 25 Prozent gedrückt.

Bankenvorschriften, die nach hinten losgehen

Eine Bullen-Skulptur steht vor dem Gebäude der Deutschen Börse in Frankfurt (Foto: AP)

Aktien zählen zum Kernkapital, das die Banken demnächst erhöhen müssen

Im Gegensatz zur ersten Bankenkrise, glaubt Reinhard Schmidt, Finanzprofessor im House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt, sind die Banker bei der momentanen Krise nur Mitspieler gewesen. Wenn man es überspitzt formulieren mag, könnte man sogar sagen: Die Banken sind Opfer bankrechtlicher Vorschriften geworden.

Seit 1988 haben sich die führenden Industrienationen mit einer Übereinkunft namens "Basel I" dazu entschieden, eine bestimmte Höhe an Eigenkapital vorzuhalten, um risikoreiche Geschäfte abzusichern. Mit Basel II und Basel III haben sich die Vorschriften jeweils verschärft: Eines ist jedoch immer gleich geblieben: Die Regelungen täten so als wären Staatsanleihen risikolos, kritisiert Reinhard Schmidt. "Eine völlig idiotische Vorschrift", sagt er und fügt im Gespräch mit DW-WORLD.DE hinzu: "Die Vorschriften haben die Banken geradezu verlockt, Staatsanleihen zu halten, weil sie gerne Eigenkapital sparen."

Laut den Basel-III-Vorschriften müssen Banken für einen Kredit, den sie an ein Unternehmen geben, 4,5 Prozent an sogenanntem hartem Kernkapital zurücklegen - das sind in erster Linie Aktien und einbehaltene Gewinne. In Zukunft - so hat es der jüngste EU-Gipfel beschlossen - sollen die Banken sogar das Doppelte an Kernkapital zurücklegen müssen. Kaufen die Banken allerdings Staatsanleihen, müssen sie nichts hinterlegen, denn Anleihen gelten nach wie vor als risikolos.

Vergessene Baustelle Bonussystem

Ein großer Sack mit Geldscheinen, der für bezahlte Boni steht, neben einem kleinen Sack, der das Festgehalt symbolisiert (Foto: DW)

Vor zwei Jahren wollten die G20 den Boni an den Kragen - geändert hat sich nichts

"Die Vorstellung, dass die Eigenkapitalquote eine sehr, sehr wirksame Absicherung gegen Risiken ist", sagt Finanzexperte Schmidt von der Goethe-Universität in Frankfurt, "das ist nicht der Fall."

Die unheilvolle Verbindung von Staats- und Bankenkrise wird mit einer erhöhten Eigenkapitalquote also nicht gekappt. Trotzdem hält Schmidt die Erhöhung für angebracht: Wenn die Eigenkapitalquote höher sei, so schaffe das einen Anreiz für die Banken, vorsichtiger zu wirtschaften. Denn wer mehr Eigenkapital einsetzen müsse, habe mehr zu verlieren und werde sich deshalb auch vorsichtiger verhalten. "Wenn man das genau messen könnte, würde ich vermuten, dass der verhaltenssteuernde Effekt größer ist als der Risikopuffer-Effekt."

Um Banken krisensicherer zu machen, plädiert Schmidt für ein verändertes Bonussystem für Banker - eine alte Forderung, um die sich mittlerweile aber keiner mehr zu kümmern scheint. Der Anreiz, Risiken zu übernehmen, müsse abgemildert werden. Außerdem sollte man Banken, die dem Einlagensicherungsfonds unterlägen oder zu groß seien, als dass man sie pleitegehen lassen könnte, bestimmte riskante Geschäfte einfach verbieten.

Eine Trennung, die doch keine ist

Die Zentrale der einstigen Investmentbank Lehman Brothers in New York (Foto: dpa)

Lehman Brothers war eine reine Investmentbank - trotzdem erschütterte ihre Pleite das System

Nichts hält Schmidt von der Idee, das riskante Investmentgeschäft vom normalen Bankengeschäft zu trennen, um das Geld privater Anleger zu schützen. Und auch Bankenexperte Hartmann-Wendels bezweifelt, dass damit das Bankensystem krisensicher wird: Denn wenn eine reine Investmentbank pleitegehe, könne es durchaus passieren, dass auch herkömmliche Banken in Schwierigkeiten gerieten, weil diese Banken der Investmentbank Geld geliehen hätten, das dann gefährdet sei.

Schließlich, sagt Hartmann-Wendels, seien in der ersten Krise Banken wie die Hypo Real Estate oder Landesbanken ins Straucheln geraten - allesamt Banken ohne Einlagengeschäft. Pleitegehen lassen konnte sie der Staat trotzdem nicht.

Autorin: Jutta Wasserrab
Redaktion: Henrik Böhme