1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sprache der Zukunft

Vietnamesische Schulen entdecken die deutsche Sprache

In Vietnam beginnen einige Schulen, neben Englisch auch Deutsch zu unterrichten. Die Nachfrage hat auch mit den ehemaligen Vertragsarbeitern in der DDR zu tun.

Vietnamesische Schüler im Unterricht

Deutschunterricht an der "Dong Da"-Mittelschule in Hanoi

Gleich drei Konsonanten hintereinander. Und die Verben müssen jedes Mal verändert werden, bevor man sie benutzen kann. Die zwölfjährige Phu Quan kann das nicht mehr schockieren, auch wenn es ihr nicht so leicht fällt. Ein bisschen muss sie schon noch überlegen, ob sie "ist" oder "bin" verwenden soll, als sie erklärt, dass sie Deutsch lernt, seit sie fünf Jahre alt ist. Phu Quan geht in die siebte Klasse der Dong Da Mittelschule in Hanoi, eine von sechs Schulen in Vietnam, in denen man diese seltsame europäische Sprache lernen kann.

Neu: Deutsch als Unterrichtsfach

"Deutschland ist spät dran gewesen zu entdecken, dass Vietnam ein interessanter Partner ist", sagt Hildegard Thomas. Sie sitzt in einem Ladenlokal in Hanoi, in dem sich Kisten mit Lehrbüchern und Broschüren stapeln, der Außenstelle der deutschen Zentrale für das Auslandsschulwesen in Vietnam. Die ZfA, die deutsche Schulen im Ausland betreut, ist dort auch für die Ausbildung von Deutschlehrern zuständig. "In der zweiten oder dritten Stunde kamen die Lehramtsstudenten zu mir und sagten, sie machen sich große Sorgen um ihre Zukunft", erinnert sich Hildegard Thomas. Vietnam hatte damals keinen Bedarf an Deutschlehrern. Es gab nur eine Schule, die überhaupt Deutschunterricht anbot. "Da habe ich gesagt: Ihr studiert, damit ihr gute Deutschlehrer werdet und ich kümmere mich um die Schulen."

„Ein ganz anderes Lernklima“

Bildliche Darstellung des Wortes Spitzer

Das Interesse an Deutsch als Fremdsprache wächst

Inzwischen hat Hildegard Thomas sechs Schulen in Vietnam für Deutsch als Unterrichtsfach gewinnen können. Phu Quan, die sich während der Deutschstunden Irene nennt, besucht eine davon. Für den Deutschunterricht werden die vietnamesischen Klassen mit ihren 50 oder 60 Schülern in zwei Gruppen geteilt, darauf hat die deutsche Seite bestanden. Die Klasse wird von einem deutschen Lehrer unterrichtet, ihm assistiert eine vietnamesische Kollegin, die gerade ihr Studium abgeschlossen hat und jetzt nach deutschem Vorbild eine Art Referendariat macht.

Der Frontalunterricht, der sonst an vietnamesischen Schulen vorherrscht, ist aus dem Deutschunterricht verbannt, stattdessen werden Dialoge geübt, werden Sätze nachgesprochen und immer wieder die gleichen Konstruktionen geübt: "Ist das dein Heft?" – "Ja, das ist mein Heft." "Die Grammatik fällt den Schülern sehr schwer", sagt Jens Wedekind, der die Klasse unterrichtet. "Im Vietnamesischen gibt es keine Fälle wie im Deutschen, das ist für sie sehr kompliziert." Bevor er vietnamesischen Kindern Deutsch beigebracht hat, unterrichtete Jens Wedekind Gymnasiasten in Deutschland, nun sitzen 30 vietnamesische Kinder in Pionierhalstüchern vor ihm. "Hier herrscht ein ganz anderes Lernklima, die Schüler und Schülerinnen haben eine andere Offenheit auch mir gegenüber", sagt er in der Pause, während die Schüler zumindest eines unter Beweis stellen: In punkto Lautstärke brauchen sich vietnamesische Schüler nicht hinter ihren Altersgenossen in Deutschland zu verstecken.

Enge Verbindung zu Deutschland

Vietnamesische Schülerinnen schreiben

Vietnamesische Schulkinder sind oft fleißiger als deutsche

Die Schulen bieten ihren Schülern ein offizielles Zertifikat, mit dem sie sich in Deutschland auf ein Studienkolleg bewerben können, den Vorbereitungskurs auf eine deutsche Universität. In Vietnam boomt die Nachfrage nach Studienplätzen im Ausland. Und weil Deutschland in Vietnam immer noch einen guten Ruf hat, sehen viele im Studium an einer deutschen Universität eine preiswerte Alternative zu den teuren Universitäten der USA oder Australiens. Viele Vietnamesen haben noch aus der DDR-Zeit eine enge Verbindung zu Deutschland, sei es, weil Verwandte dort leben, oder weil sie selbst zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter oder Studenten in Deutschland waren. Man schätzt, dass im Norden Vietnams noch etwa 100.000 bis 200.000 ehemalige DDR-Vertragsarbeiter leben.

Auch der Vater von Phu Quan hat früher in Deutschland gearbeitet. Es ist sein Wunsch, dass seine Tochter einmal in Deutschland studiert. Dafür hat er es höchstpersönlich übernommen, sie zu unterrichten, als er fand, dass sie mit fünf Jahren alt genug sei, um mit der Sprache anzufangen. Viele der Kinder in ihrer Klasse haben eine solche deutsch-vietnamesische Familiengeschichte. Phu Quans Klassenkameradin Thanh Nga etwa, die noch ein bisschen Schwierigkeiten hat, ihren deutschen Namen Christina richtig auszusprechen, passt immer ganz genau auf, wenn es um Fragesätze geht. Kichernd erzählt sie, wie ihr Vater bei einem Deutschlandbesuch einmal fast nicht mehr zurück in sein Hotel gefunden hätte: "Er wusste nicht, wie man auf Deutsch nach dem Weg fragt."

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Carolin Hebig