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Energie

Unterschätztes Gas

Atomkraft - nein danke, dafür aber deutlich mehr Elektroautos: Doch woher soll der ganze Strom in Zukunft kommen? Gehen bald die Lichter aus? Vielleicht ist ja Erdgas demnächst der wichtigste Energieträger.

Ein Streichholz wird zum Anzünden der Flamme eines Gasherdes in einem privaten Haushalt verwendet (Foto: dpa)

Es passiert nicht oft, dass Klein-Aktionäre die Konzernspitze mit Lob geradezu überschütten: "Bei so einem Vorstand müsste der Aufsichtsrat eigentlich Vergnügungssteuer zahlen", tönte es Anfang Mai bei der Hauptversammlung der Linde AG in München aus dem Kreis der Anteils-Eigner. Vorstands-Chef Wolfgang Reitzle, dessen Vertrag gerade um drei weitere Jahre verlängert wurde, wird die Botschaft mit Freude vernommen haben.

Energiepolitisches Konzept

Der Vorstandsvorsitzende der Linde AG, Wolfgang Reitzle (Foto: dpa)

Konzern-Chef Wolfgang Reitzle

Nach einer langen Karriere in der Automobilwirtschaft übernahm der heute 62-jährige Reitzle den Vorstands-Vorsitz beim Industriegase-Hersteller Linde im Jahre 2003. Seit der Reaktor-Katastrophe von Fukushima und der darauf folgenden Diskussion um einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie, plagen den Chef des Weltkonzerns große Sorgen: Er fürchtet steigende Energiepreise und verlangt deshalb ein klares energiepolitisches Konzept von der Bundesregierung.

Für die Industrie sei Versorgungssicherheit elementar, betont Reitzle. "In unserem Unternehmen ist es beispielsweise so: Mehr als die Hälfte der Herstellungskosten sind Stromkosten." Grundsätzlich gebe es beim Thema Energie drei Kriterien, die miteinander vernetzt seien: "Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltfreundlichkeit. Und wir können jetzt nicht einfach ideologiegetrieben und nicht mehr faktenbasiert eine Energiepolitik machen, der jegliche Planungsbasis fehlt."

Ausbau der Stromnetze

Wenn man die 17 deutschen Kernkraftwerke Zug um Zug und schneller als je geplant abschalte, entstünden große Lücken in der Grundversorgung, so Reitzle. Ein Ersatz durch neue Kohlekraftwerke würde höheren CO2-Ausstoss bedeuten. Ein Ausbau der Windenergie-Anlagen in Norddeutschland sei alleine schon wegen der Kosten ebenfalls mit großen Problemen verbunden.

Diese Probleme sieht auch der Energie-Experte Stephan Kohler. Er ist Vorsitzender der Geschäftsführung der staatlichen Deutschen Energie-Agentur. Man müsse einfach auf eine Landkarte schauen: Zwei Drittel der Kernkraftwerksleistung befinde sich in Süddeutschland, ein Drittel in Norddeutschland. In der Mitte gebe es die Braunkohle. Kohler stellt deshalb fest: "Wenn wir jetzt zwei Drittel der Kernkraftwerke abschalten und Windenergie im Norden ausbauen, dann hilft uns das gar nichts im Süden, wenn wir nicht die entsprechenden Leitungsnetze haben."

Wenig Akzeptanz in der Bevölkerung

Die Deutsche Energie-Agentur hat errechnet, dass Deutschland zusätzlich 3600 Kilometer Hochspannungsleitungen bis zum Jahr 2020 braucht, wenn die steigende Einspeisung erneuerbarer Energien Sinn machen soll. Aber abgesehen von den enormen Kosten bringt der Bau neuer Leitungen und Strommasten große Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung mit sich.

Erdgasvorkommen weltweit (DW-Grafik Olof Pock)

Erdgas und Biomethan rücken als Energieträger ins Blickfeld der Experten. Weltweit werden mit moderner Technik immer mehr Erdgasquellen erschlossen. Das englische Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt "Shale Gas". Dieses "Schiefergas" befindet sich in sogenannten "unkonventionellen" Lagerstätten, vornehmlich in Schichten von Schiefer-, Ton- und Sandstein. Durch eine bestimmte Bohrtechnik - sogenanntes "Fracking" - werden Risse und Spalten im Gestein erzeugt und damit wird das Gas freigesetzt. Die Förderung ist technisch aufwändiger als beim konventionellen Erdgas, wird aber durch neue Technologien und steigende Energiepreise immer rentabler.

Revolution durch Schiefergas

In den USA hat Shale Gas den Energiemarkt bereits revolutioniert: Etwa die Hälfte des verbrauchten Erdgases stammt dort schon aus unkonventionellen Quellen. Die vermuteten Reserven übersteigen die konventioneller Gasvorkommen um mehr als das Zehnfache.

"Alleine Amerika ist im Grunde rechnerisch im Moment für 200 Jahre unabhängig vom Gasimport", sagt Wolfgang Reitzle. "Das muss man sich mal vorstellen. Das war vor drei Jahren noch ganz anders. Da ist eine Revolution abgelaufen, aber niemand hat es gemerkt." Reitzle geht deshalb davon aus, dass Gas in der jetzigen Planungsperiode als quasi unendlich verfügbar betrachtet werden könne. Außerdem werde es relativ günstig sein. Außerdem: "Schiefergas kommt eben zum Glück auf der ganzen Welt an vielen Stellen vor. Es ist politisch damit nicht so riskant wie Öl. Und damit, denke ich, wären wir alle gut beraten, würden wir, wo immer es möglich ist, Öl durch Gas ersetzen."

Sogar in Deutschland sollen beeindruckende Mengen von Schiefergas lagern. Weil bei der Ausbeutung dieser Vorkommen aber auch giftige chemische Stoffe zum Einsatz kommen, ist die Gewinnung von Schiefergas bei Umweltschützern umstritten.

Infografik Der deutsche Strommix 2009 (DW-Grafik: Olof Pock)

Speicherung von Ökostrom

Ganz anders dagegen das sogenannte "Power-to-Gas-Konzept", das Strom aus Wind und Sonne in Methan umwandeln soll. Damit könnte auch das Problem der Speicherung von Ökostrom gelöst werden.

Der Autohersteller Audi prescht jetzt vor: Im niedersächsischen Werlte entsteht eine Anlage, die mit Strom aus Windrädern zunächst Wasserstoff und in einem zweiten Schritt aus dem Wasserstoff und unter Zugabe von CO2 dann Methan erzeugen wird: Eine Art künstlich hergestelltes Erdgas, von Audi E-Gas oder "erneuerbares Gas" genannt, mit dem künftig die Fahrzeuge des Premiumherstellers betrieben werden sollen. Das bei diesem Prozess verwendete CO2 wird übrigens in einer benachbarten Biogasanlage gewonnen.

Impulse für den Ausbau erneuerbarer Energien

Bei Audi ist man sich sicher: Die Technologie besitzt das Potential, der Diskussion über den Ausbau erneuerbarer Energien eine neue Richtung zu geben. Denn die Strommenge aus Windkraft und Sonnenenergie ist bisher kaum kalkulierbar, da sie sehr stark schwankt und bislang nicht gespeichert werden kann.

Durch die Methanisierung des Ökostroms könnte in Zukunft das hervorragend ausgebaute und in der Bevölkerung akzeptierte deutsche Erdgasnetz mit seinen Pipelines und Tanks als Speicher dienen. Fachleute schätzen die so gewonnene Speicherkapazität so hoch, dass damit der gesamte deutsche Strombedarf für zwei bis drei Monate gesichert werden könnte.

Wird das aus Ökostrom gewonnene E-Gas in Gaskraftwerken verfeuert und zurück in Strom verwandelt, bleibt zwar nur rund ein Drittel des Wirkungsgrades der ursprünglich erzeugten Energie erhalten. Dafür ist das Verfahren aber CO2-neutral - das Klima wird dadurch nicht geschädigt.

Autor: Klaus Ulrich
Redaktion: Henrik Böhme