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Schuldenkrise

Ungleichgewichte könnten Eurozone sprengen

Die Eurozone weist eine nahezu ausgeglichene Leistungsbilanz gegenüber dem Rest der Welt auf. Innerhalb der Währungsunion gibt es aber gewaltige Ungleichgewichte. Das birgt Sprengstoff.

Symbolbild Europa Wirtschaft Unterschiedliche Geschwindigkeiten (Foto: © fotomek)

Symbolbild Europa Wirtschaft Unterschiedliche Geschwindigkeiten

Wenn von Ungleichgewichten die Rede ist, denkt man oft an die bemerkenswerte Symbiose zwischen den USA und China. Die Asiaten verkaufen den Amerikanern Unmengen von Konsumgütern und kaufen mit dem verdienten Geld wiederum amerikanische Anleihen, um die Schulden der USA zu finanzieren.

In gewisser Hinsicht sind die Deutschen die Chinesen unter den Europäern. 2011 hat Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss von 136 Milliarden Euro eingefahren - sprich: mehr exportiert als importiert. Knapp die Hälfte davon entfällt auf die Eurozone, vor allem die sogenannten PIIGS-Staaten und Frankreich.

Schuld an der Krise?

Professor Rolf Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (Foto: dpa)

Professor Rolf Langhammer

In solchen Ungleichgewichten sehen manche eine wichtige Ursache für die grassierende Schuldenkrise. Rolf Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, ist anderer Meinung: "Die Ungleichgewichte sind ein Reflex sehr unterschiedlicher realwirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Wir haben es erlebt, dass die Mittelmeerländer in der Eurozone real aufgewertet haben."

Das heißt, dass dort die Löhne kräftig gestiegen sind - eine Folge des Wirtschaftsbooms, der wiederum durch niedrige Zinsen begünstigt wurde. "Vor der Währungsunion waren die Zinsen sehr hoch, weil man befürchtete, dass die Länder abwerten könnten", sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Und wenn Italien, Portugal, Griechenland oder Spanien abwerteten, dann bedeutete das, dass die Investoren erhebliche Verluste auf ihre Geldanlagen machten. "Das Risiko der Verluste wurde eingepreist in die Zinsen", so Matthes gegenüber der DW.

Mit dem Beitritt zur Währungsunion fiel dieses Risiko weg. Die Zinsen sanken für die Länder an der Peripherie der Eurozone rapide. "Diese Hochzeitsprämie ist leider in vielen Ländern konsumiert worden und nicht investiv eingesetzt worden oder die Investitionen haben sich nicht gerechnet", meint Ökonom Langhammer. Es haben sich Blasen gebildet, wie die Immobilienblase in Spanien.

Unterbewertet oder überbewertet?

Profossor Joachim Starbatty (Foto: DW)

Profossor Joachim Starbatty

Gleichzeitig krempelte Deutschland mit der Agenda 2010 sein Sozialsystem und den Arbeitsmarkt um. Gewerkschaften hielten sich mit Lohnforderungen zurück. Das alles hat dazu geführt, "dass wir innerhalb der Eurozone Länder haben, deren Währung unterbewertet ist, wie in Deutschland, und Länder, deren Währung deutlich überbewertet ist, wie in Griechenland oder Spanien", sagt Joachim Starbatty, emeritierter Wirtschaftsprofessor aus Tübingen. Mit den Vorteilen der Wechselkurse und der Löhne in der Tasche saust die deutsche Wirtschaft davon - der Abstand zum Rest der Eurozone wird größer.

Mit anderen Worten: Der Euro ist als Gemeinschaftswährung nicht nur nicht in der Lage, die Divergenzen innerhalb der Währungsunion abzuschaffen, im Gegenteil: "Die festen Währungsparitäten im Euroraum haben sicherlich dazu beigetragen, dass es zu stärkeren Ungleichgewichten innerhalb der Eurozone gekommen ist", sagt IW-Experte Matthes zur Deutschen Welle.

Im Korsett des Euro

Bevor es den Euro gab, konnten Griechenland, Italien, ab und zu auch Frankreich, auf ein bewährtes Mittel zurückgreifen: Sie werteten die eigene Währung ab, machten ihre Produkte preislich attraktiver, förderten den Export und glichen die Ungleichgewichte aus. "Der Euro hat natürlich den Ländern die Möglichkeit genommen, mit eigenen Wechselkursanpassungen auf diese Ungleichgewichte zu reagieren", so Rolf Langhammer.

Also müssen sie interne Abwertung vornehmen und Löhne senken. Obwohl in Griechenland in den vergangenen Jahren die Löhne und Gehälter bereits massiv gekürzt wurden, sieht eine neue Studie von Goldman Sachs immer noch einen Abwertungsbedarf von weiteren 30 Prozent. Demnach müssten Portugal um 35 Prozent, Spanien und Frankreich um 20 Prozent abwerten, um annähernd so wettbewerbsfähig zu werden wie Deutschland.

Parallel dazu müssten Strukturreformen umgesetzt werden, die mit Wegfall von Privilegien verbunden sind und zu Verlust von Arbeitsplätzen führen können. Für die Betroffenen sind solche Reformen oft nicht weniger hart als Lohnkürzungen; zudem tragen sie erst in einigen Jahren Früchte.

Höhere Inflation in Deutschland

Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (Foto: IW)

Jürgen Matthes

Somit steigt der Druck auf den Musterknaben Deutschenland, auch einen Beitrag zu leisten, damit der Euroraum wieder ausgeglichener und weniger krisenanfällig wird. Das ist teilweise geschehen durch höhere Lohnabschlüsse. Ein anderer Beitrag wäre eine höhere Inflation für Deutschland. "Wenn Deutschland jetzt stärker wächst, dann werden wir sehen, dass die deutsche Inflationsrate mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr stark unterdurchschnittlich sein wird, wie das lange Zeit vorher der Fall war", meint Wirtschaftwissenschaftler Matthes.

Das erwartet auch die Bundesbank. Eine hohe Inflation würde deutsche Produkte verteuern und sie damit weniger wettbewerbsfähig machen. Angesichts der desolaten Wirtschaftslage in den klammen Ländern werden die deutschen Währungshüter wohl auch nicht die Europäische Zentralbank auf eine Zinserhöhung drängen.

Die EZB finanziert die Ungleichgewichte

Seit vier Jahren finanziert die EZB die Ungleichgewichte innerhalb der Währungsunion, nachdem der Fluss des Privatkapitals für die südeuropäischen Länder versiegte. Sie kauft Anleihen überschuldeter Staaten und versorgt vor allem die Banken in den Südländern mit unbegrenzter Liquidität.

Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, sieht man auch an der sino-amerikanischen Symbiose. Während die Chinesen weiter fleißig in die USA exportieren, müssen sie zusehen, wie ihre Dollar-Bestände durch die lockere Geldpolitik der Federal Reserve dahin schmelzen. Den Deutschen blüht dasselbe Schicksal, wenn die Länder der Eurozone weiter auseinander driften. "Wer einen dauerhaften Leistungsbilanzüberschuss fährt, der muss eben das Risiko akzeptieren, dass er dafür Forderungen bekommt, die vielleicht im Notfall nichts mehr wert sind", meint Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft.

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