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Sehnsucht nach Europa

Ungarische Künstler unter Druck

Während der Ball bei der UEFA EURO 2012 rollt, fragen DW-Reporter Künstler in Mittel- und Südosteuropa: Welche Chancen versprechen sie sich von Europa? Und: Wie verändert sich ihr Land? Aktuell schauen wir nach Ungarn.

Parlament in Budapest (Fopto: AP Photo/Bela Szandelszky)

Das Parlament in Budapest

Die Bauarbeiten im traditionsreichen Budapester Corvin-Kaufhaus sind im vollem Gange. Hier soll im Herbst das alternative Kulturzentrum Müvelödési Szint öffnen. Der Besitzer des Kaufhauses hat die rund 3.000 Quadratmeter große Fläche zu einem erschwinglichen Preis an die Organisatoren des Müszi, wie das Kulturzentrum abgekürzt heißt, vermietet. Glück für die alternative Kunst- und Kulturszene in der ungarischen Hauptstadt. Denn in städtischen Räumen ist für sie kaum noch Platz. In den vergangenen zwei Jahren ließ die rechtsnational-konservative Budapester Stadtverwaltung zahlreiche Orte politisch missliebiger, alternativer Kultur schließen.

"Wie in einer Diktatur"

So musste auch die Theaterregisseurin Julia Bársony für ihre Stücke - eine Mischung aus Theater, bildender Kunst und Performance - mit ihrem Ensemble Harmadik Hang, zu deutsch Dritte Stimme, ins Müszi umziehen. Doch in ihre Freude über den Aufbau dieses Ortes mischt sich große Bitterkeit. "Wir verlieren gerade alles, was wir in den letzten zwei Jahrzehnten aufgebaut haben", sagt sie. "Die Kultur wird wieder zentralisiert, Regierungsbeamte bestimmen die Linie der Kultur. Es ist ein Zustand wie früher unter der Diktatur, ein schrecklich tiefer Einschnitt.“

Die ungarische Künstlerin Julia Barsony
(Copyright: DW/Keno Verseck)

Die ungarische Künstlerin Julia Barsony

Was Julia Bársony sagt, ist in ähnlicher Form von fast allen ungarischen Künstlern und Intellektuellen zu hören, die nicht Parteigänger der Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán sind. Ende April 2010 erhielt Orbáns rechtsnational-konservativer Bund Junger Demokraten, Fidesz, bei den Wahlen eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Seitdem hat der Regierungschef Ungarn radikal umbauen lassen – auch im Kulturbereich. Viele Künstler und Intellektuelle verlassen das Land, weil sie keine Existenzmöglichkeiten oder Perspektiven für sich sehen oder das kulturpolitische Klima unerträglich finden.

Der wiederbelebte Nationalismus

Dabei geht die Orbán-Regierung selbst mit internationalen Künstler-Stars und bekannten Intellektuellen nicht zimperlich um. So entfachten im Januar 2011 regierungstreue Medien eine wochenlange Kampagne gegen den Pianisten András Schiff, weil dieser sich über wachsenden Antisemitismus und Rechtsextremismus in Ungarn besorgt gezeigt hatte. Kurz darauf ließ die Regierung, begleitet von einer lautstarken Medienkampagne, gegen eine Gruppe bekannter liberaler Philosophen, Historiker und Kulturwissenschaftler, darunter gegen die Philosophin Ágnes Heller ermitteln, da sie angeblich Forschungsgelder veruntreut hätten. Die Vorwürfe waren abstrus, die Ermittlungen wurden Stück für Stück eingestellt, doch die materielle Existenz einiger Betroffener ist weitgehend ruiniert.

Mitglieder der rechtsextremen Ungarischen Garde in Budapest
(Foto: ddp images/AP Photo/Bela Szandelszky)

Mitglieder der rechtsextremen Ungarischen Garde in Budapest

Anfang März dieses Jahres beantragte der 79jährige, ungarisch-jüdische Schriftsteller Ákos Kertész in Kanada Asyl. Der Grund: Im August 2011 hatte er den Ungarn in einer umstrittenen Polemik kollektiv vorgeworfen, bis heute die Schuld am Holocaust zu leugnen und glühende Befürworter der Diktatur zu sein. Daraufhin fand eine monatelange Hetzkampagne gegen Kertész statt, der Budapester Stadtrat entzog ihm die Ehrenbürgerschaft der Metropole, schließlich flüchtete der Schriftsteller aus Ungarn, da er nach eigenen Aussagen permanent bedroht und auch tätlich angegriffen worden sei.

Es geht bei den Angriffen gegen Künstler und Intellektuelle nicht nur darum, unliebsame Kritiker des Regierungschefs Viktor Orbán und seiner Partei Fidesz zum Schweigen zu bringen. Die Regierungspartei hat auch ein eigenes kulturpolitisches und ideologisches Programm. In "Ungarn-über-Alles"-Manier propagiert sie einen völkischen Nationalismus, der über die Landesgrenzen hinaus auch die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern einschließt. Das gilt vor allem für Rumänien, die Slowakei und Serbien, denen Ungarn 1920 im Vertrag von Trianon etwa zwei Drittel seines Staatsgebietes abtreten musste.

Ungarn: Sehnsucht nach Freiheit und Veränderung

Die neue ungarische Verfassung, in Kraft getreten Anfang Januar 2012, sieht alle Ungarn in- und außerhalb der Landesgrenzen in der Pflicht,  die "einzigartige ungarische Sprache, das Ungarntum und die ungarische Nationalkultur" zu bewahren. Das umstrittene Mediengesetz verpflichtet Journalisten öffentlich-rechtlicher Medien explizit, in ihrer Berichterstattung besonderes Gewicht auf die geistige und kulturelle Einheit aller Ungarn, sowie auf die Förderung des ungarischen Nationalbewusstseins zu legen.

Werke von Kriegsverbrechern als Pflichtlektüre

Ungarische Pfeilkreuzler marschieren in Budapest, 1944 (Foto: Bundesarchiv)

Ungarische Pfeilkreuzler marschieren in Budapest, 1944

Häufig verschwimmen in dieser kulturpolitischen und ideologischen Agenda der Regierungspartei Fidesz die Grenzen zur Programmatik der Rechtsextremen. So verabschiedete die Regierung Mitte Mai den neuen Nationalen Grundlehrplan für ungarische Schulen. Als Pflichtlektüre sind unter anderem Werke der rechtsextremen, antisemitischen Schriftsteller der Zwischenkriegszeit József Nyírö, Albert Wass und Dezsö Szabó vorgesehen. Nyírö wurde immerhin als Kriegsverbrecher gesucht, Wass in Rumänien für diese Vergehen in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Der Geist des völkischen Nationalismus ist im Land auch optisch präsent. Schon seit Jahren werden in Ungarn immer mehr Denkmäler für Schriftsteller wie Albert Wass aufgestellt, allenthalben sind Skulpturen des mythologischen Turul-Vogels zu sehen, der den magyarischen Stämmen vor 1.100 Jahren den Weg nach Pannonien gewiesen haben soll. Die Orbán-Regierung ließ den Budapester Kossuth-Platz vor dem ungarischen Parlament von historischen Statuen "säubern". Abtransportiert in ein Depot wurde etwa die Statue von Mihály Károlyi, ein radikaler Demokrat und nach dem Ersten Weltkrieg Präsident der kurzlebigen, ersten ungarischen Republik. Neu eingeweiht werden im Land hingegen Statuen und Gedenktafeln für den Reichsverweser Miklós Horthy, der Ungarn von 1920 bis 1944 regierte und mitverantwortlich war für die Deportation von mehr als 400.000 Juden aus Ungarn in deutsche Konzentrationslager.

Das andere Ungarn

Die ungarische Sängerin Dorottya Karsay und der Musikproduzent Peter Bakos (Copyright: DW/Keno Verseck)

Die ungarische Sängerin Dorottya Karsay und der Musikproduzent Peter Bakos

Doch es gibt auch eine neue, andere Kultur in Ungarn, die sich gegen die Renaissance des völkischen Nationalismus wehrt: die zivil-gesellschaftliche Opposition, in der viele Gruppen von Bürgerrechtlern, Gewerkschaftern, außerparlamentarischen Politaktivisten und auch politisch engagierten Künstlern auf lose Weise zusammenarbeiten. Die zivil-gesellschaftliche Opposition sieht sich ausdrücklich als parteiunabhängig. Es geht ihr vor allem darum, in Ungarn eine Demokratie mit mehr Bürgerpartizipation und -kontrolle zu schaffen.

Einen ihrer größten Mobilisierungserfolge in Orbáns neuem Ungarn konnte die zivil-gesellschaftliche Opposition vergangenen Herbst mit ihrer Kampagne "Das System gefällt mir nicht!" erreichen. Eine Gruppe von jungen Politaktivisten, Künstlern und Musikern produzierte für eine Großdemonstration zum Nationalfeiertag am 23. Oktober ein Musikvideo mit dem Lied "Das System gefällt mir nicht!" – eine Anspielung auf den "Gefällt-mir!"-Button bei Facebook. Die Sängerin in dem Rap-Video ist Dorottya Karsay, eine 27jährige Soziologin, die in feministischen und antirassistischen Gruppen arbeitet. Das Video wurde auf Youtube nahezu 900.000 Mal angeklickt, Karsay gilt seither als die Stimme der zivilen Opposition in Ungarn.

Ungarns Premierminister Viktor Orban (Foto: Bela Szandelszky/AP/dapd)

Ungarns Premierminister Viktor Orban

Auf der Straße, erzählt Dorottya Karsay, sprächen Menschen sie bis heute zumeist positiv auf das Musikvideo an. Andererseits wird sie in rechtsextremen Internetportalen und -foren mit homophoben und rassistischen Verleumdungen diffamiert. Sie beschwichtigt. "Wenn man sich politisch so engagiert wie ich, dann taucht man früher oder später in diesen Foren als Hassfigur auf, das ist keine Überraschung", sagt sie gelassen.

Theatermacher als Hassfigur

Ein Künstler, der in Orbáns Ungarn zu einer der zentralen Hassfiguren unter Rechtskonservativen und Rechtsextremen anvancierte, ist der Direktor des ungarischen Nationaltheaters, Róbert Alföldi. Der 44-jährige Schauspieler und Regisseur hat mit seinen ebenso provokanten wie erfolgreichen Inszenierungen Besucherrekorde im Nationaltheater erzielt, ein Novum im postkommunistischen Ungarn. Weil er immer wieder nationale Mythen und Symbole hinterfragt und überdies auch aus seiner Homosexualität keinen Hehl macht, ist er nahezu Dauerthema in der Politik. Die Rechtsextremen der Jobbik-Partei werden ihm gegenüber verbal ausfällig, ein Teil der Regierungskoalition fordert seine Absetzung als Direktor des Nationaltheaters.

Der Direktor des Nationaltheaters in Budapest Robert Alfödi(Copyright: DW/Keno Verseck)

Der Direktor des Nationaltheaters in Budapest Robert Alfödi

Doch Róbert Alföldi ist wie immer gut gelaunt, sieht blendend aus. "Fantastisch" findet er es, in Orbáns neuem Ungarn Künstler zu sein. Er lacht schallend und meint es zugleich ernst: "Man hat Gesprächsstoff, es gibt Themen, es gibt Konflikte und Probleme, die das Theater aufgreifen kann."

"Ich möchte kein Held sein"

Róbert Alföldi hat in den vergangenen zwei Jahren einige große politische Hetzkampagnen gegen seine Person erlebt. Immer wieder fand er sein Konterfei auf den Titelseiten von Zeitungen und Magazinen wieder. Er wundert sich selbst, dass er noch nicht abgesetzt wurde.

Wie verkraftet er die Angriffe der Rechtsextremen auf seine Person? Dass er auf rechtsextremen Internetseiten verunglimpft wird, das seine private Telefonnummer veröffentlicht wurde? Alföldi lächelt. "Meine Großmutter hat immer gesagt, ein Adler schnappt nicht nach Fliegen." Dann wird er ernst. "Ich habe keine Angst. Aber ich möchte auf keinen Fall Held, Märtyrer oder Opfer sein. Ich mag meine Freunde und meinen Hund, ich mag die ungarische Kunst und dieses Land. Sollen doch die gehen, die mich beschimpfen, ich jedenfalls gehe nicht weg aus Ungarn."

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