1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Klimawandel

Umweltschützer kämpfen gegen Kohle

Sie wollen die Energiewende in Deutschland: Umweltschützer protestieren mit einem Klimacamp gegen die Erweiterung des Rheinischen Braunkohlereviers. Der Tagebau ist der größte Europas.

Von weitem sieht das Klimacamp aus wie ein großes Zeltlager. Auf einer Obstwiese, direkt neben der Autobahn nach Aachen, campen etwa 150 Kohlegegner. Unter einer großen Plane kocht eine Gruppe Niederländer – bio und ohne Fleisch, versteht sich. In einem blau-weißen Infozelt studieren junge Leute die ausgelegten Broschüren, andere hacken Brennholz.

Nora Langenfurth, Sprecherin der Kampagne ausgeCO2hlt
Bild: Claudia Hennen 6.8.2012 Manheim / Kerpen

Nora Langenfurth von der Kampagne "ausgeCO2hlt" fordert den Ausstieg aus der Braunkohle

Es sieht idyllisch aus, doch Nora Langenfurth, Sprecherin der Kampagne "ausgeCO2hlt" [sprich: ausgekohlt], zeigt zum Horizont. Dort sind die Schaufelradbagger des Hambacher Tagebaus zu sehen. In einer riesigen Grube, rund 85 Quadratkilometer groß, fördern sie jedes Jahr 40 Millionen Tonnen Braunkohle. Für die 22-Jährige und ihre Mitstreiter steht fest: "Wir fordern den sofortigen Braunkohleausstieg, weil es der klimaschädlichste Energieträger überhaupt ist. Das Rheinische Braunkohlerevier ist der größte Kohlendioxid-Produzent Europas."

"Kohlekraft? – Nein danke!"

Nora Langenfurth hält die Energiewende für eine Farce: "Alle sprechen davon, aber sie findet nicht statt. Wir haben in Deutschland gerade einmal einen Anteil von 20 Prozent an regenerativen Energien." Statt weiter auf Braunkohle zu setzen, müssten bessere Speichertechnologien für erneuerbare Energien entwickelt und die Versorgung dezentralisiert werden. Der 57-jährige Alfred Weinberg aus Köln, Mitglied bei der globalisierungskritischen Bewegung Attac, pflichtet ihr bei. Auf seinem Pullover prangt der gelbe Sticker der Atomkraftgegner. Der Spruch darauf ist umgetextet in: "Kohlekraft – nein danke!"

Wenig Kontakt zur Bevölkerung

Die meisten Camp-Teilnehmer sind zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, sie kommen aus allen Teilen Deutschlands. Es sind aber auch Niederländer, Engländer, Franzosen und Spanier dabei, sogar zwei Taiwanerinnen. Täglich finden Podiumsdiskussionen statt zu Themen wie "Klimagerechtigkeit" oder "Braunkohleausstieg – aber wie?". Fahrradexkursionen führen zum Tagebau oder in die umliegenden Dörfer, wo sich die Teilnehmer über die Umsiedelung informieren und mit Betroffenen sprechen können. Der Kontakt mit der ansässigen Bevölkerung ist jedoch spärlich.

Der Hambacher Tagebau.
Bild: Claudia Hennen 6.8.2012 Manheim / Kerpen

Im Rheinischen Braunkohlerevier werden jedes Jahr fast 100 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert

Die Umsiedelung der Dörfer ist seit Jahren beschlossene Sache. Die Tagebaubetreiber berufen sich dabei auf deutsches Bergrecht und zahlen den Betroffenen Entschädigungen. Für viele kommt der Protest zu spät, etwa für die 80-jährige Katharina Hick aus Kerpen-Manheim, die nur wenige Meter vom Klimacamp entfernt lebt: "Wenn die vielleicht Jahre früher gekommen wären und wir nicht umgesiedelt würden, dann  hätte das vielleicht Sinn gemacht. Aber jetzt ändern wir doch nichts mehr dran!"

Ganz ohne Strom geht es nicht

Die Klimaschützer wollen in punkto Energiesparen mit gutem Beispiel vorangehen. Sechs Solarkollektoren versorgen das Camp notdürftig mit Strom. Getränke werden in einer Erdgrube gekühlt, geduscht wird notfalls kalt – das Wasser läuft durch schwarze Schläuche, die nur durch Sonneneinstrahlung erwärmt werden. Doch das reicht für die Infrastruktur nicht aus. Tagsüber läuft ein Stromgenerator, weil viele Teilnehmer nicht auf Handys und Internet verzichten wollen.

Baumbesetzer im Hambacher Forst. Bild: Claudia Hennen 6.8.2012 Manheim / Kerpen

Baum-Besetzer im Wald beim Hambacher Tagebau

Das ärgert "Clumsy", einen 24-Jährigen mit Rastalocken und Nasenring, der seinen richtigen Namen nicht nennen will. Er gehört zu einer Gruppe von radikalen Klimaschützern, die seit Monaten im Hambacher Forst, nicht weit vom Camp entfernt, Bäume besetzen und in teils schwindelerregender Höhe Hütten gebaut haben. Von RWE sind sie dort geduldet, aber nur bis Oktober. Dann soll der Wald für den Tagebau gerodet werden. Der junge Mann hat sich mit Leib und Seele dem Klimaschutz verschrieben: "Uns läuft die Zeit davon. Eigentlich müssten wir in den nächsten Jahren komplett aus allen fossilen Energieträgern aussteigen, um das Klima irgendwie zu retten. Ich glaube, dass Politik und Wirtschaft das nicht in den Griff bekommen, deshalb braucht es eine Bewegung von unten!"

Kein Dialog mit Energiekonzern

Politiker oder Vertreter von RWE wurden zum Klimacamp nicht eingeladen. RWE-Pressesprecher Manfred Lang stellt klar: "Die Positionen sind ohnehin ausgetauscht". Der Braunkohleabbau sei von der rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen beschlossen worden. Die Kohlegegner hätten das Recht, sich frei zu äußern, der Energiekonzern reagiere jedoch bei Verletzungen seines Eigentums. Im vergangenen Jahr hielten Aktivisten stundenlang Gleise der Kohle-Transportbahn besetzt. RWE stellte daraufhin Strafanzeige. In diesem Jahr wiederholten die Kohlegegner die Blockade. An der Tatsache, dass Deutschland weltweit größter Förderer von Braunkohle ist, wird dieser Protest erst einmal nichts ändern.