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Religion

Tod und Trauer im Herbst

Der November gilt als Trauermonat: Das Kirchenjahr neigt sich dem Ende zu, bei religiösen Festen wird der Toten gedacht. Doch die meisten Suizidfälle ereignen sich im Frühling.

Wenn sich Kälte und Dunkelheit in die Tage fressen, dann kämpft Irina Suchan mit Kaffee und Kakao gegen die Depression an. Manchmal zündet sie auch eine Kerze an: "Dann brauchen unsere Bewohner auch mal was für die Seele“, sagt die Leiterin vom Sozialen Dienst eines Seniorenheims in Bonn. Denn wenn das schlechte Wetter die Heimbewohner ans Haus kettet, dann würden viele schon mal "ziemlich kiebig werden".

Der November gilt als Trauermonat in Deutschland: Die dunklen Wintermonate bahnen sich an, und das Kirchenjahr neigt sich dem Ende zu. In der düsteren Jahreszeit vor Weihnachten werden bei verschiedenen religiösen Feierlichkeiten - etwa dem evangelischen Totensonntag oder dem katholischen Allerseelen - der Toten innerhalb der Familie gedacht. Am Volkstrauertag, zwei Sonntage vor dem ersten Advent, wird an die Opfer von Gewaltherrschaft und Kriegen erinnert.

Steigende Selbstmordraten im Frühling

"Der November ist eine Zeit der Erinnerung und der Buße", erklärt Reinhard Mawick, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Gespräch mit der Deutschen Welle. Oft würde der Monat allerdings fälschlicherweise mit höheren Todes- und Selbstmordraten in Verbindung gebracht. An die zwanzig bis dreißig Todesfälle gibt es im Seniorenheim in Bonn im ganzen Jahr - einen Anstieg im November verzeichnet die Sozialpädagogin Suchan nicht: "Das ganze Jahr über gehen Menschen von uns."

Die Hand eines jüngeren Menschen hält die Hand eines älteren Menschen.

Die Angst: Im Tod vergessen zu werden

Das belegen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Im November 2010 begingen 854 Menschen Selbstmord, der Rekordmonat - mit 957 Suiziden - war der März desselben Jahres.

"Im Winter sind meine Patienten zwar absolut hoffnungslos und verzweifelt, aber es fehlt ihnen der Antrieb", erklärt Professor René Hurlemann, Oberarzt der Psychiatrie der Uniklinik Bonn, das Phänomen: Es gebe einen starken Zusammenhalt zwischen Lichtverhältnissen und Antrieb, der erst beim Frühling zu Tage komme. Das Aufblühen der Natur verstärke oft das Gefühl von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Zeit der Besinnung

Für Fritz Kirchmaier ist die Trauer zur Profession geworden: Der Pressesprecher des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge nimmt im November bei mindestens vier Gedenkfeiern zum Volkstrauertag teil, bei denen Kränze zum Gedenken an die Kriegsopfer niedergelegt werden.

Infografik Suizidrate Deutschland 2010 DEU

Im Frühling, wenn die Sonne scheint, steigt die Selbstmordrate in Deutschland.

Kirchmaier hat beobachtet, dass mehr als sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Trauer schwindet, aber es bleibe die Erinnerung. "Das ist verständlich, weil die Betroffenheit nicht mehr so stark ist", sagt er im DW-Interview. "Viele Ehepartner von gefallenen Soldaten leben oft nicht mehr."

Die Trauer gilt auch den Opfern in Afghanistan

Dabei werde beim Volkstrauertag, der seit Anfang des 20. Jahrhunderts begangen wird, nicht nur der Opfer der beiden Weltkriege gedacht. "Die Trauer hat eine neue Qualität gewonnen", sagt Kirchmaier von der Kriegsgräberfürsorge mit Blick auf die aktuellen Todesfälle in Afghanistan. Der Dienst von deutschen Soldaten werde oft nicht hinreichend gewürdigt, deshalb sei ein institutionalisierter Trauermonat wichtig, zum Gedenken aller Opfer.

Im Seniorenheim in Bonn sind Erinnerung und Gedenken immer wieder Thema - und zwar das ganze Jahr über. "Es ist einfach wichtig, dass die Leute nicht so einfach verschwinden", sagt Irina Suchan - vor allem für Heimbewohner, die keine Angehörige hätten. Diese Angst, vergessen zu werden, lässt sich auch mit warmem Kakao nicht gänzlich vertreiben.

DW.DE