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Atompolitik

Tickende Zeitbombe unter Tage

Jahrzehntelang wurde Atommüll in das Salzbergwerk Asse gekippt. Die Politik schaute zu. Jetzt hat sie es eilig: Die radioaktiven Fässer sollen schnell wieder nach oben befördert werden.

Das sieht man im politischen Berlin nicht oft: Abgeordnete aus allen fünf Bundestagsparteien treten vor die Presse - mit einem gemeinsamen Anliegen. Der Grund: Noch in dieser Woche befasst sich der Bundestag mit einem Gesetz, das zum einzigen Ziel hat, 126.000 Fässer mit Atommüll aus dem ehemaligen Salzbergwerk Asse in Niedersachsen zu bergen - so schnell wie möglich - und koste es, was es wolle. Die fünf Abgeordneten waren sich vor den Medienvertretern einig: Nur so kann die Politik das Vertrauen der verunsicherten Bevölkerung südöstlich von Wolfenbüttel in Niedersachsen wiedergewinnen. Denn die wurde seit Jahren im Unklaren darüber gelassen, was in dem Bergwerk genau geschieht. "Dieses Problem eignet sich nicht zum politischen Schlagabtausch", so Maria Flachsbarth von der CDU. "Keine der politischen Parteien, die je mit der Asse zu tun hatten, hat sich mit Ruhm bekleckert."

Atommüllhalde der Nation

1965 wurde in dem damals schon längst aufgegebenen Bergwerk damit begonnen, Atommüll einzulagern. Offiziell hieß es lange, das Land erkunde den Stollen und wie man dort am besten Atommüll lagere - weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Kernenergie war noch kein Streitthema in Deutschland. Und die Asse und ihr Müll führten erstaunlicherweise auch dann noch ein Schattendasein, als heftig um die Atomkraft gestritten wurde. Noch bis 1995 galt der gesetzliche Auftrag an die Asse, die Lagerung der gefährlichen Stoffe zu erproben.

Tatsächlich wurde zwischen 1965 und 1978 Atommüll in das Bergwerk gebracht - aus deutschen Atomkraftwerken und Krankenhäusern. Eigentlich sollten es nur schwach- und mittelradioaktive Reste sein. Doch heute vermuten manche, dass auch stark strahlender Müll dabei war. Messungen haben dafür allerdings noch keinen Beweis erbracht. "Wäre es so, hätten die Arbeiter bei der Einlagerung verstrahlt werden müssen. Das war nicht der Fall", sagt Werner Nording, Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz. Erforscht wurde übrigens wenig: Die Fässer wurden achtlos in die Stollen gekippt und rosteten vor sich hin. Auch dass die Asse immer mehr zerfiel und heute als einsturzgefährdet gilt, scherte lange kaum jemanden. Seit Jahren dringt Wasser von außen in die Grubenanlagen ein, sie drohen "abzusaufen". "Wir gehen davon aus, dass heute ein Großteil der Fässer beschädigt ist", so Dorothee Menzner von der Linkspartei.

"Das Zeug muss raus"

Asse: Atom-Müllkippe vor dem Aus

Nach 1995 wurden die verbliebenen Stollen verfüllt und der Betrieb in der Asse eingestellt. Erst 2008 machte das Bergwerk wieder Schlagzeilen: Presseberichte warfen dem Betreiber, dem staatlichen Helmholtz-Zentrum aus München vor, bei der Aufsicht über die Asse geschlampt zu haben. Dynamik erhielt die Geschichte rund um die Asse auch durch den damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel, heute SPD-Vorsitzender. Das Bergwerk liegt in seinem Bundestagwahlkreis. "Die Akten des Helmholtz-Zentrums sind für deutsche Verhältnisse in einem eher ungewöhnlichen Zustand", so Gabriel sarkastisch bei einem Besuch in der Asse. Der damalige Minister erreichte, dass das Bundesamt für Strahlenschutz, das ihm unterstand, als neuer Betreiber eingesetzt wurde. In der Asse herrscht seitdem teilweise Atomrecht.

Jahrelang hatten Experten vorgeschlagen, die Kammern mit dem Atommüll zu verfüllen und möglichst sicher abzuschließen. Auch, weil alle anderen Varianten, vor allem die Bergung, kaum finanzierbar erschienen. Doch unter Gabriels Nachfolgern Norbert Röttgen und später Peter Altmaier (beide CDU) änderte sich das: "Das Zeug muss raus, es muss rasch raus, und es muss sicher raus", rief etwa Röttgen bei einem Besuch im Bergwerk im Frühjahr 2012 den wütenden Anwohnern zu - wütend deshalb, weil sich der CDU-Politiker in den ersten beiden Jahren seiner Amtzeit nicht vor Ort hatte blicken lassen.

Teuer und weltweit ohne Vorbild

Erst jahrelanges Schweigen - jetzt kann es der Politik nicht schnell genug gehen: Auch manch ein Experte im Bundesamt für Strahlenschutz macht sich so seine Gedanken zur plötzlichen Eile der Politiker. Die Experten können nämlich nicht sicher sagen, ob die Bergung überhaupt möglich ist. Weltweit gibt es dafür kein Vorbild. Für die Bergung müssten spezielle Roboter konstruiert und ein neuer Schacht gegraben werden. Teuer wird die Bergung aber auf jeden Fall - Experten schätzen sie auf vier Milliarden Euro. "Ich gehe davon aus, dass es sich dabei eher um die Untergrenze handelt", beugt die Staatssekretärin im Umweltministerium Ursula Heinen-Esser schon einmal vor.

Zurzeit versuchen Experten, eine der verschlossenen Kammer anzubohren und die dahinter lagernden Fässer zu untersuchen - wohlgemerkt eine Kammer von vielen. Sollte es tatsächlich zur Bergung kommen, müsste ein neuer Schacht in den Berg getrieben werden. Auch deshalb wird die Bergung wohl auch nach 2030 noch nicht beendet sein. Und wohin dann mit dem Müll? Auch das kann heute noch niemand beantworten.

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