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Währungen

Target: Milliarden-Zeitbombe im Eurosystem

Im Verrechnungssystem der europäischen Notenbanken sind in kurzer Zeit Forderungen im Wert von 800 Milliarden Euro aufgelaufen - droht der Eurozone eine geldpolitische Katastrophe?

Das Eurozeichen in Frankfurt am Main vor der Europäischen Zentralbank. (Foto: AP)

Griechenland Euro EZB Symbolbild

Die Spurensuche begann vor gut einem Jahr im Münchener Ifo-Institut. Dessen Präsident Hans-Werner Sinn und sein Mitarbeiter Timo Wollmershäuser wurden auf einen großen Posten in der Bilanz der Deutschen Bundesbank aufmerksam. Die Höhe der Position belief sich auf 326 Milliarden Euro zum Ende des Jahres 2010. Dabei handelte es sich um Forderungen der Bundesbank im Rahmen des europäischen Zahlungssystems Target.

Hohe Forderungen in kurzer Zeit

"Wir haben festgestellt, dass sich diese Forderungen über die letzten zwei bis drei Jahre angehäuft hatten", sagt Wollmershäuser zur DW, "und wir wollten wissen, wo diese Position herkommt". Alleine schon die schiere Größe der Position sei ins Auge gefallen, so Wollmershäuser, selbst in einer Bundesbank-Bilanz, in der noch viele andere Positionen mit mehreren Hundert-Milliarden-Beträgen verzeichnet seien.

Eine der Widrigkeiten für Sinn und Wollmershäuser bestand damals darin, dass sich vorher fast niemand über das Zahlungssystem Target Gedanken gemacht hatte. Es gab wohl die eine oder andere Publikation, größtenteils aber noch aus den Zeiten der Euro-Einführung - also aus den Jahren 1999/2000. Dort seien auch schon gewisse Risiko-Szenarien beschrieben worden, so Wollmershäuser.

Notenbanken im Blickpunkt

Die Forschungen konzentrierten sich nun auf die Suche nach den Gegenpositionen für die hohen Forderungen der Deutschen Bundesbank. Wer waren die Schuldner? In den Bilanzen der anderen Euro-Notenbanken wurde man fündig. Bald waren sich die Experten sicher: "Die Bundesbank war damals die einzige Zentralbank in der Eurozone, die Forderungen gegenüber dem Eurosystem hat", sagt Wollmershäuser. Und die Zentralbanken der sogenannten GIIPS-Länder (Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien) hätten diese Verbindlichkeiten aufgebaut.

Anforderungen an Sicherheiten gesenkt

Was sich durch das grenzüberschreitende europäische Verrechnungssystem Target in den Büchern der Zentralbanken niederschlug, könnte man als Kredite in beträchtlicher Höhe interpretieren, unterlegt mit fragwürdigen Sicherheiten.

"Wir haben versucht zu verstehen, wie diese Daten zusammenpassen und wie sie zu interpretieren sind", sagt Wollmershäuser, und gibt damit einen Hinweis darauf, wie kompliziert die Materie auch für Fachleute ist.

Komplizierte Materie

Target steht für Trans-European Automated Real-time Gross settlement Express Transfer System. In dem System können Banken im Euroraum Zahlungen untereinander, aber auch Kundenzahlungen abwickeln.

Oft geht es dabei um handfeste Geschäfte: Ein deutsches Unternehmen liefert beispielsweise Maschinen nach Griechenland. Dort überweist die Geschäftsbank des griechischen Importeurs den Kaufpreis über Target an die Geschäftsbank des deutschen Exporteurs, der eine Gutschrift auf seinem Konto erhält. Die Bundesbank schreibt dazu der deutschen Geschäftsbank den Betrag auf dem entsprechenden Target-Konto gut. Damit hat die Bundesbank aber noch eine Forderung gegenüber dem Target-System offen. Die Bundesbank hat im weitesten Sinne der griechischen Geschäftsbank ein Guthaben eingeräumt und sitzt damit auf einer Verbindlichkeit. Die Besonderheiten dieses ganzen Systems sind selbst für Experten nur schwer in allen Details durchschaubar.

800 Milliarden Euro im Feuer

Fest steht dagegen: Mittlerweile belaufen sich die Forderungen der Bundesbank gegenüber Target auf 500 Milliarden Euro. Die Niederlande, Luxemburg und Finnland kommen zusammen auf weitere 300 Milliarden Euro. Diesen Forderungen von insgesamt 800 Milliarden Euro stehen Verbindlichkeiten der GIIPS-Notenbanken gegenüber. Dabei gilt das Prinzip: Je größer das Leistungsbilanz-Defizit eines Staates, desto höher die Target-"Schulden".

Dabei handelt es sich allerdings nur um virtuelles Geld, das in den virtuellen Pressen der nationalen Zentralbanken "gedruckt" wird. "Normalerweise stellen die Forderungen gegenüber dem Zahlungsverkehrssystem Target kein Problem dar", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank im Gespräch mit der DW.

Wenn aber die europäische Währungsunion auseinanderbrechen sollte, blieben die Zentralbanken auf ihren Forderungen sitzen. Die Target-Salden beispielsweise der Deutschen Bundesbank wären dann der größte Posten in ihrer Bilanz und würden sie damit gefährden. Damit seien "auch die Grundlagen des Geldsystems" in Gefahr, beschreibt Krämer dieses nicht völlig undenkbare Katastrophenszenario.

Privates Geld fließt nicht mehr

Früher hätten die Länder in Südeuropa ihre Handelsbilanz-Defizite mit privaten Krediten ausgeglichen, erläutert Krämer. Sie hätten sich Geld geliehen von Banken oder auch von Privatleuten. Privates Geld fließe aber seit Ausbruch der Schuldenkrise nicht mehr in die südliche Peripherie Europas. Deshalb habe die Europäische Zentralbank (EZB) entschieden: Griechenland und die anderen Schuldenstaaten dürfen elektronisches Geld drucken, um ihre Handelsbilanz-Defizite zu finanzieren. Und genau dieses Phänomen sei es, das in den Target-Salden sichtbar werde. "Die EZB hat die Anforderungen an die Sicherheiten gesenkt", so Krämer: "Das ist das Hauptrisiko und schlägt sich in Target nieder."

Für den Chefvolkswirt der Commerzbank ist es klar, dass die EZB die Staaten im Süden nicht "auf Dauer" mit der Notenpresse finanzieren könne. Das Problem werde letztendlich nur dadurch gelöst, "indem die hochverschuldeten Länder ihre Volkswirtschaften modernisieren und ihre Haushalte sanieren".

Genau das Gegenteil bewirke aber die laxe Geldpolitik der EZB: Alleine schon wegen der hohen Target-Salden sei sie gezwungen alles zu tun, um das System aufrecht zu erhalten. Dadurch nehme sie allerdings auch Druck von den Politikern im Süden und im Norden, die Staatsschuldenkrise selber zu lösen, so Krämer. Insofern seien die Target-Forderungen eher "Klebstoff, nicht Sprengstoff" für die europäische Währungsunion.

Autor: Klaus Ulrich
Redaktion: Henrik Böhme

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