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Energie

Strom aus dem Norden

Deutschland verabschiedet sich von der Kernenergie und setzt stattdessen auf Ökostrom. Doch für die Energiewende braucht das Land Hilfe. Die kommt jetzt aus Norwegen, wo deutscher Strom zwischengespeichert werden soll.

Foto von einen Bergsee (Foto: Fotolia)

Bergsee Fotolia

In Deutschland ist es Nacht und auch der Wind ist eingeschlafen. Die Rotoren der Windkraftanlagen stehen still, den Photovoltaikanlagen fehlt das Sonnenlicht. Trotzdem laufen die Fernseher und Kühlschränke in hell erleuchteten deutschen Haushalten - und das auch noch mit Öko-Strom! Was bisher als kühne Utopie von Umweltaktivisten erschien, soll jetzt Wirklichkeit werden.

Unter dem Namen "Nord.Link" entsteht eine Leitung, die Strom aus erneuerbaren Energiequellen von Deutschland nach Norwegen bringt, dort zwischenspeichert und bei Bedarf zurückleitet.

600 Kilometer Kabel unter dem Meer

Norwegen unterhält zahlreiche Wasserspeicher – in diese kann mit dem deutschen Strom Wasser gepumpt werden. Gibt es in Deutschland nicht genug Strom aus Wind und Sonne, wird mit dem in Norwegen gespeicherten Wasser wieder Energie produziert und dieser Strom fließt dann nach Deutschland zurück.

Eine 600 Kilometer lange Gleichstromleitung auf dem Boden der Nordsee soll ab 2018 das deutsche und das norwegische Stromnetz miteinander verbinden. Das Kabel zwischen Süd-Norwegen und dem norddeutschen Bundesland Schleswig-Holstein soll eine Kapazität von 1.400 Megawatt haben und die Schwankungen bei der Produktion von Wind- und Sonnenenergie ausgleichen.

Ein erster Schritt

Umspannwerk: Gleichstrom wird zu Wechselstrom
Fotograf: DW / Andreas Becker

Bevor der Nord.Link-Strom zum Verbraucher kommt, wird er in Wechselstrom umgewandelt.

Das Projekt ist bereits seit Jahren in der Planung, scheiterte bislang aber an der Finanzierung. Nun ist ein Modell gefunden werden, das auf Zustimmung bei allen Beteiligten stößt: Der staatliche norwegische Stromkonzern Statnett soll eine Hälfte der Kosten von bis zu zwei Milliarden Euro übernehmen, der niederländische Stromversorger Tennet ein Viertel und ein weiteres Viertel soll die staatliche deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau übernehmen.

Eine Leitung zwischen Norwegen und den Niederlanden existiert bereits, nun zieht Deutschland nach. Wenn alles nach Plan verläuft, werden im September die nötigen Verträge unterzeichnet. Sechs Jahre später soll durch die Nord.Link-Leitung Strom fließen. Auch England, Schottland und sogar Island haben signalisiert, dass sie die norwegischen Wasserspeicherkraftwerke für die heimische Stromversorgung nutzen wollen. Sollten auch diese Länder an das norwegische Netz angeschlossen werden, entstünde ein ganzes Leitungssystem auf dem Nordseeboden.

Europäischer Stromspeicher

Die Umweltorganisation Greenpeace befürwortet das Nord.Link-Projekt, weil es ihrer Ansicht nach dabei hilft, den Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromproduktion zu erhöhen. Im Gespräch mit der Deutschen Welle sagte Sven Teske, Energieexperte bei Greenpeace International: "Das ist sehr sinnvoll, speziell auch im Hinblick auf die Offshore-Windparks."

Das Volumen, so Teske, reiche zwar noch längst nicht aus, denn es werde in Zukunft immer mehr grüne Energie produziert. Die Offshore-Windkapazitäten allein würden "perspektivisch mindestens auf 20.000 bis 25.000 Megawatt ausgebaut." Doch Nord.Link sei ein Schritt in die richtige Richtung.

Überland-Stromleitungen nahe Hofgeismar. Foto: dpa - Bildfunk

An einer Leitung auf dem Meeresboden stört sich niemand - ganz anders bei Überlandleitungen

Sven Teske findet das sehr interessant. "Mit einem ganzen Leitungsring in der Nordsee würde sich nicht nur Offshore-Windstrom besser nutzen lassen." Man könnte dann auch "die großen Solarkapazitäten, die Deutschland vor allen Dingen im Sommer hat, besser verteilen". Letztlich könnte man das Leitungssystem in der Nordsee in ein gesamteuropäisches Speichernetz einbinden, um die "Speicherkraftwerke, die bereits in Österreich und der Schweiz bestehen, zusammenzuschalten."

Das Problem mit den Leitungen

Das dürfte aber sehr viel schwerer werden, als eine Verbindung nach Norwegen zu bauen. Nord.Link sieht man nicht: Die Leitung liegt auf dem Meeresboden. Für eine Verbindung über Land würden aber Hochspannungsleitungen gebraucht, und die stoßen oft auf heftigen Widerstand bei den Bürgern.

Proteste gegen den Bau von Hochspannungsleitungen gibt es auch in Norwegen, im viel dichter besiedelten Mitteleuropa sind die Widerstände allerdings noch um einiges größer. Nicht nur einzelne Bürger laufen Sturm gegen diese "Stromautobahnen", auch der deutsche Bauernverband hat bereits Widerstand angekündigt. Präsident Gerd Sonnleitner: "4.000 Kilometer Stromtrassen sollen über unsere landwirtschaftliche Flächen führen. Das lassen wir uns nicht gefallen."

Die Zahl von 4.000 Kilometern ist allerdings umstritten, Sven Teske etwa hält sie für übertrieben. Für ihn ist es entscheidend, "wie man den Energiemix gestaltet". Je konsequenter die Energiewende auf Strom aus regenerativen Quellen setze, desto mehr würden die zentralen Großkraftwerke an Bedeutung verlieren. Denn um die Energie aus kleinen Kraftwerken zu verteilen, müsse man nicht so viele neue Stromtrassen bauen. Nach Berechnungen von Greenpeace käme man dann mit "1.000 bis 1.500 Kilometern" an neuen Stromtrassen aus.