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Gesellschaft

Streit um den Redner Alfred Grosser

Wie jedes Jahr soll in der Paulskirche in Frankfurt am Main am 9. November an die Reichspogromnacht 1938 erinnert werden. Doch um den Festredner, den Publizisten Alfred Grosser, ist eine Diskussion entbrannt.

Alfred Grosser (Foto: dpa)

Umstrittener Redner: Alfred Grosser

Der 1925 in Frankfurt geborene französische Publizist Alfred Grosser ist als Gastredner in seine Heimatstadt eingeladen. Er soll am 9. November die Rede zum Gedenken an die Reichspogromnacht von 1938 halten. Dagegen hat der Zentralrat der Juden protestiert. In einem Schreiben des Generalsekretärs Stephan Kramer an Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth heißt es, Grosser werde "nicht müde, die Lage der palästinensischen Bevölkerung mit dem Schicksal von Millionen jüdischen Männern, Frauen und Kindern in der Shoa gleichzusetzen". Er relativiere damit das Leid der Opfer des Nationalsozialismus. Die Einladung an Grosser sei pietätlos. Einige Stimmen schlossen sich der Kritik an. Der Historiker Michael Wolfssohn beispielsweise spricht im Berliner "Tagesspiegel" von einer "zunehmend maßlosen Israel- und Judenschelte" des Publizisten. Grosser habe sich von seinem Judentum "Lichtjahre entfernt". Ein Artikel von Henryk M. Broder bei Spiegel-Online ist überschrieben: "Wenn Grosser die Anti-Israel-Keule schwingt."

Passanten stehen am 10. November 1938 vor der eingeschlagenen Schaufensterscheibe eines jüdischen Geschäfts (Foto: AP)

Eingeschlagene Schaufenster nach der Reichspogromnacht 1938

Alfred Grosser entstammt einer jüdischen Familie. Er emigrierte mit seiner Familie 1933 nach Frankreich und wurde französischer Staatsbürger. Der Politikwissenschaftler – Autor zahlreicher Bücher und Essays - gilt als wichtiger Wegbereiter der deutsch-französischen Verständigung. In den letzten Jahren interessierte er sich verstärkt für Israel und die Palästinenser. Für Diskussionen sorgte sein 2009 erschienenes Buch "Von Auschwitz nach Jerusalem", in dem er sich mit der Frage beschäftigte, wie scharf man die israelische Politik kritisieren dürfe.

DW-WORLD.DE: Alfred Grosser, Sie sind Franzose mit deutschen und jüdischen Wurzeln, 1925 in Frankfurt geboren und 1933 von dort nach Frankreich geflohen. Jetzt werden Sie an Ihrem Geburtsort die Rede zum 9. November-Gedenken halten. Ganz ungeachtet der Kritik - mit welchen Gedanken und Gefühlen tun Sie das?

Alfred Grosser: Mit der Notwendigkeit, zuerst einmal diesen Tag besonders zu bedenken, und dann möchte ich darauf hinweisen, dass ich seit dem August 1944 in Marseille, als ich gehört habe, dass ein Teil meiner Familie nach Auschwitz transportiert worden war, sicher bin, dass es keine deutsche Kollektivschuld gibt und dass ich für die Zukunft der freiheitlichen Demokratie in der Bundesrepublik mitverantwortlich bin. Das war mein 'starting point'. Auf deutscher Seite gab es den Oberbürgermeister von Frankfurt, Walter Kolb, der kam aus dem Konzentrationslager, der hatte dieselbe Verantwortung für die Zukunft Deutschlands und darum geht es.

Muss man sich, zugespitzt formuliert, für eine solche Rede zum 9. November hier in Deutschland eigentlich qualifizieren? Zum Beispiel durch ein bestimmtes Verhalten oder auch der Zugehörigkeit zu einem sozusagen offiziell organisierten Judentum? Darf eigentlich nur ein 'richtiger' Jude zum 9. November reden? Man wirft Ihnen ja jetzt vor, Sie seien vom Judentum Lichtjahre entfernt, das zumindest behauptet der deutsche Historiker Michael Wolfsohn.

Was hat das mit meiner Rede zu tun? Man kann auch einen Nichtjuden auswählen, um am 9. November in Frankfurt am Main zu reden. Denn die Rede soll eine Erinnerung für alle Deutschen sein und es gibt einen enormen Band, herausgegeben von Raphael Groß, dem Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt, der alles Schreckliche aufzählt. Dagegen steht allerdings auch die Tatsache, dass hunderte von nichtjüdischen Deutschen jüdischen Deutschen geholfen haben. Und das wird immer heruntergespielt. Auch darüber werde ich reden. Es gibt keine Kollektivschuld.

Wie sollte man denn 2010 an diesen 9. November erinnern? Gibt es eine Form, einen angemessenen Inhalt, ohne dass es ein Ritual, eine Beschwörung des immer gleichen 'Nie wieder' wird?

Man hat mich vielleicht eingeladen, damit es nicht zum reinen Ritual wird.

Aber gerade das scheint in Deutschland ganz viele Leute aufzuregen ...

Das sind nicht ganz viele Leute, da wollen wir mal nicht übertreiben. Der Generalsekretär des Jüdischen Verbands, ja, der hat sich sehr aufgeregt. David Grossman, der diesjährige Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, ist einer, der die israelische Politik ständig kritisiert; und er hat den Friedenspreis bekommen. Also was ist das Problem?

Das Problem scheint zu sein, dass Sie sich, wie es heißt, vom Judentum entfernt hätten und seit langer Zeit in Frankreich leben, und dass so jemand wie Grossman aus Israel kommt und dann eher Kritik üben kann, wenngleich er selbst in Israel mit seinen Positionen auch auf Kritik stößt.

Ja, aber in Israel kann frei gesprochen werden. In Deutschland möchte der Zentralrat der Juden eine einzige Wahrheit haben; und in dem schönen Gesprächsbuch zwischen dem amerikanischen Historiker Fritz Stern und dem Altbundeskanzler Helmut Schmidt sagen beide, dass sie erstaunt sind, dass man hier nur hört von Organisationen "right or wrong – my Israel". Während der Verleihung des Buchpreises, die mich sehr bewegt hat, sagte der Laudator Joachim Gauck zu Recht: "My country right or wrong - if it is right, let it keep it right; if it is wrong, let it set it right." Und das heißt, man soll die israelische Politik nach allen Kriterien einer Politik beurteilen.

Sie kritisieren die Politik Israels, zum Beispiel die Besatzungspolitik, die Trennmauer zwischen Israelis und Palästinensern; was ist Ihr Eindruck, auch aus französischer Perspektive, warum führt diese Kritik eigentlich beim organisierten Judentum hierzulande immer zu solcher Erregung?

In Frankreich ist das genauso. Einer der von mir besonders bewunderten Menschen, Stephane Estell, ehemaliger KZ-Insasse, französischer Botschafter, der auch an der internationalen Erklärung der Menschenrechte mitgearbeitet hat, ist jetzt über die ägyptische Seite nach Gaza eingereist, um sich die Situation dort anzusehen. Sofort wird er angeklagt und zwar schlimmer als ich in Deutschland. Er sei gar nicht richtig im KZ gewesen, da er ja deutsch könne, er sei sicherlich ein Spitzel gewesen und so weiter. Wir haben das auch, allerdings bei einer Minderheit.

Es ist aber doch eine Diskussion mit sehr vielen unterschwelligen Unterstellungen, hier in Deutschland spielt natürlich die politische Korrektheit auch eine gewisse Rolle; wann, glauben Sie, haben wir das denn abgelegt?

Ich weiß es nicht. Ich zitiere den ehemaligen Bundespräsidenten Köhler, der bei seiner Rede in der Knesset, die sich allerdings nicht auf die Palästinenser bezog, gesagt hat, dass alle Deutschen aus der Vergangenheit heraus die Pflicht haben, überall für die Menschenrechte einzutreten. Und das ist etwas, was für mich ganz wesentlich ist und was man den jungen Leuten erklären kann, die sich immer mehr distanzieren und fragen, was haben wir damit zu tun, was ist unsere Mitverantwortung. Die Verantwortung besteht darin, aus der Vergangenheit Konsequenzen zu ziehen für das Eintreten der Menschenrechte überall in der Welt, auch in Deutschland.

Wollen Sie statt Gedenkritualen zum 9. November eher Schlüsse ziehen für die Zukunft und dadurch ein solches Datum nutzbar machen für die neue Generation?

Das haben wir ja versucht seit 1946. Genau das hat die deutsch-französischen Beziehungen nach dem Krieg unten an der Basis begründet. Und ich werde vielleicht erzählen, ich war zusammen mit einem Abgeordneten, einem gewissen Wolfgang Schäuble, der auch ein Freund ist, im "Höllhof", das ist eine Einrichtung im Schwarzwald, die ein französischer Beamter der Besatzung zu einer Art Heim gemacht hat, wo ehemalige HJ-Führer, die keine persönlichen Verbrechen begangen hatten, drei Wochen lang nicht anderes taten, als Leuten von außen zuhören. Als ich da zum ersten Mal war, dachte ich ein bisschen verklemmt, wenn die vor zwei Jahren den Befehl bekommen hätten, mich in den Gasofen zu hieven, hätten sie es getan. Aber die müssen zur freiheitlichen Demokratie bekehrt werden und das hat im Großen und Ganzen in Deutschland wunderbar funktioniert.

Mit welchen Reaktionen rechnen Sie jetzt am 9. November in Frankfurt?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, wenn ich das Wort 'Israel' ausspreche, wird ein Teil der Zuhörer lauschen, ein anderer Teil vielleicht aus Protest den Saal verlassen. Ich bin daran gewöhnt, dass es nie zu einer Diskussion kommt. Ich versuche ständig, in Diskussion zu kommen, zum Beispiel, als ich mein letztes Buch "Von Auschwitz nach Jerusalem" über Deutschland und Israel in Berlin, München, Hamburg oder Frankfurt vorstellte, da bestand ich darauf, dass die jüdische Gemeinde eingeladen wird, aber sie kommt nie. Sie will nicht diskutieren. Es soll keine Diskussion geben, denn dann braucht man nicht zu beweisen, dass man immer Recht hat.

Nun könnte man aber sagen, die jüdischen Gemeinden sprechen nur für sich und sicherlich nicht weder für die Bevölkerung in Deutschland noch für alle Juden, die es in Deutschland gibt …

Nein, vor allen Dingen, weil die Mehrzahl der Juden aus dem Osten kommt, und die in diesen Organisationen nicht vertreten sind.

Das Gespräch führte Cornelia Rabitz.

Redaktion: Sabine Oelze