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Deutsche Geschichte

"Stolpersteine" als Orte des Erinnerns

Kleine Messingplatten vor Hauseingängen erinnern in Deutschland an die Opfer des Holocaust. Eine Idee des Künstlers Gunter Demnig, der im November auch in Leipzig seine "Stolpersteine" legte.

Stolpersteine mit Blumen vor der Thomasiusstraße 23. Foto: Ronny Arnold

Stolpersteine in Leipzig

Weiße Rosen und rote Nelken umrahmen die zwei glänzenden Messingplatten im Bürgersteig vor der Haustür der Thomasiusstraße 23 in Leipzig, daneben brennen vier Kerzen. Eine junge Mutter bleibt stehen, wechselt ein paar Worte mit ihrer kleinen Tochter, zeigt auf die frisch eingemauerten Messingplatten im Boden. Dann gehen sie langsam weiter. Was genau die Mutter ihrem Kind erzählt hat, lässt sich nur vermuten. Womöglich sind traurige Worte gefallen, wie Holocaust, Deportation oder feiger Mord. Vielleicht hat sie ihrer Tochter aber auch gesagt, dass sie für all das noch zu jung sei und ihr einfach vorgelesen, was auf den beiden Steinen steht: "Hier wohnten Leopold und Malka Rabinowitsch, Flucht 1939 nach Lettland, Riga, deportiert und ermordet 1941."

Eine Stunde zuvor noch steht an diesem Novembertag eine Menschentraube vor dem Haus und wartet bei kühlen Temperaturen und leichtem Nieselregen auf Gunter Demnig. Er steigt mit Hut, Arbeitsweste und rotem Halstuch pünktlich um kurz nach 10 Uhr aus seinem Kleinbus, bahnt sich einen Weg zur Eingangstür und beginnt ohne Zögern, mit einer kleinen Spitzhacke ein Loch im Boden auszuheben. Einen so genannten Stolperstein für einen ehemaligen Hausbewohner hat er hier bereits vor Jahren verlegt, nun werden daneben die beiden für das Ehepaar Rabinowitsch in den Fußweg gemauert. Die Aktion dauert kaum länger als zehn Minuten, dann ist der Kölner Künstler auch schon fertig. Ein kurzer Moment der Stille, eine leise Verbeugung, dann packt er sein Werkzeug wieder in den Transporter.

Gunter Demnig bei der Arbeit. Gerade schlägt er mit einer Spitzhacke ein Stück Asphalt aus dem Boden. Foto: Ronny Arnold

Gunter Demnig bei der Arbeit

Keiner soll mehr wegsehen

Das Projekt "Stolpersteine" ist Demnigs Idee, 13 Steine hat er allein an diesem Vormittag schon in der sächsischen Stadt Leipzig verlegt, acht sollen noch folgen. Insgesamt sind es über 35.000 Messingplatten, die er in den vergangenen 20 Jahren eingemauert hat, in 750 Städten und Gemeinden. Nicht nur in Deutschland, auch in Polen, Österreich, der Ukraine, in Ungarn und einem halben Dutzend anderen europäischen Staaten. Alles Länder, in denen Nazi-Deutschland sein Unwesen trieb, Menschen verschleppte, deportierte, ermordete.

Den ersten Stein setzte der 65-Jährige im Dezember 1992, aus "Unbehagen an diesen zentralen Gedenkstätten, an denen einmal im Jahr ein Kranz abgeworfen wird", wie Demnig sagt. Mehr passiere da meist nicht und dann seien diese Orte auch noch außerhalb der Städte. Seine Steine der Erinnerung hingegen liegen direkt vor den Haustüren der Menschen, vor den ehemaligen Wohnhäusern derer, die den Nationalsozialismus nicht überlebten. Vor allem an jüdische Opfer erinnern die Gedenksteine, aber auch für Sinti und Roma wurden schon welche angelegt. Man kann sie fast nicht übersehen. "Das Grauen hat dort begonnen, wo diese Menschen damals abgeholt worden sind", so Demnig. Der Holocaust, die Vernichtung der Juden, habe mitten in den Gemeinden begonnen, hier verschwanden Nachbarn, kamen nie wieder zurück. Es fällt heute schwer zu glauben, dass kaum einer etwas davon bemerkt haben will.

Besuch aus New York

Ganz genau beobachtet wird Gunter Demnigs Aktion an diesem Vormittag im November von Bunny Burson. Sie ist extra aus New York in das ostdeutsche Leipzig gereist. Es ist ein emotionaler Moment für die 64-jährige US-Amerikanerin: Leopold und Malka Rabinowitsch waren ihre Großeltern. "Das ist etwas Wunderbares hier und heute, auch wenn der Grund dafür ein schrecklicher ist. Gunter Demnig baut mit seinem Projekt eine Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft", sagt sie.

Familie Burson -links- mit den jungen Leipziger Paten. Foto: Ronny Arnold

Familie Burson (links) mit den jungen Leipziger Paten

Ihre Mutter wollte nicht, dass sie nach Deutschland reist. Sie ist heute 93, lebt ebenfalls in New York. 1938 konnte sie gerade noch aus Deutschland fliehen, ihre Eltern besorgten das Visum, wollten wenig später nachkommen. Sie haben Amerika nie erreicht, wurden wegen ihres jüdischen Glaubens nach Riga verschleppt und 1941 von den Nazis ermordet. Bis heute gebe es in Lettland weder ein Grab noch einen Gedenkort für ihre Familie, erzählt Bunny Burson mit Tränen in den Augen, aber einem Lächeln auf ihren Lippen. "Wir haben nun endlich einen Erinnerungsort, das ist wundervoll für unsere Familie. Und ich bin sehr stolz, auch dass diese jungen Menschen hier sind, um das Gedenken zu bewahren."

Junge Paten für die "Stolpersteine"

Carla und Simon stehen etwas abseits. Sie sind zwei dieser insgesamt vier jungen Menschen, die Bunny Burson meint. Die beiden 14-Jährigen haben die Patenschaft für diese beiden Stolpersteine übernommen, ein Geschenk ihrer Eltern. Am Anfang fanden Carla und Simon die Idee etwas eigenartig, mittlerweile tun sie das nicht mehr. Seit knapp einem Jahr beschäftigen sie sich intensiv mit der Familiengeschichte der Rabinowitschs, haben im Archiv nachgeforscht und sogar alte Briefe aus New York bekommen. Es sind hunderte, die die Eltern damals ihrer geflohenen Tochter nach Amerika schickten. "Das war schon krass, eine traurige Geschichte", so Carla. Ein Gefühl für die Geschichte Deutschlands wollen die Eltern mit diesem Geschenk bei ihren Kindern wecken. Es scheint zu funktionieren.

Gunter Demnig, der Vater der Stolpersteine - Foto: Ronny Arnold

Gunter Demnig, der "Vater der Stolpersteine"

Die Kerzen neben Demnigs Steinen flackern im Wind, die Rosen und Nelken sind vom Regen nass geworden, der nun aufgehört hat. Erste Sonnenstrahlen fallen auf Haus Nummer 23. Ein Lied erklingt, warmer, weicher Gitarrensound. Der Vater des Projekts ist da schon wieder weg, es müssen noch viele Stolpersteine verlegt werden. An diesem Tag, in den nächsten Jahren. Solange er körperlich fit ist, will Demnig weiter kleine Messingplatten verlegen. Am 2. Dezember 2012 erhält er dafür in Hamburg den Marion Dönhoff Förderpreis.

Bunny Burson ist eine der letzten, die dem Haus in der Thomasiusstraße den Rücken kehrt. Es scheint, als habe sich ein kleiner Kreis für sie geschlossen: "Es ist eine so positive Sache. Wenn ich jetzt zurückfahre nach New York, werde ich meiner Mutter erzählen, wie schön es war. Ich denke und hoffe, es wird ihr helfen, weil sie immer noch mit dieser Traurigkeit lebt."

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