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Finanzmärkte

Staatsanleihen - bitte Vorsicht!

Absolute Sicherheit bei Geldanlagen gibt es nicht. Festverzinsliche staatliche Wertpapiere der Euro-Länder galten dennoch lange als sichere Häfen für Anleger. Doch die Schuldenkrise ist nicht der einzige Risikofaktor.

Risiko-Taste auf Keyboard (sk_design - Fotolia.com)

Die Geschichte der Staatsanleihen beginnt im 14. Jahrhundert - und zwar im Norden Italiens. Die damaligen die Machtzentren sind die großen Handelsstädte. Diese Stadtstaaten bekämpfen sich untereinander, führen Kriege. Aber nicht die vermögenden Bürger - größtenteils Kaufleute - greifen zum Schwert. Sie lassen kämpfen. Dafür heuern sie Söldnertruppen an. Und die müssen bezahlt werden.

Ursprung in Italien

Wenn die Überlieferung zutrifft, dann "erfindet" man zu dieser Zeit in Florenz oder Venedig die Vorläufer der heutigen Staatsanleihen. Prestiti oder prestanze werden die Papiere genannt. Da aus innenpolitischen Gründen die Steuern nicht einfach erhöht werden können, leiht sich die Stadt mit Hilfe dieser Papiere das Geld für die Truppen von ihren Bürgern. Als Entschädigung für die Darlehen wird eine sogenannte "Provision" gezahlt - Zinsen zu kassieren ist gläubigen Christen damals strengstens untersagt.

Schnell breitet sich diese Form der Finanzierung von Staaten in ganz Europa aus. Staatsanleihen spielen seitdem bei vielen historischen Ereignissen eine tragende Rolle.

Werbeplakat für deutsche Kriegsanleihen aus dem Jahre 1917 (Foto: picture alliance)

Werbeplakat für deutsche Kriegsanleihen aus dem Jahre 1917

Revolution und Weltkrieg

So ist die überbordende Staatsverschuldung durch Anleihen in Frankreich im Jahr 1789 einer der Gründe für den Ausbruch der Revolution - der Anfang vom Ende der Feudalherrschaft.

Den Ersten Weltkrieg finanzieren Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland über Anleihen. In Deutschland gehen diese Papiere als sogenannte Kriegsanleihen in die Geschichte ein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangen vor allem die festverzinslichen Staatspapiere westlicher Industrienationen einen hervorragenden Ruf. Vor allem wenn es an den Börsen abwärts geht, verkaufen Anleger ihre spekulativen Aktien und flüchten in Staatsanleihen. Die locken mit sicheren, wenn auch eher geringeren Renditen.

Sichere Häfen

Prof. Dr. Michael Neugart von der TU Darmstadt.
Fachgebiet Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik (Foto: TU Darmstadt)

Prof. Dr. Michael Neugart von der TU Darmstadt

Gerade Euro-Regierungstitel galten bis vor wenigen Jahren als sichere Häfen für Geldanlagen. "Das hat sich jetzt als falsch herausgestellt", sagt der Finanzwissenschaftler Michael Neugart von der TU Darmstadt gegenüber DW-WORLD.DE. Ursache sei die große Finanzkrise, die durch dubiose Hypotheken-Papiere in den USA ausgelöst wurde.

Als Folge übernehmen einige Staaten Bürgschaften oder betreiben gar Bankenrettungen, um Schlimmeres zu verhindern. "Damit sind aber die Risiken von den Banken übergegangen auf die Staatshaushalte", so Neugart.

Vertrauen schwindet

Ulf Krauss, Analyst und Rentenmarkt-Experte bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Foto: Helaba)

Ulf Krauss, Analyst und Rentenmarkt-Experte

Der Analyst Ulf Krauss von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) glaubt, der Vertrauensverlust in Staatsanleihen von Euroländern habe mit der Pleite der Lehman-Bank im Jahre 2008 begonnen. Die Anleger seien seitdem skeptischer geworden. Die Frage, ob Renditeversprechen von Anleihen überhaupt die möglichen Risiken aufwiegen, spiele eine wesentlich größere Rolle als früher. Auch die Bewertungen durch Ratingagenturen würden immer mehr angezweifelt.

Neben der hohen Staatsverschuldung sieht Anleihen-Experte Krauss ein weiteres großes Problem der westlichen Industrienationen: Die Überalterung der Gesellschaft. Durch die demographische Entwicklung ergäben sich große Finanzierungslücken: Für immer mehr ältere Menschen müssten Renten und Versicherungsleistungen aufgebracht werden - von immer weniger Einzahlern. Wie können diese zukünftigen Lasten geschultert werden? "Das ist im Moment eine Frage, die die Politik beantworten muss, um das Vertrauen langsam wieder herzustellen", sagt Krauss im Gespräch mit DW-WORLD.DE.

Hoher Zins - hohes Risiko

Staatsanleihen sind nichts anderes als Zusicherungen für die termingerechte Rückzahlung von Krediten. Während der gesamten Laufzeit werden Zinsen gezahlt - sie sind der Anreiz für den Kreditgeber, sein Geld in dieser Form anzulegen.

Doch wie bei jeder anderen Anleihe besteht auch bei Staatsanleihen das Risiko, dass die Zinsen oder das Kapital nicht wie vereinbart ausgezahlt werden können. Für die Bewertung dieses Risikos sind die Ratingagenturen zuständig. Sie schätzen und bewerten die Bonität des Schuldners. Je schlechter die Bonität eines Staates, desto höher die Zinsen, die der Staat als Risikoaufschlag für seine Staatsanleihen bieten muss, damit die Anleger überhaupt in seine Wertpapiere investieren.

Signal der Märkte

Finden sich keine Käufer mehr, dann ist das ein deutliches Signal für den betreffenden Staat, seine Finanzpolitik zu korrigieren. Das sei ja letztendlich auch die Funktion der Märkte, so Krauss, "dass gezeigt wird, hier ist Veränderungsbedarf und hier muss man auch reagieren. Sonst läuft das irgendwann mal gegen die Wand." Griechenland sei dafür an anschauliches Beispiel - "sozusagen als Spitze des Eisbergs".

Staatsanleihen sind nicht per se sichere Anlagen. Auch wenn ein ganzer Staat für die Risiken gerade steht, sind Ausfälle bis hin zu Totalverlusten möglich.

Autor: Klaus Ulrich

Redaktion: Andreas Becker

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