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Spanien

Spaniens "Empörte" geben nicht auf

Lange bevor die Occupy-Bewegung in den USA vor einem Jahr die Wall-Street besetzte, schlugen die "Indignados", die Empörten, in Madrid ihre Zelte auf. Doch von der spanischen Protestbewegung ist nicht mehr viel zu sehen.

Für viele ausländische Beobachter scheint die spanische Volksbewegung, die am 15. Mai 2011 die eigene Bevölkerung und damit auch die ganze Welt wachrüttelte, gescheitert. Auch im eigenen Land hält man nach der anfänglichen Begeisterung nicht mehr viel von 15-M, wie sich die Bewegung nennt: "Sie wollten sich keiner politischen Gruppierung anschließen, das hat sie auseinandergerissen", sagt der Schriftsteller und Kulturbeauftragte der spanischen Partei Unión Progreso y Democracía (UPyD), Leon Arsenal. Obwohl er zugeben muss, dass die Proteste vom 15. Mai 2011 die weltweite Occupy-Bewegung initiiert haben: "Das erste Mal, dass Spanien Vorreiter bei irgendetwas war."

Arbeit im Hintergrund

Demonstranten mit Plakaten (Foto: Colin Brooks/DW)

Die Ratingagenturen im Fokus der "Empörten"

Arsenals Partei verfolgt eigentlich dieselben Ziele wie die "Indignados": mehr Beteiligung der Bürger an den politischen Entscheidungsprozessen, einfachere staatliche Strukturen, mehr Transparenz. Während jedoch seine Mitterechts-orientierte Partei stark gewachsen ist in den vergangenen Monaten, scheint die 15-M-Bewegung immer weniger präsent in der Gesellschaft.

Aber das ist nur der Schein: Nach den anfänglichen Zeltlagern und Protestgesängen an der Plaza de la Puerta del Sol in Madrid arbeiten die Tausenden von Freiwilligen inzwischen vor allem im Hintergrund und vor allem in den ärmeren Vierteln der Großstädte. "15-M ist zu einer Bewegung von freiwilligen Sozialarbeitern geworden", sagt die Sprecherin und Koordinatorin Ruth Martínez. Die Journalistin, die einen Master für Sprachen und mittelalterliche Literatur in der Tasche hat, ist mit 33 Jahren selbst Opfer der auf 24 Prozent angewachsenen Arbeitslosigkeit in ihrem Land geworden.

Familie als soziales Netz

Spanien kennt weder Instrumente wie die deutsche Arbeitslosen-Unterstützung Hartz-IV, noch Kinder-, Betreuungs- oder Wohngeld. Das Durchschnittseinkommen der Altersgruppe zwischen 20 und 45 Jahren beträgt zwischen 1000 und 1500 Euro. Die Familie gleicht bisher viele Ungerechtigkeiten der Gesellschaft aus. Jugendliche leben bis zur Heirat bei den Eltern, werden durchgefüttert. Aber auch die Familien sind angesichts der wachsenden privaten Schulden an ihre Grenzen gekommen: "Wir helfen da aus", sagt Martínez.

Tausende von Anwälten, Lehrern und Ärzten, die mit der Bewegung sympathisieren, bieten ihre Dienstleistungen gratis an; viele von ihnen sind derzeit selbst ohne Arbeit. Fachkräfte helfen den Bedürftigen bei Steuererklärungen und Hausräumungen. Deswegen ist die Arbeit des 15-M in Vierteln wie in Madrid-Lavapies, wo viele Einwanderer wohnen, so wichtig. Sie protestieren in Banken, sie protestieren auf Ämtern, sie begleiten Menschen, die in Not geraten sind.

Versammlung unter freiem Himmel (Foto: Colin Brooks/DW)

Nicht nur Reden, sondern auch Taten - vor allem im sozialen Bereich

Hausbesetzungen und Volksversammlungen

Überall werden "asambleas populares" organisiert, Volksversammlungen. "Was die Regierung und auch die Medien versäumen, machen wir. Natürlich besetzen wir auch immer mehr Häuser, die leer stehen, weil wir es ungerecht finden, dass Familien einfach so auf die Straße gesetzt werden, weil die Banken ihnen völlig überzogene Hypotheken angedreht haben", sagt Martínez. Als jüngsten Erfolg kann 15-M verbuchen, dass ihre Klage gegen die pleite gegangene Bank Bankia zugelassen wurde und sich einige der Verantwortlichen nun vor Gericht rechtfertigen müssen.

"Wir haben die Belagerungen zurückgefahren, weil die Polizei in Spanien inzwischen stark eingreift und nicht angemeldete Protest-Ansammlungen von mehr als zehn Personen mit Geldstrafen belegt werden. Das heißt aber nicht, dass wir global in der Versenkung verschwunden sind." So werden 15-M und seine vielen Unter-Foren bei der weltweiten "Global-Noise"-Aktion der Occupy-Bewegung am 15. Oktober dabei sein.

Für Ignasi Carreras Fisas, Direktor des Bereiches soziale Innovation der Business Schule Esade in Barcelona, bleibt 15-M ein großer Erfolg, auch wenn daraus keine politische Schlagkraft entstanden ist, die wirkliche Umbrüche in der Gesellschaft bewirkt: "Traditionell haben es solche Protestforen schwierig in Spanien, weil sie aufgrund der vielen regionalen Unabhängigkeitsbestrebungen kaum national agieren können. 15-M und die 'Empörten' haben es trotzdem irgendwie geschafft."

DW.DE