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Korruption

Sofort-Kasse statt Korruption

Korruptionsvorwürfe gegen deutsche Ärzte empören die Öffentlichkeit. Im internationalen Vergleich sind dagegen andere Probleme noch brisanter: Nicht selten werden die Patienten gleich direkt zur Kasse gebeten.

Ein niedergelassener Arzt macht sich in Deutschland nicht strafbar, wenn er Geschenke von Pharmakonzernen annimmt. Im Sommer 2012 hatte der Bundesgerichtshof festgestellt, dass entsprechende Paragrafen im Strafgesetzbuch fehlten und korrupte niedergelassene Ärzte nicht strafrechtlich belangt werden könnten. Zwar fordern die Krankenkassen nun, diese Gesetzeslücke zu schließen. Doch bislang ist es allein die ärztliche Berufsordnung, die neben den Krankenhausärzten auch niedergelassenen Medizinern verbietet, jegliche Gaben im Tausch für Leistungen anzunehmen. Zudem kommt es höchst selten vor, dass Berufsgerichte solche Vergehen ahnden.

Dennoch: Im Vergleich zu anderen Ländern hat das deutsche Gesundheitssystem noch verhältnismäßig gute Kontrollmechanismen. In Ländern, in denen Ärzte chronisch unterbezahlt sind, ist Korruption die Regel - und betrifft Kranke noch wesentlich direkter: In Simbabwe etwa sterben Patienten, die nicht aus eigener Tasche für notwendige Operationen bezahlen können, in Uganda stocken Mediziner ihr Gehalt auf, indem sie billige Tabletten verteilen, und Kroatien erlebt gerade einen Pharmaskandal mit mehr als 300 beteiligten Medizinern und rund 30 Festnahmen.

Weitreichende Korruption in Simbabwe

Medizinische Versorgung - in Deutschland selbstverständlich (Foto: Benjamin Ulmer / dpa)

Medizinische Versorgung - in Deutschland selbstverständlich

Joost Butenop arbeitete als Arzt unter anderem in Simbabwe, Pakistan und Malaysia. Auf dem aktuellen Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International, einer globalen Anti-Korruptionsorganisation, steht Deutschland auf Platz 13, Simbabwe dagegen auf Platz 163 von 174. "Man kann letztlich nur dem System eine Vorwurf machen, dem einzelnen behandelnden Arzt nicht",  sagt Butenop im Gespräch mit der DW. "Wenn die Ärzte und die Krankenschwestern nicht regelmäßig bezahlt werden, sie aber trotzdem zu ihrer Arbeit erscheinen, wollen sie sich natürlich ein Einkommen sichern - und lassen sich das dann von den Patienten bezahlen."

Vor einer Operation in Simbabwe müsse die Familie des Patienten daher nicht nur die Medikamente, sondern auch Infusionsgeräte, Desinfizierungsmittel und Skalpell kaufen, erzählt Butenop. Wer dafür nicht die finanziellen Möglichkeiten hat, bekommt auch lebensnotwendige Eingriffe nicht. Das Geld, das für den Gesundheitssektor vorgesehen ist, werde vorher von der Regierung abgezweigt.

Korruption durch Einflussnahme der Pharmaindustrie ist kein Thema. Dass Ärzte in Entwicklungsländern kein Geld von Pharmaunternehmen bekommen, hat laut Butenop einen triftigen Grund: "Die Zielgruppe ist so dermaßen klein, weil der Endverbraucher das Medikament bar bezahlen muss. Ich glaube nicht, dass die Pharmaindustrie da einen Absatzmarkt wittert." Patienten können sich die teuren Markenmedikamente einfach nicht leisten. Selbst wenn Ärzte sie also nach finanziellen Zuwendungen verschrieben, würden die Patienten auf No-name-Alternativen ausweichen.

Tabletten - in machen Ländern Luxusgut (Foto: Armin Weigel / dpa)

Tabletten - in machen Ländern Luxusgut

Billigmedikamente als Sparmaßnahme

Ähnlich ist die Situation in Uganda. "Das größte Problem liegt darin, medizinische Versorgung überhaupt zur Verfügung zu stellen", sagt Waidha Moses von TI Uganda der DW. "Das Personal leistet nicht das, was es soll." Ärzte und Krankenschwestern tauchten laut TI Uganda 2012 wegen mangelnder Bezahlung oft stundenlang nicht in ihren Praxen auf - und wenn sie kommen, verschreiben sie ihren Patienten häufig nicht die benötigten Pillen, oder sie speisen sie ohnehin mit mangelhaften Billigpräparaten ab, um Gewinn zu machen: "Die Leute, die zuständig sind für den Kauf von Medikamenten, ignorieren Ratschläge darüber, welche und wieviele Präparate sie bestellen sollen", so Moses. "Die zuständigen Mediziner kaufen schlechte Medikamente, weil sie das restliche Geld behalten wollen."

Um gegen Korruption anzugehen, schult TIU Freiwillige wie Moses, die sicherstellen sollen, dass Ärzte ihren Patienten korrekt Auskunft geben und die richtigen Medikamente verschreiben. Außerdem arbeiten sie mit lokalen Politikern zusammen und haben Komitees gegründet, die Medikamentenlieferungen kontrollieren und protokollieren.

Konkurrenz aus Öffentlich und Privat in Peru

In Peru ist die Mischung aus öffentlichen Krankenhäusern und Privatkliniken ein Korruptionsherd. "Ärzte in öffentlichen Kliniken verdienen so wenig, dass sie meist auch noch eine private Praxis haben", sagt Samuel Rotta, stellvertretender Direktor von Proética, der peruanischen Vertretung von Transparency International. "Die Patienten, die sie im öffentlichen Dienst sehen, überweisen sie dann automatisch an die private Praxis eines Freundes, und erwarten, dass der das genauso macht. Eine Hand wäscht die andere."

Auch in der medizinischen Verwaltung in Peru hat sich Korruption breit gemacht. Es gibt nicht genügend Krankenhausbetten für alle Patienten, also werden die, die vorhanden sind verkauft. Und es beginnt noch früher im Prozess: "Um überhaupt einen Termin beim Arzt zu bekommen, muss man die Helferinnen an der Rezeption bestechen", sagt Rotta, der seit 10 Jahren für Proética arbeitet. Obwohl es soviel Bestechung gibt, hat er Hoffnung für sein Land: "Die gute Nachricht ist, dass die Offiziellen im Gesundheitssektor jetzt von diesen Vorgängen wissen, und versuchen, etwas dagegen zu unternehmen."

Kroatischer Bestechungsskandal aufgeflogen

Medikamente (Foto: Atta Kenare/AFP)

In vielen Ländern herrscht Medikamentenmangel statt Korruption

Und Südosteuropa erlebt gerade einen ähnlichen Skandal, wie er zur Zeit in Deutschland im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht: In Kroatien haben rund 350 Ärzte über Jahre gegen Geld verstärkt Medikamente des Pharmaherstellers Farmal verschrieben, so der Vorwurf. Laut übereinstimmenden Berichten der kroatischen Medien wurden alle Mitglieder der Geschäftsführung und Vertriebsabteilung von Farmal vorübergehend festgenommen. Die Medikamentenfirma hat enge Beziehungen nach Deutschland: 95 Prozent von Farmal gehören dem bayrischen Pharmaproduzenten Dermapharm. Bei Dermapharm war das Unternehmen weder zum Zeitpunkt der Vorwürfe noch in der ersten Januarwoche für einen Kommentar zu erreichen.