1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Gesundheit

Sex-Experten der ersten Stunde

Was Deutschland über Sex weiß, weiß es auch von "pro familia". Seit 1952 berät der Verein Frauen und Männer, hilft in Konfliktsituationen, gibt Rat und Trost. 60 Jahre "pro familia" - eine Geschichte mit Höhepunkten.

ARCHIV - Eingang zur Beratungsstelle von pro familia in Kassel (Foto vom 27.04.2012). Erstmals seit Jahren ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland wieder spürbar angestiegen. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag (14.09.2012) mitteilte, wurden im zweiten Quartal diesen Jahres 26 900 Abtreibungen gemeldet. Ursache sind oft Geldsorgen oder Probleme in der Partnerschaft. Foto: Uwe Zucchi dpa/lhe (zu dpa 0693 vom 14.09.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Beratungszentrum von pro familia in Kassel Logo

Es war eine Zeit, in der ein Schwangerschaftsabbruch in der Regel strafbar war. In der Kondome nicht in jedem Drogeriemarkt zu kaufen waren. In der die Pille noch nicht das Licht der Welt erblickt hatte.

Es war das Jahr 1952, sieben Jahre nach Kriegsende, als die "Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung", wie pro familia mit vollem Namen heißt, gegründet wurde. Am 23. Dezember feiert eine Institution ihren 60. Geburtstag, die das Thema Sex aus der Schmuddelecke geholt hat.

Gründung in stürmischen Zeiten

Auf dem Bild:
Prof. Dr. Daphne Hahn, Vorsitzende des pro familia Bundesverbands (Foto: pro familia)

Daphne Hahn von pro familia

"In der Anfangszeit gehörte ein gewisser Mut dazu, sich für pro familia zu engagieren. Es war nicht so einfach, in der Beratungsstelle zu arbeiten. Wir wurden bedroht und es wurde eingebrochen, um an Informationen über Personen zu kommen", erinnert sich Ruth Eichmann, Ärztin im Ruhestand und langjährige Beraterin bei pro familia. Über Verhütungsmethoden aufzuklären, illegale Abtreibungen zu verhindern und das Sexualstrafrecht zu reformieren - das waren in den sexualfeindlichen 1950er Jahren die Motive für die Gründung des Vereins.

"Es ging darum, das Thema Verhütung überhaupt akzeptabel zu machen, und das war schon schwierig genug", erzählt Daphne Hahn, ehrenamtliche Vorsitzende des pro familia-Bundesverbands. "Die gesellschaftliche Haltung war zu jener Zeit sehr konservativ, die rechtlichen Regelungen stammten noch aus der Zeit des Nationalsozialismus."

Jungen Frauen wurde die "Pille" verweigert

Die Antibabypille ist seit 1961 in Deutschland verfügbar. Sie zu bekommen, war damals aber nicht so einfach wie heute. "Vor allem jungen Frauen, die noch keine Familie hatten, wurde die Pille oft verweigert", sagt die Medizinerin Eichmann. Meist wegen moralischer Vorbehalte, weniger aus gesundheitlichen Gründen hätten sich damals Ärzte geweigert, jungen Mädchen die Antibabypille zu verschreiben.

***ACHTUNG: Das Bild darf nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung zu diesem Stern-Cover von 1971 verwendet werden.
Wir haben abgetrieben! war die Titelschlagzeile der Zeitschrift Stern am 6. Juni 1971. Es handelte sich um eine Aktion, bei der sich 374 prominente und nicht prominente Frauen öffentlich bekannten, abgetrieben und damit gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. (Foto: Stern)

Das Titelbild der Zeitschrift "Stern" am 6. Juni 1971

Gesellschaftlich heiß umstritten war in den ersten Jahrzehnten von pro familia auch das Thema Schwangerschaftsabbruch, das mit dem Aufkommen der Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre eine gewaltige Sprengkraft entfaltete. "Wir haben abgetrieben" titelte 1971 das deutsche Magazin "Stern". Ein Schock, eine Sensation - und eine Aufforderung an die Gesellschaft, sich endlich mit einem Tabu-Thema auseinanderzusetzen.

Abtreibung mit der Stricknadel

"Ich sah damals, wie viele Frauen selbst Hand angelegt oder mithilfe nichtausgebildeter Personen abgetrieben haben", erinnert sich Ärztin Eichmann an die 1960er Jahre. Damals arbeitete sie in einer Frauenklinik. "Mit Chemikalien, Spülungen oder Stricknadeln haben Frauen versucht, einen Abbruch herbeizuführen. Einige sind daran gestorben, andere litten lebenslang an chronischen Entzündungen. Es gab Ärzte, die sich strafbar gemacht und Abbrüche durchgeführt haben. Sie haben sich das Risiko aber teuer bezahlen lassen", sagt Eichmann.

Rita Waschbüsch vom Verband donum vitae (Foto:donum vitae/Horst Nogajski

Rita Waschbüsch von donum vitae

Die Debatte polarisierte noch lange nach 1971 die Öffentlichkeit, das Meinungsklima war rau. Ende der 1990er Jahre machte das deutsche Recht eine "Schwangerschaftskonfliktberatung" zur Voraussetzung für einen straffreien Abbruch. Der Gesetzgeber schrieb damals vor, dass eine schwangere Frau erst dann straffrei abtreiben darf, wenn sie sich von staatlich anerkannten Trägern wie pro familia hat beraten lassen. Prompt stiegen katholische Stellen aus der Beratung aus.

Schwanger? Ab zu "pro familia" - oder zu "donum vitae"

Damals gründeten katholische Christen den Verein "donum vitae" ("Geschenk des Lebens"), um weiter nach christlichen Wertvorstellungen beraten zu können - wenn auch nicht mit dem Segen der Amtskirche. "Ein Schwangerschaftsabbruch, wenn nicht medizinisch bedingt, ist keine Lösung. Ich denke sogar, dass ein Abbruch in einer schwierigen Lage das Schlechteste für die Frau ist", sagt heute Rita Waschbüsch, ehemalige Sozialministerin im Saarland und Bundesvorsitzende von donum vitae.

"Ziel ist die Erhaltung des Lebens, sowie der Mutter eine Perspektive für ein Leben mit Kind aufzuzeigen", sagt Waschbüsch im Interview mit der Deutschen Welle. Die Beratung sei aber ergebnisoffen. Die Frau müsse alleine entscheiden, ob sie das Kind austragen oder abtreiben wolle. "Und die Entscheidung respektieren wir auch."

Die sexualisierte Gesellschaft

Um Verhütung, Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch geht es nach wie vor bei "pro familia" - die gesellschaftliche Entwicklung und der demografische Wandel haben die Arbeit des Vereins aber auch verändert. "Das Interesse an Themen rund um Sex ist nach wie vor sehr groß, weil die ganze Gesellschaft stark sexualisiert ist", sagt die Bundesvorsitzende Daphne Hahn.

Verhütungsbroschüre von Anfang der 60er pro familia.
(Foto: pro familia)

Verhütungsbroschüre von Anfang der 1960er

Das Wissen über Verhütungsmethoden sei in den vergangenen Jahren zwar gestiegen, doch zu einigen Themen sei der Bedarf nach Beratung weiterhin groß. "Durch den Zugang zu Pornografie im Internet sind Vorstellungen von Sexualität entstanden, die realitätsfern sind."

Auch Themen wie künstliche Befruchtung oder die Sexualität von behinderten Menschen erweitern das Arbeitsspektrum. Über 1000 Fachkräfte aus vielen Bereichen arbeiten heute in den 180 Beratungsstellen von pro familia. Seit 1995 gibt es auch eine Online-Beratung. Insgesamt nutzen jedes Jahr mehr als 450.000 Menschen die Angebote des Vereins.

DW.DE