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Europa

Schweizer Tourismus kriselt

Auch die Schweiz bekommt die Schuldenkrise zu spüren. Vielen Touristen ist der Urlaub bei den Eidgenossen zu teuer geworden, denn der Franken hat deutlich zugelegt. Zudem ist da noch die Angst vor den Steuerbehörden.

Leere Pisten am Corvatsch-Berg bei St. Moritz; St. Moritz (Foto: DW)

Leere Pisten in St. Moritz

"Es ist ein Paradox", sagt Dieter Bogner von den Bergbahnen Engadin St. Moritz: "Mit 350 Km Pisten und über 50 Bergbahnen haben wir beste Skibedingungen, aber uns wandern die Gäste ab." Bogner und andere geben der Eurokrise die Schuld. Denn seit der Schweizer Franken an Kraft zulegt, sind die Skigebiete noch teurer geworden. Kein Wirtschaftszweig der Schweiz leidet so stark unter der Krise in Europa wie der Tourismus. Sogar Orte wie St. Moritz melden Besuchereinbrüche. Auch der Handel sorgt sich, denn es heißt, von jedem Touristen-Franken würden Zweidrittel in die Einkäufe wandern.

Gerade die Gäste aus Europa gehen derzeit lieber nach Österreich oder in günstigere Regionen in Osteuropa. In Engadin wurden in den letzten Jahren 60 Millionen Franken in die Modernisierung der Bergbahnen investiert, weitere Strecken sollen gebaut werden. "Wir haben einige neue Projekte vor, aber das können wir nur umsetzen, wenn die Gästezahlen wieder stabil bleiben", sagt Bogner.

Zentrum von St. Moritz kurz vor Weihnachten (Foto: DW)

Auch der Handel leidet

De luxe im Sonderangebot

Dass die Krise in Europa den Skigebieten zu schaffen macht, sieht man derzeit an zahlreichen Sonderangeboten. Engadiner Bergbahnen und über 100 Hotels der Region, darunter sogar die St. Moritzer Jugendherberge, bieten neuerdings Hotelgästen günstige Skipässe an, die nur ein Drittel des bisherigen Preises kosten: Statt 73 bezahlen Hotelgäste derzeit fürs Tagesticket 25 Franken, das ist fast Osteuropa-Niveau. Es soll vor allem jüngeres Publikum und Familien anziehen.

Inhaber Michael Wagner vom Hotel Rosatsch in Pontresina (Foto: DW)

Sonderangebote sind notwendig: Michael Wagner

Solche Angebote sind nötig, denn bei Übernachtungen und Gastronomie ist die Schweiz weniger flexibel. "Wir haben zu hohe Personalfixkosten, als dass wir die Lage über den Preis regulieren können, deshalb versuchen wir dafür mehr Qualität anzubieten", sagt Michael Wagner, der im Hotel Rosatsch in Pontresina 60 Mitarbeiter beschäftigt. Bis die Bankenkrise ausbrach, arbeitete er als Investmentbanker in Frankfurt am Main. Dann kam er zurück in seinen Heimatort und investierte in ein Hotel. Seine Arbeitskräfte kommen wie bei allen Hotels in der Region überwiegend aus Portugal, Griechenland und Osteuropa. "Der gesetzliche Mindestlohn geht bei 3500 Schweizer Franken brutto im Monat los, bei mehr Erfahrung und Qualifikation ist auch das Gehalt höher", begründet der junge Hotelier die Preise.

Italien sucht Geld

Der hohe Frankenkurs ist das Hauptproblem für die Tourismusbranche. In Engadin, das an Italien angrenzt, wird aber auch von anderen Beispielen berichtet, wie sich die angespannte Lage in Europa auf die Gästezahlen auswirkt. "Viele Italiener wollen derzeit nicht kommen, weil sie Angst vor ihrer Steuerfahndung haben", berichtete die Schweizer Presse im letzten Herbst.

Demnach soll die italienische Guardia di Finanza an der Grenze italienische Kennzeichennummer von Großwagen oder Namen von den Türklinken in St. Moritz und Umgebung abschreiben und anschließend überprüfen, wie viel Einkommen die Betroffenen zu Hause versteuern. Dass der italienische Fiskus gerade zu allen Mitteln greifen würde, verunsichere einige Italiener, die seit Jahren in der Schweiz Ferien machten, erklärte die Presse den Grund fürs Wegbleiben.

Schneelandschaft von St. Moritz(Foto: DW)

Traumhafte Aussichten - die gibt es auch woanders und zwar günstiger

Neue Märkte

Als eine Insel mitten im Euroraum suchen Schweizer Skigebiete nach Wegen aus der Krise. Mit neuen Ideen hoffen sie ihr Stammpublikum zu behalten und neues zu gewinnen. Vor Jahren waren es russische Gäste, die viel Geld in die Hotels brachten. Doch mittlerweile meinen Einheimische in St. Moritz, "die goldenen Jahre" seien vorbei. Vielleicht auch deshalb versuchen touristische Orte die Fernmärkte zu erobern. In den letzten Jahren stiegen die Zahlen der Gäste aus den USA, Brasilien oder China teilweise bis zu 30 Prozent.

Dazu passt auch eine neue Initiative der Engadiner Region. Sie nennt sich die "Herzlichkeitsoffensive" und bietet dem Dienstleistungsgewerbe kostenlos an, sein Personal auf Freundlichkeit zu schulen. In Engadin hofft man, mit all den Instrumenten die Krise im Tourismus aufhalten zu können. "Auch deshalb möchten wir eine geplante Olympiabewerbung vorantreiben", sagt Dieter Bogner von den Bergbahnen Engadin St. Moritz: "Sie würde dem ganzen Schweizer Tourismus zugute kommen." Ob St. Moritz als Austragungsort für die Winterspiele 2022 ins Rennen geht, wollen die Schweizer bald entscheiden.