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Gesellschaft

Schrumpfende Mittelschicht im Libanon

Bekannt wurde der Libanon als Schweiz des Orients. Das ist lange her. Viele Libanesen kämpfen heute ums wirtschaftliche Überleben. Weniger als ein Drittel gehören der einst so starken Mittelschicht an.

Ghina Harb ist verheiratet und hat drei Kinder. Ein Sohn besucht die private Amerikanische Universität in Beirut, die beiden anderen besuchen Privatschulen. Die Familie hat zwei Autos und lebt in einer geräumigen Wohnung in Beirut. Um diesen Lebensstil halten zu können, braucht die Familie monatlich mindestens 3000 US-Dollar, erzählt Ghina. Aber die Harbs haben Glück: Sie müssen keine Miete zahlen, weil sie das Appartement vor einigen Jahren von Ghinas Eltern geschenkt bekommen haben. Zudem müssen sie sich nicht um die medizinische Versorgung kümmern: Alle Familienmitglieder sind über die Arbeit ihres Mannes krankenversichert. "Daher können wir es uns leisten ein- oder zweimal im Monat unsere Kinder in ein Restaurant auszuführen", sagt die 41jährige. "Als wir noch Miete zahlen mussten, war es schwierig über die Runden zu kommen", sagt sie.

Ghina Harb stammt aus einer alteingesessenen Beiruter Familie. Ihr Vater, ein Lebensmittelhändler, hat sie und ihre Familie durch die Schenkung der Wohnung abgesichert. Ghina erzählt zwar, dass die Ausbildungskosten für ihre Kinder den Großteil des Einkommens ihres Mannes verschlucken, sie sich aber nicht über ihren Lebensstandard beschweren könne. Ghina Harb und ihre Familie sind typische Vertreter der Mittelschicht im Libanon. Eine Umfrage, die in diesem Jahr vom Lebanese Center for Policy Studies (LCPS) veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass 27 Prozent der Libanesen genug verdienen, um ihre Ausgaben zu decken.

No Electricity in Beirut: Werbeplakat im Zentrum Beiruts (Foto: DW/M.Naggar)

Strom ist teuer im Libanon

Sozialer Rückzug der ehemaligen Mittelschicht

Genaue Statistiken über die Einkommensverteilung im Libanon gibt es nicht. Die größte Gruppe im Libanon bildet jedoch - mit fast 40 Prozent - die untere Mittelschicht. Mehr als ein Viertel der Libanesen gelten als arm, 3,7 Prozent als reich.

Eine wachsende Zahl von Menschen müsse täglich darum kämpfen, ihren Lebensstandard halten zu können, erzählt Gina. "Einige meiner Bekannten haben sich zurückgezogen, nehmen keine Einladungen mehr an, um keine Geschenke kaufen zu müssen." Andere, erzählt sie, würden sich verschulden, um ihren bisherigen Standard weiter finanzieren zu können. Das war nicht immer so. Der Libanon erlebt seit 30 Jahren einen stetigen Schwund der Mittelschicht. Schätzungen gehen davon aus, dass in den 1970er Jahren zwischen 50 und 60 Prozent der Mitte der Gesellschaft angehörten.

Für Wirtschaftswissenschaftler ist es nicht überraschend, dass die Mittelschicht immer kleiner wird. Mounir Rached von der Lebanese Economic Association nennt zwei Gründe dafür. Das Einkommen sei während des Bürgerkrieges und auch nach dem Bürgerkrieg (1975-1990) nicht gestiegen, die Lebenshaltungskosten seien allerdings gewachsen. Das Anfangsgehalt eines Uni-Absolventen in Ingenieurwissenschaften liege heute bei rund 800 US-Dollar, sagt Rached: "Damit kann man heute im Libanon unmöglich über die Runden kommen. Das bedeutet, dass der Berufsanfänger in der Einkommensklasse ziemlich weit unten beginnt und viele Jahre braucht, um vielleicht irgendwann 2000 Dollar zu verdienen." Hinzu komme, dass es schlicht keine Arbeitsplätze für die junge Generation gebe.

Westbeiruter Stadtteil Hamra (Foto: DW/M.Naggar)

Besonders die Mieten im Stadtteil Hamra sind explodiert

Immer mehr junge Libanesen wollen gehen

Kein Wunder, dass viele gut ausgebildete junge Libanesen auswandern. Nach der Umfrage des LCPS denken 53 Prozent der unter 30-Jährigen darüber nach, einen Arbeitsplatz im Ausland zu suchen. Bei der Altersgruppe der 30- bis 45-Jährigen sind es fast 48 Prozent. Die Auswanderung ist vor allem ein Phänomen der Mittelschicht, zu der auch Ghina Harb gehört. Daher hält sie es für wahrscheinlich, dass ihr ältester Sohn nach seinem Universitäts-Abschluss die Koffer packen wird. Er würde sich zwar bei einigen libanesischen Firmen bewerben wollen, aber viel Hoffnung, dass er genommen werde, habe er nicht.

Die Prognosen für die libanesische Mittelschicht sind düster. Sie werde von Jahr zu Jahr kleiner werden, prophezeit Mounir Rached. Denn weder die jetzige noch die früheren Regierungen hätten Schritte unternommen, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Arbeitsplätze müssten geschaffen, Einkommen und Produktivität vermehrt werden: "Das geht nur, wenn Reformen in die Wege geleitet und Probleme gelöst werden." Dazu zählen vor allem neue Arbeitsgesetze, eine bessere Infrastruktur und die Abschaffung der Bürokratie. Auch die Steuern müssten gerechter verteilt werden, sagt der Wirtschaftwissenschaftler Rached. Der libanesische Staat finanziere sich hauptsächlich durch indirekte Steuern wie der Mehrwertsteuer oder der Steuer auf Benzin: "Das belastet vor allem die, die weniger verdienen. Die Reichen werden dabei nicht angerührt."