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Schrei nach Gerechtigkeit und Wandel

Priya Esselborn1. Januar 2013

Die Protestierenden in Indien sind sich einig: Der wahre Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen beginnt erst jetzt. Nach dem Tod des Vergewaltigungsopfers setzen die Inder ihre Hoffnung auf Justiz und Politik.

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Die Proteste auf den Straßen von Neu Delhi halten an. Foto: REUTERS/Adnan Abidi (INDIA - Tags: CIVIL UNREST CRIME LAW)
Bild: Reuters

Für viele Menschen ist sie eine Heldin, eine Symbolfigur und eine Märtyrerin. Nachdem die 23-jährige Studentin am vergangenen Samstag (29.12.2012) ihren schweren Verletzungen erlegen ist, kochen die Emotionen in Indiens Städten hoch. Die junge Frau wurde vor zwei Wochen zusammen mit ihrem Freund Opfer einer brutalen Massenvergewaltigung. Sechs Männer vergingen sich auf grausamste Art und Weise an ihr. Sie wurde gefoltert und dann schwer verletzt aus dem fahrenden Bus geworfen, mit dem sie nach einem Kinobesuch nach Hause fahren wollte.

Seit langem prangern Menschen- und Frauenrechtler die zunehmende Gewalt gegen Frauen an und beklagen die Gleichgültigkeit der Politik. 2011 wurden mehr als 24.000 Vergewaltigungen in Indien registriert, 2010 waren es noch etwas über 22.000. Nur jeder vierte Täter wird überhaupt gefasst.

Demonstrationen für Frauenrechte

Die Familie der jungen Studentin fordert für die sechs inzwischen verhafteten Männer die Todesstrafe. Die Regierung hat versprochen, den Männern innerhalb von 100 Tagen den Prozess zu machen. Die Behörden in Delhi verkündeten, dass die Familie des Opfers 1,5 Millionen Rupien - umgerechnet ca. 27.500 Euro - Entschädigung erhalten solle. Als Sofortmaßnahme wurde inzwischen eine Hotline für Frauen in Not eingerichtet.

Ein Demonstrant hält eine Kerze in der Hand, daneben ein Plakat mit der Aufschrift "Stopp der Gewalt gegen Frauen". Foto: EPA/DIVYAKANT SOLANKI
Protestkundgebungen und Mahnwachen in Indien dauern anBild: picture-alliance/dpa

Überall in Indien gehen die Proteste weiter, Mahnwachen werden abgehalten, die Menschen geben so ihrer Verzweiflung, Trauer und Wut Ausdruck. Einige sind sogar im Hungerstreik. Der Kampf der Frauen gegen Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt ist durch den tragischen Fall zur Massenbewegung geworden. "Indien fordert Gerechtigkeit", so der Tenor in den Zeitungen. Die Politik müsse nun endlich die Antworten auf "unbequeme Wahrheiten" finden, heißt es in einem Kommentar der Wochenzeitung "India Today". Indien steht unter Schock, vielerorts sind die Neujahrsfeierlichkeiten abgesagt worden.

Suche nach Gründen

Seit Tagen spekulieren die Medien, warum die Gewalt gegen Frauen in Indien zunimmt. Die Regierungschefin des Unionsstaats Neu Delhi, Sheila Dikshit, wird dabei seit Bekanntwerden der Tat nicht müde zu betonen, dass einige der Täter aus den ärmsten Bundesstaaten Indiens stammen. Sie waren als Migranten aus Uttar Pradesh und Bihar nach Delhi gekommen, mit der Hoffnung auf Wohlstand und ein besseres Leben. Vier der verhafteten Männer lebten nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters unter schwierigsten Bedingungen im Ravi Das Camp, einem Slum in Delhi. "Es gibt ein Sprichwort, das besagt: Wenn irgendwo Armut existiert, dann wird diese zum Hindernis für den Wohlstand aller", so Dikshit bei einer Rede vor wenigen Tagen. Indiens Hauptstadt Neu Delhi könne dem "fortschreitenden und ungezügelten Zuzug von Migranten" kaum standhalten: Armut führe zu Frustration. Die 16-Millionen-Stadt Delhi platze inzwischen aus allen Nähten: "Der Wohnraum, das Abwassermanagement, die Strom- und Wasserversorgung, das Gesundheitsmanagement und die marode Infrastruktur machen uns große Sorgen", so Dikshit.

Experten beklagen, dass der wirtschaftliche Aufschwung Indiens in den vergangenen Jahren nicht alle eingeschlossen habe. Aus Armut, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, gepaart mit Alkoholproblemen, würde so schnell ein Teufelskreis. Hinzu kommen religiöse und kulturelle Traditionen, die Frauen seit Jahrtausenden diskriminieren.

Der Dharavi slum in Mumbai. (AP Photo/Rafiq Maqbool)
Viele sehen mittlerweile die Ursachen der Gewalt in den SlumsBild: AP

"Eine von uns"

"Indiens Tochter" wird die junge Frau von verschiedenen Medien genannt. Die renommierte "Hindustan Times" widmete der jungen Frau, die ihren Freund im Februar heiraten wollte, erneut die Titelseite. Ihre Geschichte ist die Geschichte eines jungen Mädchens voller Träume, sinnbildlich für Millionen Mädchen in Indien. Eines Mädchens, das "beliebt und verliebt war": "Sie war auf charmante Weise einfach, voller Hoffnungen, sie arbeitete hart und fand Freude an kleinen Momenten des Glücks", schreibt die Zeitung.

Der Vater des Mädchens, dessen Identität bisher nicht preisgegeben wurde, arbeitete am Flughafen in Delhi. Um die Ausbildung seiner Tochter bezahlen zu können, habe er Land in seinem Heimatort verkauft. Da das Geld knapp war, gab es oft nur karge Mahlzeiten. Für ihre beiden jüngeren Bruder war sie eine Quelle der Inspiration, schreibt die "Hindustan Times". Der Vater des jungen Mädchens wird im "Indian Express" mit den Worten zitiert: "Meine Frau hat seit zwei Wochen nichts gegessen. Wir sind alle völlig am Ende. Es tut so weh." Vielen - ob auf Facebook oder in den Diskussionsforen im Internet - gilt die junge Frau als Symbol für das moderne Indien, das frei von Grenzen ist, die Herkunft, Kastenzugehörigkeit und Wohlstand so lange gezogen haben.

Ruf nach grundlegendem Wandel

Der Prozess gegen die Täter soll am Donnerstag (03.01.2013) beginnen. Die Anklage gegen die Männer lautet auf Vergewaltigung und Mord.

Die Todesstrafe - von vielen wegen der Brutalität des Verbrechens gefordert - darf nach indischem Strafrecht nur "in den seltensten Fällen" und "bei besonderer Schwere des Verbrechens" verhängt werden. Erst vor wenigen Wochen war der einzige Attentäter der Anschläge auf Mumbai 2008, Mohammad Ajmal Kasab, hingerichtet worden. Nach 2004 war dies die erste Exekution in Indien.

Premierminister Manmohan Singh im Gespräch mit der Präsidentin der Indischen Kogresspartei, Sonia Gandhi. (Foto:Manish Swarup/AP/dapd)
Die politischen Führer Manmohan Singh und Sonia Gandhi stehen unter DruckBild: dapd

Im aktuellen Fall hat Premierminister Manmohan Singh zwei Untersuchungskommissionen eingerichtet: Eine soll ermitteln, ob das Verbrechen hätte verhindert werden können und ob es Fehler bei den Ermittlungen gab; eine zweite Kommission soll Vorschläge erarbeiten, wie das Strafrecht reformiert und Gewalt gegen Frauen besser geahndet werden kann. Singhs Kongresspartei soll der Nachrichtenagentur AFP zufolge auch eine Behandlung von Sexualstraftätern mit Medikamenten, "chemische Kastration" genannt, in Betracht ziehen.