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Deutschland

"Schild und Schwert der Partei"

Vor 60 Jahren wurde das DDR-Ministerium für Staatssicherheit gegründet. Es bestand fast 40 Jahre, prägte den ostdeutschen Teilstaat, hinterließ in Westdeutschland Spuren und Narben im wiedervereinigten Deutschland.

Fast 40 Jahre herrschte die Stase, dann forderten die Bürger Stasi auf den Mond - keiner wird verschont und Nie wieder Stasi SED nee - Plakate von Demonstranten am 15.01.1990
(Foto: dpa)

Ende der Stasi nach 40 Jahren

Der Feind - das konnte jeder sein oder es zumindest werden. Dieser Ansatz hatte schon die Arbeit der KPD im Deutschland der Weimarer Republik geprägt, mehr noch prägte er die Arbeit der Kommunistischen Internationale in Moskau und die Stalinschen "Säuberungs-Aktionen" in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Diese kommunistische Grundweisheit kannten demzufolge auch die beiden ersten Chefs der Stasi. Die firmierte offiziell als DDR-Ministerium für Staatssicherheit, doch faktisch war die ostdeutsche Geheimpolizei zunächst eher ein von deutschstämmigen Sowjet-Spezialisten geführtes Organ der Besatzungsmacht.

Der erste Stasi-Chef

Wilhelm Zaisser, der erste Stasi-Chef 1950
(Foto: Bundesarchiv)

Wilhelm Zaisser

Erster Minister für Staatssicherheit wurde Wilhelm Zaisser, 1893 in der Nähe von Gelsenkirchen geboren. Er war Lehrer und Offizier im ersten Weltkrieg und schloss sich 1919 der KPD an. Ab Ende der Zwanziger Jahre machte Zaisser in der Sowjetunion bei der Komintern und in der Roten Armee Karriere: Er war sowjetischer Militärberater in Syrien und in China sowie Geheimagent in der Tschechoslowakei. Während des spanischen Bürgerkrieges von 1936 bis 1938 hatte Zaisser diverse militärische Führungsposten auf republikanischer Seite inne. 1947 ging der Sowjetbürger und Rotarmist Zaisser, der mehrere Sprachen beherrschte, in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ). Unter seiner Führung wurden die auf dem Gebiet der SBZ/DDR bestehenden Vorläuferorganisationen zusammengefasst. Dazu gehörte neben der von Erich Mielke geleiteten "Verwaltung zum Schutz der Volkseigenen Wirtschaft" vor allem der "Außenpolitische Nachrichtendienst" unter Leitung des früheren Komintern-Funktionärs und Sowjet-Offiziers mit deutschen Wurzeln Markus Wolf.

Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953

Zu den ersten Aktionen der Stasi unter Zaisser gehörte eine Operation nach Sowjet-Vorbild gegen sogenannte "unzuverlässige Elemente" im Zonenrandgebiet. Die Opfer wurden kurzerhand zwangsumgesiedelt oder gleich eingesperrt. Wenig zimperlich ging die Stasi auch gegen Elli Barczatis, die Sekretärin des damaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, vor. Die arbeitete nämlich für den späteren Bundesnachrichtendienst, was den Geheimdienstlern Ost aber erst mit beträchtlicher Verzögerung auffiel. Entsprechend drakonisch fiel die Rache aus: Die Sekretärin und ihr Verbindungsmann wurden hingerichtet.

Vom Arbeiteraufstand, der am 17. Juni 1953 die Ostzone erfasste, wurde die Geheimpolizei ebenso überrascht wie die SED-Führung: Die im Volksmund auch "Horch und Guck" genannten Staatsschützer Ost hatten vorher nichts gehört und nichts gesehen. Die Besatzungsmacht ließ ihre Panzer rollen, um die SED und deren Staatsgebilde zu sichern. Die Staatssicherheit, die den Staat eigentlich hätte sichern sollen, wurde zu einer Unterbehörde der Volkspolizei degradiert. Stasi-Chef Zaisser wurde 1954 zum "Parteifeind" erklärt und aus dem SED-Politbüro und der Partei ausgeschlossen. Bis zu seinem Tod 1958 war er als Fremdsprachenlektor in einen Verlag verbannt.

Ernst Wollweber, von 1953 bis 1957 Stasi-Chef
(Foto: Bundesarchiv)

Ernst Wollweber

Neuer Stasi-Chef - Mielke musste weiter warten

Neuer Chef der degradierten Stasi wurde allerdings nicht deren Vizechef, der Parteisoldat in Hab-Acht-Stellung Erich Mielke, sondern der Partei-Offizier Ernst Wollweber. Der 1898 in Hannoversch-Münden geborene Bergmannssohn war Matrose, hatte in der kaiserlichen Marine bei den U-Booten gedient und danach Militärschulen und -Organisationen der KPD geleitet. Von 1932 bis zur Zerschlagung durch die Nazis war er Abgeordneter des Reichstages.

Im Exil in Skandinavien arbeite er zunächst in der internationalen Seeleutegewerkschaft und baute als Sowjetagent ein internationales Netz zur Sabotage der Seefahrt Nazideutschlands und seiner Verbündeten auf. Im spanischen Bürgerkrieg sicherte Wollweber Waffenlieferungen für die Republikaner. Die Agententätigkeit brachte Wollweber in Konflikt mit den Behörden des neutralen Schweden, die ihn aber nicht an Nazideutschland ausliefern wollten. Wollweber wurde sowjetischer Staatsbürger. In der SBZ wurde er 1947 Chef der Generaldirektion für Schifffahrt und im Juli 1953 neuer Stasi-Chef. Als die Behörde 1955 wieder in den Rang eines Ministeriums erhoben wurde, war Wollweber automatisch Minister.

Stasi-Minister Ernst Wollweber (Mitte) gratuliert DDR-Präsident Wilhelm Pieck zum 80. Geburtstag (1956). Im Hintergrund die die ostdeutsche Generalität. Im Hintergrund zwischen Wollweber und Pieck der ehemalige Wehrmachts- und damalige NVA-General Vincenz Müller.(Foto: Deutsches Bundesarchiv)

Wollweber mit Präsident Pieck (re.) 1956

Bald gab es aber Konflikte mit Walter Ulbricht und dem SED-Sicherheitssekretär Erich Honecker, deren Einschätzungen zu den Entwicklungen 1956 in Ungarn und in Polen der international erfahrene Altkommunist Wollweber nicht teilte. Die Strafe folgte auf dem Fuße: 1957 trat Wollweber zurück, "aus gesundheitlichen Gründen und auf eigenen Wunsch", wobei diese standardkommunistische Floskel bekanntlich das genaue Gegenteil beschreibt. Wollweber starb 1967 in Ostberlin.

DDR-Präsident Pieck (im Frack) gratuliert dem neuen Stasi-Minister Erich Mielke (li.)
(Foto: Bundesarchiv)

DDR-Präsident Wilhelm Pieck gratuliert Erich Mielke (li.)

Parteiauftrag für Mielke

So stieg Erich Mielke 1957 zum Stasi-Chef auf. Der 1907 geborene Proletariersohn aus dem Berliner Wedding, dessen berufliche Karriere als KPD-Raufbold, Saalschützer und Polizistenmörder begonnen hatte, gehörte als SED-Funktionär und Spezialist fürs Grobe von Anfang an zum harten Kern der Stasi. Er hatte den Werkschutz der Ost-Betriebe organisiert, in seiner Regie lag auch die Entnazifizierung in der Sowjetzone.

Ab 1957 baute Mielke die Behörde unter seiner Leitung dann zu dem um und aus, was ihr unrühmlichen Weltruhm und hunderttausenden Menschen Leid und Elend brachte: Zum "Schild und Schwert der Partei", wie es in der Eigenwerbung hieß - zum flächendeckenden Bespitzelungs-, Denunziations- und Unterdrückungsapparat der SED also.

Mielkes Schreibtisch mit Lenin-Büste
(Foto: BER453-050399)

Lenin war immer nah: Mielkes Schreibtisch

Dabei nutzte Mielke selbstverständlich jene Grundlagen, die seine Vorgänger Zaisser und Wollweber geschaffen hatten. Denn auch wenn sie zu Opfern wurden - zunächst einmal waren sie Täter: Fest verwurzelt in einer Ideologie, die für sich und ihre Vollstrecker in Anspruch nimmt, über allem zu stehen, und damit selbstverständlich auch über Menschenrechten und Menschenleben. Dieser Ideologie hing auch Mielke an, und er hatte nicht nur Vorläufer im Amt und Mitläufer in der Sache, sondern auch Auftraggeber. Und vor allem hatte er Vordenker: Lenin und Stalin.

Nachtrag

Mielke und Honecker 1992 - im Gericht
(Foto: dpa)

Treffen im Gericht: Mielke und Honecker 1992

Im Wende-Herbst 1989 trat Mielke als Stasi-Chef zurück und stand in der Folgezeit mehrfach vor Gericht. Für den Polizisten-Mord 1931 wurde er 1993 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Mielke starb im Jahr 2000. Die Stasi, im November 1989 noch kurzzeitig von deren Vize Wolfgang Schwanitz geleitet und in "Amt für Nationale Sicherheit" umgetauft, wurde angesichts der Proteste aus der Bevölkerung Ende 1989 von der DDR-Übergangsregierung für aufgelöst erklärt. An der praktischen Auflösung wirkten dann die Bürgerkomitees mit.

Allerdings gibt es bis heute Versuche, die Verbrechen der DDR-Geheimpolizei zu relativieren oder aber zumindest die Spionagetätigkeit zu glorifizieren. Dabei gehört beides – die Bespitzelung und Unterdrückung der Bevölkerung ebenso wie die Spionage nach außen - zum ureigensten Repertoire kommunistischer und diktatorischer Machtausübung.

Autor: Hartmut Lüning
Redaktion:Manfred Böhm

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