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Fokus Osteuropa

Republika Srpska: "Zahlreiche Kriegsverbrecher sind noch auf freiem Fuß"

In Prijedor, im Nordwesten der Republika Srpska, sind von 1992 bis 1995 schätzungsweise 3.300 Menschen nicht-serbischer Herkunft getötet worden. Das Schicksal von 2.100 unter ihnen ist ungeklärt.

Einer unter vielen: Radovan Karadzic

Für diese Kriegsverbrechen in Prijedor sind vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal ICTY 18 Serben angeklagt. Keiner der Angeklagten wurde freigesprochen, und der Bürgermeister von Prijedor während des Krieges, Milomir Stakic, wurde zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt.

Machtübernahme durch Karadzic

Die Vorsitzende des Vereins der Frauen aus Prijedor Izvor,(deutsch: Quelle), Nusreta Sivac, verbrachte zwei Monate im Lager Omarska, bei Prijedor. Sie trug im Rahmen des Seminars "Kriegsverbrechen, Völkermord und die Erinnerung" vom 15. bis 21. Mai in Dubrovnik ihre Geschichte vor. Alles begann, als die Serbische Demokratische Partei, SDS, von Radovan Karadzic mit Gewalt die Macht in Prijedor übernahm: Im April, vom 29. auf den 30. April 1992, stürzte die SDS mit Hilfe von Militär- und Polizeikräften die legalen Machthaber und übernahm die gesamte Kontrolle über die Stadt.

Armbinden für Nicht-Serben

"Die Stadt war überfüllt mit militärischen und paramilitärischen Gruppierungen – nicht nur aus Bosnien-Herzegowina, sondern auch aus Serbien. Sie haben alle wichtigen Institutionen übernommen – die Polizei, die Justiz und überall waren bewaffnete Personen postiert. Radio Prijedor veröffentlichte eine Bekanntmachung. Darin hieß es, die SDS habe die Regierung in Prijedor übernommen wegen der äußerst schlechten Wirtschaftslage in der Stadt. Den Bürgern, die der neuen Regierung gegenüber loyal seien, werde jedoch nichts zustoßen". Diese Mitteilung stammte von einem Krisenstab, der aber nicht näher benannt wurde. "In der Bekanntmachung wurde unter anderem angeordnet, dass nicht-serbische Bürger, die sich frei auf der Straße bewegen wollten, eine weiße Armbinde tragen mussten", sagte Nusreta Sivac. Als sie dann am folgenden Tag an ihren Arbeitsplatz kam, erklärten ihr bewaffnete Personen, dass sie dort nicht mehr tätig sei.

"Der Tag begann mit dem Zählen der Toten"

Nusreta Sivac wurde daraufhin ins Lager Omarska überstellt. Dort wurde sie gefoltert und war Augenzeugin zahlreicher Gräueltaten. "Im Lager wurde einmal täglich gegessen und dafür waren zwei bis drei Minuten vorgesehen. In der Regel gab es ein Stückchen Brot, etwas Bohnen und zwei Blätter Kohl. Wir begannen den Tag mit dem Zählen der Toten. So zählten wir Frauen untereinander zusammen, wer wie viele Tote gezählt hatte. Diese Menschen waren in der Nacht zu Tode massakriert oder getötet worden. Ich wünschte mir da, dass sie mich erschießen, aber die wenigsten wurden dort erschossen," so Sivac.

56 Massengräber in der Region Prijedor

In Prijedor und Umgebung wurden in den vergangenen Jahren 357 verschiedene Leichenfundorte entdeckt. Dort wurden die sterblichen Überreste der Mord- und Folteropfer oder Verhungerten aus den Lagern Omarska, Keraterm und Trnopolje begraben. Diese Lager wurden von militärischen und paramilitärischen Kräften der bosnischen Serben eingerichtet. In der Region Prijedor wurden ferner 56 Massengräber gefunden. Vertreter des Vereins der Überlebenden Lagerinsassen aus Prijedor und Umgebung, sagten, die Tatsache, dass häufig die eigenen Nachbarn die Morde ausgeführt hätten, verletze sie sehr. Noch mehr verletze sie, dass zahlreiche Mörder in Prijedor noch frei herumliefen und die inländische Justiz in diesem Punkt nichts unternehme.

Dinko Gruhonjic, zurzeit Dubrovnik
DW-RADIO/Serbisch, 25.5.2005, Fokus Ost-Südost