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China

Recht auf Erinnern kommt zuerst

Die Kolumne des DW-Korrespondenten Frank Sieren zum 4. Juni 1989 in Peking hat Anlass für eine Debatte auf den Seiten von DW.DE geliefert. Der exil-chinesische Journalist Chang Ping reagiert mit einem neuen Beitrag.

Matthias von Hein hat in seinem Kommentar zum 4. Juni 1989 George Orwell zitiert: Der hatte geschrieben: "Wer die Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert die Vergangenheit." Dieser Satz wird gerade von dem chinesischen Regime einem Praxistest unterzogen. Das ist der Grund, warum ich mit dem DW-Peking Korrespondenten Frank Sieren über den 4. Juni 1989 diskutieren möchte. Als Antwort auf meinen Debattenbeitrag hatte Sieren einen Beitrag mit dem Titel "Fairness statt Wut" veröffentlicht. In diesem Artikel hat er nicht nur weiter an seiner Meinung festgehalten, dass die blutige Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung ein "Ausrutscher" der neueren chinesischen Geschichte sei. Vor allem aber behauptet Sieren, viele Chinesen wollten in erster Linie vergessen. "Konsumieren sei attraktiver als Erinnern", heißt es in dem Text.

Diese Äußerung bietet Stoff für Diskussionen.

Niemand kann die Geschichte ignorieren

Es hat mich sehr überrascht, dass gerade ein deutscher Autor sagt, viele wollten die Geschichte vergessen. Ich habe in Deutschland viele Institutionen und Personen besucht, die sich mit Geschichte beschäftigen: Zum Beispiel die dem Bundestag unterstellte Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die "Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", den Generalstaatsanwalt von Berlin, Christoph Schaefgen, zuständig für die Anklagen gegen die ehemalige Führung der DDR, sowie Roland Jahn, den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Bei diesen Besuchen hörte ich immer wieder ein Wort: Vergangenheitsbewältigung. Dieses Wort macht es unmöglich, die Geschichte zu ignorieren und erfüllt mich mit Respekt für die Ernsthaftigkeit der Deutschen gegenüber ihrer Vergangenheit.

Viele Chinesen kennen den Satz des tschechischen Schriftstellers Milan Kundera: "Der Kampf gegen die Mächtigen ist der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen." Kundera beschreibt den leidvollen Kampf der tschechischen Intellektuellen unter der kommunistischen Diktatur gegen das erzwungene Vergessen. Von Alexander Solschenizyn bis Herta Müller reicht die lange Liste der Autoren im Kampf für die Erinnerung.

Lügen kommt von Angst

Natürlich weiß ich, dass es in der chinesischen Realität keine derartigen Kampfszenen gibt. Im Gegenteil: Eher wird man erleben, dass viele nicht über den 4. Juni 1989 oder auch die Kulturrevolution sprechen wollen. Man hört auch tatsächlich die Meinung, man solle nach vorne schauen. Auch wenn viele mit der Realität sehr unzufrieden sind, wollen sie keinen Widerstand leisten. Denn Widerstand ist nutzlos. Der einzige Ausweg ist Dulden und Vergessen. Wer die Geschichte kennt, der weiß, dass es diesen Zustand nicht nur in China gibt. Die Lage in der ehemaligen DDR und anderen kommunistischen Ländern war nicht anders. Der Buchautor, Dissident und spätere tschechische Präsident Vaclac Havel hat in seinem Buch "Die Macht der Machtlosen" ein sarkastisches Bild verankert: Da hängt der Inhaber eines Gemüseladens freiwillig in seinem Schaufenster ein Plakat auf: "Proletarier aller Länder vereinigt euch." Hat er wirklich solche Sehnsucht nach der weltweiten Vereinigung aller Proletarier? Nein. Aber in einer totalitären Gesellschaft kann Lüge ihm Sicherheit bringen.

Wenn man im China der Kulturrevolution oder im heutigen Nordkorea eine Umfrage durchführen würde, würde die absolute Mehrheit sagen, dass sie sehr glücklich ist. Dürfen wir dann tatsächlich behaupten, dass die Chinesen oder die Nordkoreaner die Diktatur lieben? Und sollen wir dann ihr "Recht auf Glück" respektieren? Wenn deutlich mehr Deutsche offen ihre Unzufriedenheit mit ihrer Regierung ausdrücken als Chinesen, kann man dann daraus ableiten, das chinesische System sei besser als das deutsche?

Erinnerung ist verboten, Vergessen nicht

Aussagen wie die, viele Chinesen wollten den 4. Juni vergessen, können nicht auf Basis einer Umfrage zustande kommen. So eine Aussage wäre sogar für die Propagandaabteilung der KP zu viel. Gerade weil der 4. Juni auf keinen Fall thematisiert werden darf. Ich habe oft an Medienkonferenzen der KP teilgenommen. Jedes Jahr vor dem 4. Juni sind die Beamten besonders angespannt. Sie fürchten, bereits eine kleine Nachlässigkeit könne zu einer medialen Katastrophe führen.

Natürlich hat man das Recht auf Vergessen. Aber ich bin der Meinung: Wo es keine Möglichkeit zur Kritik gibt, macht auch Lob keinen Sinn. In einem Land, wo es kein Recht auf Erinnerung gibt, über das Recht auf Vergessen zu reden ist nicht nur ein Luxus. Man wird auch zum Mittäter. Kann man wirklich in einer politischen Umgebung, wo Gedenkveranstaltungen in Privatwohnungen zu Verhaftungen und Verurteilungen führen, das Recht auf Vergessen fordern?

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