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Kultur

Raus aus dem Frauenhandel

Die Hilfsorganisation "Vera, Nadeschda, Ljubov" im ukrainischen Odessa hilft aus der Falle des Menschenhandels. Sie klärt nicht nur über Gefahren verlockender Angebote auf, sondern hilft Frauen, die bereits Opfer wurden.

Straßenszene aus der Ukraine

Marya Didenko hält den Telefonhörer in der linken Hand, in der rechten eine lange dünne Zigarette. Ihr langes hellblondes Haar hat sie zu einem Zopf geflochten. Es ist spät am Nachmittag und bereits der achte Anruf bei der Hotline an diesem Tag. Beinahe in jeder ukrainischen Familie gibt es jemand, der im Ausland arbeitet - freiwillig oder unfreiwillig. Diese Anruferin möchte in die USA reisen, um dort als Zimmermädchen zu arbeiten. Marya Didenko fragt die Anruferin nach ihrem Alter und nach ihren Sprachkenntnissen und rät ihr schließlich ab. "Wenn einer Frau angeboten wird, als Kindermädchen zu arbeiten, sie dazu nicht mal Sprachkenntnisse haben muss, ihr aber trotzdem die Papiere, der Flug und die Versicherung bezahlt werden, dann ist doch klar, dass da etwas nicht stimmt," erzählt sie. Als Kindermädchen müsse man mit schließlich mit Kindern sprechen können. "Und wenn eine Frau die Sprache nicht können muss, sollte sie sich mal überlegen, was sie wirklich im Ausland erwartet."

Marya Didenko arbeitet für die Organisation "Vera, Nadeschda, Ljubov". Der Name besteht aus drei Frauennamen, die auf deutsch übersetzt "Glaube, Hoffnung, Liebe" bedeuten. Die Organisation gehört zu den profiliertesten in der Region um die Hafenstadt Odessa. Ihr Ziel ist es, die Menschen aufzuklären.

Über Vorsichtsmaßnahmen aufklären

Zu Opfern von Menschenhändlern werden in der Ukraine vor allem junge Frauen zwischen 18 und 29 Jahren. Die meisten von ihnen kommen aus der Provinz. Sie müssen auf jeden Fall Vorsichtsmaßnahmen treffen, mahnt Didenko, bevor sie ins Ausland gehen. "Eine Frau sollte ihren Pass kopieren und die Kopie bei Verwandten hinterlegen; sie sollte auch für sich selbst die Papiere kopieren; sie sollte den Namen der einladenden Organisation prüfen; und sie sollte sich im Voraus die Adressen der ukrainischen Botschaft im Ausland besorgen."

Außerdem hilft "Vera, Nadeschda, Ljubov" Frauen, die bereits üble Erfahrungen gemacht haben und zurückgekehrt sind. Für sie hat die Organisation ein eigenes Zentrum eingerichtet. Dort werden die Frauen psychologisch und medizinisch betreut, und sie bekommen seit neuestem die Möglichkeit, sich um einen Beruf zu kümmern. Denn viele von ihnen haben keine Ausbildung und deshalb auch keine Aussicht auf einen akzeptablen Job. "Vera, Nadeschda, Ljubov" bietet zum Beispiel Ausbildungskurse für das Kosmetik- oder Friseurhandwerk an.

Olga Kostjuk mischt sich ein. Die resolute Mitvierzigerin sitzt auf der Eckbank, auch sie raucht lange dünne Zigaretten. Die Juristin hat "Vera, Nadeschda, Ljubov" mitgegründet. Die Frauen führen ja nicht ins Ausland, um sich zu prostituieren, sondern, um Geld zu verdienen. Ohne Armut gäbe es weniger Menschenhandel, meint sie. "Den Frauen schnell zu helfen, um sie dann dorthin zurück zu schicken, wo sie hergekommen sind - das bringt nichts. Weil sie dann wieder mit den gleichen Problemen zu tun haben und einen erneuten Ausweg aus ihrer Not suchen müssen."

Eigene Ausbildungsbetriebe

"Vera, Nadeschda, Ljubov" hat deshalb damit begonnen, Ausbildungsbetriebe einzurichten. In ihnen sollen Opfer des Menschenhandels eine Chance für einen Neuanfang erhalten. Olga Kostjuk holt einen Schlüsselbund hervor und verlässt ihr Büro. Ihr Weg führt sie in einen Vorort von Odessa, in das Souterrain eines Plattenhochhauses. Drinnen riecht es nach Farbe. "Hier ist ein Waschbecken, hier ein Sessel für die Pediküre, und da sind die Frisierstühle. Im Prinzip können hier sechs Leute arbeiten, aber wenn sie sich in zwei Schichten aufteilen, sind es zwölf. Auf jeweils eine ausgebildete Friseurin kommt eine Praktikantin. Gefällt es Ihnen?"

Der Salon ist gerade eingerichtet worden und soll in einer Woche eröffnet werden. An den Wänden rennen Kakerlaken entlang, aufgeschreckt vom plötzlichen grellen Licht. Die Kunden werden die Geschichten der Frauen nie erfahren, versichert Kostjuk und setzt sich auf ein Sofa. "Ich sage Ihnen, warum wir das hier machen: Die meisten Frauen, die Opfer von Menschenhandel werden, kommen aus Dörfern und kleinen Städten, in denen es schwer ist, Arbeit zu finden. Bei uns besuchen sie erst einen Theoriekurs, und dann können sie hier Praxiserfahrung sammeln. Später können wir sie unterstützen, wenn sie einen eigenen Salon aufmachen wollen. Wir können ihnen vielleicht Minikredite gewähren."

Der Haken bei der Sache: Nur ein Bruchteil der Frauen hat die Gelegenheit, an diesen Projekten teilzunehmen. Für mehr reicht das Geld nicht. Olga Kostjuk richtet sich auf. Sie will sich davon nicht den Schwung nehmen lassen. "Ich möchte, dass die Frauen in unserem Land auf eigenen Füßen stehen können. Ich möchte, dass sie nur ins Ausland fahren, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und Urlaub zu machen. Ihren Lebensunterhalt sollen sie in unserem Land bestreiten können."

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