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Papst zwischen Tradition und Moderne

Christoph Strack11. Februar 2013

Nach acht Amtsjahren hat Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt angekündigt. Er suchte den Dialog mit der Moderne. Sein beeindruckendes Pontifikat wird aber auch überschattet von Skandalen und kirchlichen Krisen.

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"Die  Herren Kardinäle haben mich gewählt. Einen einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn." Mit diesen Worten trat Kardinal Joseph Ratzinger am 19. April 2005 auf die Loggia des Petersdoms in Rom und gewann sofort Sympathien. Nur zwei Tage hatte das Konklave gedauert, dann stieg weißer Rauch auf. Die Kardinäle hatten den 78-Jährigen zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt.

Benedikt XVI. war der erste deutsche Papst seit knapp 500 Jahren. Ein Papst aus Deutschland - 60 Jahre nach dem nationalsozialistischen Judenmord, ein Papst zudem aus dem Land der Reformation. Sein nun angekündigter Rücktritt am 28. Februar ist nicht weniger sensationell: Es wäre der erste Rücktritt eines Papstes seit rund 700 Jahren, der zweite in der Kirchengeschichte überhaupt.

Konservativ und präsent

Mit Papst Benedikt XVI. erlebte die Welt einen konservativen und präsenten Papst, der gelegentlich alle überraschte. Denn Benedikt vermochte es, die tiefe Frömmigkeit seiner Herkunft mit der Gelehrigkeit des Professors zu verbinden. Er setzte nicht einfach die strenge Linie des Kurienkardinals Joseph Ratzinger fort.

Tief in der Tradition verwurzelt, suchte Benedikt den Dialog mit der Moderne. Sein Pontifikat wurde begleitet von Skandalen, auch einer krisenhaften Gesamtstimmung in der katholischen Kirche. Darunter dürfte der Papst auch persönlich gelitten haben.

Der Papst bei einem Besuch in Deutschland (Foto: Getty Images)
Benedikt war der erste deutsche Papst seit 500 JahrenBild: Getty Images

Die Wahl zum Papst brachte die Krönung eines Lebens, das am 16. April 1927 in dem kleinen Ort Marktl am Inn in der bayerischen Provinz begann: Josephs Vater ist Gendarm, seine Familie tief gläubig. Als 17-Jähriger wird er noch Ende 1944 in die Wehrmacht eingezogen. Bald nach Kriegsende studiert er, wie auch sein Bruder, Theologie und wird mit ihm zum Priester geweiht; die einzige Schwester bleibt unverheiratet.

"Wir sind Papst"

Ende der 1950er Jahre wird Ratzinger Theologieprofessor und gewinnt rasch an Ansehen. Im Umfeld des Kölner Erzbischofs Kardinal Joseph Frings nimmt er ab 1963 am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) teil. 1977 wird Ratzinger Bischof, steigt dann zum Erzbischof von München-Freising und zum Kardinal auf. Gut vier Jahre später holt ihn Papst Johannes Paul II. nach Rom. Als Präfekt der Glaubenskongregation ist er Chef der obersten Glaubenswächter. Beim Streit um lehramtliche Fragen, um Reformthemen wie die Rolle der Frau, oder um die Ökumene - Ratzinger steht jeweils für einen strikt konservativen Kurs.

Benedikts Wahl zum Papst erzeugt in Deutschland Jubel und Stolz. "Wir sind Papst" titelt die Bild-Zeitung. Doch gibt es auch Kritik. Der 265. Papst der Kirchengeschichte sei mit 78 Jahren zu alt, heißt es, er werde als bloßer Übergangspapst unfähig zu Reformen sein.

Papst auf allen Kanälen

Der Papst auf Kuba (Foto: Getty Images)
Papst Benedikt XVI 2012 auf KubaBild: Getty Images

Kirchenpolitisch blieb die knapp achtjährige Amtszeit Benedikts zwar eine Phase des Übergangs. Doch trat Benedikt XVI schon bald aus der Rolle eines Übergangspapstes heraus. Er setzte eigene Akzente und ernannte mehr als die Hälfte jener Kardinäle, die nun seinen Nachfolger wählen.

Papst Benedikt warb für einen lebendigen Dialog von Glaube und Vernunft, von Religion und Moderne. Er tat das im ersten Fernseh-Interview eines Papstes überhaupt, auf Twitter, in Büchern, vor allem aber in seinen Reden. Eine positivistische Konzeption der Vernunft und des Rechts reiche nicht aus und gehe zu Lasten des Menschen, betonte er: "Gott ist nicht etwas Widersinniges, das der Vernunft entgegensteht." Wenn die Religiosität in das Private zurückgedrängt werde, ginge das zu Lasten der Menschlichkeit - so sein Credo.

Benedikt machte auf zwei Dutzend Auslandsreisen von sich reden. Aber nicht nur dort: Zu seinen wichtigen Grundsatzreden zählt etwa die im Deutschen Bundestag im September 2011, wo er sich europapolitisch positionierte.

"Wo Gott ist, ist auch Zukunft"

Der Papst überraschte als Seelsorger, etwa bei Weltjugendtagen. Als Prediger - etwa bei seinen wöchentlichen Ansprachen im Vatikan - konzentrierte er sich auf die Auslegung der Heiligen Schrift: "Wer glaubt, ist nie allein - im Leben nicht und auch im Sterben nicht", sagt er einmal. Bei seinem letzten Deutschlandbesuch 2011 sprach er im Thüringer Eichsfeld: "Wo Gott ist, da ist Zukunft. In der Tat - wo wir Gottes Liebe ganz über unser Leben wirken lassen, dort ist der Himmel offen." Selbst Benedikts Engagement als Autor, einmalig für einen Papst, passt in diese Linie.

Benedikt betonte die Rolle der Kirche und ihren Anspruch auf Einzigartigkeit, womit er Protestanten verärgerte. Sein Zugehen auf die Traditionalisten der Pius-Bruderschaft und seine Geduld mit den Freischärlern am äußersten kirchlichen Rand riefen Kritiker auf den Plan. Doch Ratzinger bemühte sich, aus Angst vor bleibender Spaltung, die Traditionalisten wieder einzubinden. Er nahm Anglikaner auf, denen Reformen wie die Priesterweihe der Frau zu weit gingen, und er pflegte bewusst Kontakte zur Orthodoxie. 

Benedikts Verhältnis zu anderen Religionen war nicht spannungsfrei. Vor allem die Empörung in der arabischen Welt nach der Regensburger Papst-Rede 2006 mit einem missverständlichen Zitat über Mohammed bleibt in Erinnerung. Hinterher gewann der christlich-islamische Fachdialog freilich eine vorher kaum gekannte Qualität.

Skandale überschatten Pontifikat

Der Skandal um den jahrzehntelang verschleierten Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Geistliche überschattet Benedikts Amtszeit, so in Irland, in den USA, Australien, Belgien, und später, ab 2010 auch in Deutschland. Kritiker monierten, die Kirche reagiere nicht entschlossen genug - mit bloßer Versetzung von Tätern, mit Geheimniskrämerei, ohne zivilrechtliche Aufarbeitung.

Zwar bemühte sich Benedikt um eine Aufarbeitung und Kontakt zu den Opfern. Bei vielen Reisen traf er Opfer, jedoch immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Er zeigte sich erschüttert, bezeichnete die Vorgänge als "Geißel" und als "großes Leid" - und er verschärfte die Vorgaben für die Ausbildung von Priestern.

Der Papst bei seiner Rücktrittserklärung (Foto: Reuters)
Rücktrittserklärung am 11. Februar 2013Bild: Reuters

Zuletzt erschütterte 2012 die sogenannte Vatileaks-Affäre die kirchliche Machtzentrale im Vatikan. Dokumente und Interna aus dem Umfeld des Papstes waren an die Öffentlichkeit gelangt. Als Verräter entpuppte sich der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele. Nach kurzer Haftstrafe wurde er vom Papst begnadigt. Doch sehen langjährige Beobachter den Vatikan von Flügelkämpfen und Intrigen zermürbt. Die Reform der römischen Kurie bleibt nun eine Aufgabe für Benedikts Nachfolger.