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Gastbeitrag

Occupy 2.0?

Ein Jahr ist es her, dass Occupy in die Öffentlichkeit kam. Die Reaktionen darauf reichten von Staunen bis Ablehnung, sogar Empörung. Für den Buchautor Todd Gitlin ist die Bewegung mysteriös und enthüllend zugleich.

Todd Gitlin (Foto: Jill Krementz)

Todd Gitlin

Was im vergangenen Herbst in Downtown Manhattan ausbrach, war irgendetwas zwischen einer Momentaufnahme und einer Bewegung, sagt der Organistionstheoretiker Marshall Ganz. Das Occupy-Fieber war ansteckend - nicht nur wegen des Einfallsreichtums und der Verwegenheit erst einiger hunderter und dann einiger tausender junger Aufständischer. Diese hatten einen Weg gefunden, dem weitverbreiteten Gefühl Ausdruck zu verleihen, dass die Geldherrschaft ein eiserner Käfig sei. Einer der populärsten Sprüche bei den Protestmärschen war "Banks got bailed out; we got sold out" (Die Banken wurden gerettet, wir wurden verkauft). Die Bewegung sprach das Gefühl an, die Macht des Geldes stelle eine moralische Krise dar. Mit ihrem Schwung und Ideenreichtum war die Bewegung ein Versuch, die Moral wiederzubeleben.

Gegen alle Erwartungen - auch gegen die der Aktivisten selbst - waren das Lager in der Nähe der Wall Street und seine hunderte Nachahmer der Ausgangspunkt einer facettenreichen Bewegung, die Zehntausende, dann Hunderttausende Demonstranten anzog.
"1 Prozent" und "99 Prozent" (99 Prozent der Menschheit, deren Leben von dem einen Prozent der Menschen bestimmt wird) wurden geläufige Begriffe und die drastische Ungleichheit ein allgemeines Anliegen. Die Occupy-Bewegung schaffte es, eine kleine, überprivilegierte Minderheit an den Pranger der breiten Öffentlichkeit zu stellen. Diese Elite wirtschafte nur in die eigene Tasche; sie nutze Deregulierung und korrupte Politik zum eigenen Vorteil aus, zerstöre damit das Gemeinwohl und komme dennoch ungestraft davon, so die weitverbreitete Meinung.

Harter Kern mit breiter Unterstützung

Viele der ersten Initiatoren von Occupy - sozusagen die innere Bewegung - waren tatsächlich Anarchisten und demokratische Radikale, begierig auf Selbstverwaltung durch direktdemokratische, "horizontale" Versammlungen. Doch die weitaus größere Zahl der Menschen kam aus der Mittelklasse, es waren Gewerkschafter, Progressive verschiedener Couleur. Sie waren nicht so fotogen, nicht so extravagant, aber bei weitem zahlreicher. Es war die Kombination der Begeisterung des inneren Zirkels und die Masse der großen Bewegung, die die politische Landschaft erneuerte.

Ernüchternde "Occupy"-Bilanz

Dies wurde möglich, weil Occupy die erste soziale Bewegung in den USA war, deren Grundidee von Beginn an von der Mehrheit unterstützt wurde - ein vielversprechender Anfang. Doch nach den ersten Monaten ließ die öffentliche Anziehungskraft schnell nach. Im August sagten immer mehr Amerikaner, sie identifizierten sich "überhaupt nicht" mit Occupy oder höchstens nur "ein bisschen".

Occupy war dennoch ein ausgewiesener Erfolg

Erstens: Die politische Kultur hat sich geändert. Über die Monate wurden die Begrifflichkeiten der Bewegung jedermann bekannt, weil sie das Gefühl zusammenfassten, dass die Machthaber arrogant und selbstbereichernd seien und zudem inkompetent und unfähig, den Schaden zu beheben, den sie selbst angerichtet haben.

Zweitens: Die Bewegung trieb die konventionelle Politik an. Der Aufstieg von Occupy Wall Street beeindruckte sogar die Republikaner und verleitete den erzkonservativen Newt Gingrich dazu, im Kandidatenrennen Mitt Romney als Raubkapitalisten darzustellen. Für Gingrich stellte sich das als wenig hilfreich heraus, Obamas Wahlkampfkampagne dagegen profitierte davon. Insgesamt gingen die Demokraten eher vorsichtig mit der Bewegung um, aus Angst, eine zu große Nähe könnte ihnen negativ anhaften.

Demonstrantin und Polizisten (Foto:dpa)

Occupy hat etwas bewegt, aber ist es von Dauer?

Drittens: Selbst die größten Banken spürten den Druck. Einige Honorare wurden zurückgenommen, "Entschädigungen" für Bankchefs zurückgezogen. Bei der Aktionärsversammlung der Citigroup im vergangen Frühling stimmten 55 Prozent der Anteilseigner, wenn auch unverbindlich, gegen die Zahlung von 14,9 Millionen US-Dollar an den Firmenchef.

Viertens: Einige lokale Bewegungen kippten Zwangvollstreckungen und störten Hausräumungen, die von rücksichtslosen Geldgebern (auch führenden Banken) in die Wege geleitet worden waren.

Gleichzeitig haben Stadtverwaltungen die Lager weggefegt. Im inneren Kern der Occupy-Bewegung sind ideologische und praktische Konflikte geblieben. Die Risse haben sich vertieft. Einige Aktivisten kamen in eine alles oder nichts Stimmung, auch wegen der Haltung unnachgiebiger Behörden. Die Polizei wurde Spezialist im Einschüchtern, Zäune aufbauen und dem Einsatz von giftigen Chemikalien. Sogar Panzer fuhr sie auf. Das Demonstrieren der Stärke schürte die zerstörenden Taktiken. Ausschreitungen waren die Folge. Egal, wer den ersten Stein schmiss oder das erste Fenster einschlug, die Allgemeinheit lastete die Schäden dem Protest an. Nicht immer zeigten die Lager, dass (um in ihren Worten zu sprechen) eine andere Welt möglich ist, außer vielleicht eine noch beunruhigendere, gar bedrohliche Welt.

Die Bewegung muss massentauglich bleiben

Was jetzt? Die Occupy-Bewegung kann sich immer noch zu einer lang andauernden, ganzheitlichen Bewegung entwickeln. Dafür muss sie eine breite Masse an Teilnehmern willkommen heißen, nicht nur eine kleine Minderheit, die nach 100 Prozent Beteiligung in der Politik dürstet. Beide, Radikale und Reformer, brauchen Verstärkung. Die Anfänge, wie vielversprechend sie auch sein mögen, können auf Dauer nicht das Momentum tragen, das Bewegungen benötigen, um große Spuren zu hinterlassen.

Es gibt nicht annähernd genug Anarchisten und Revolutionäre, um das Land zu transformieren. Die nächste Phase, sollte es eine geben, würde auf der durch Occupy geschaffenen Grundlage aufbauen. Dazu bedarf es einer nüchternen Bewertung, was erreicht wurde und was nicht. Meine eigene Meinung ist, dass Occupy 2.0 rekonfiguriert werden muss. Die Bewegung sollte durch Netzwerke und Organisationen verschiedenster Arten angetrieben werden. Sie kann nicht horizontal geführt werden. Das verbraucht zu viel Energie.

Todd Gitlin ist Professor für Journalismus und Soziologie an der Columbia University in New York und Autor des neuen Buches "Occupy Nation: The Roots, the Spirit, and the Promise of Occupy Wall Street."

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