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Digitalitäten - die Netzkolumne

Nimm fünf

Wir hören und schmecken und riechen und fühlen und sehen. Ganz gut so weit. Fehlt eigentlich nur noch, dass uns Maschinen verraten, was schreiende Babys wirklich wollen. Aber NOCH können sie nicht fühlen.

Blick auf einen der neuen Wohnblocks an der Dunckerstrasse, Leipzig 1958
Copyright: Bundesarchiv

Der erste sozialistische Wohnkomplex in Leipzig 17.11.1958

Es war kalt und dunkel und spät. Aarnis Auto stand auf dem Parkplatz vor dem Penny Markt. Auf dem Beifahrersitz lag ein abgefahren futuristisch aussehender Kopfhörer: riesige schwarze Ohrenpolster und natürlich kabellos. Setz die mal auf, sagte Aarni. Das tat ich. Und dann hörte die Welt auf sich zu bewegen. Es fühlte sich so an. Denn ab diesem Zeitpunkt setze irgendetwas aus. Ich hörte nichts mehr - gar nichts, außer vollkommener Stille. Das war ungewohnt, unangenehm und sehr unheimlich.

Angeblich erfasst dieser Kopfhörer die Umgebungsgeräusche und sendet dann eine Gegenfrequenz oder so ähnlich, ich konnte es nicht hören, denn Aarni erklärte mir das, als ich die Kopfhörer noch auf den Ohren hatte.

Ein Baby schreit

Ich musste an diese Situation denken, als ich auf der Webseite des amerikanischen IT-Unternehmens IBM über die Zukunft der fünf Sinne las. Dabei geht es IBM wohlgemerkt nicht um unsere Sinne. "Wir denken, dass die fünf Sinne exklusiv für lebende Dinge reserviert sind“, steht lapidar auf der Seite. Im Anschluss erzählen Experten dann, wie sich das Fühlen, Sehen, Hören, Schmecken und Riechen der Maschinen verändern wird.

Mag sein, dass man mit so einem Super-Kopfhörer tiefenentspannt in der überfüllten U-Bahn sitzen kann. Während wir dann nix mehr hören, übernehmen die Maschinen. Wenn die IBM-Experten recht haben, werden Computer bereits in den nächsten fünf Jahren beispielsweise hören und verstehen können, was ein Baby will, wenn es schreit. Kognitives Computing heißt das Schlagwort zur Idee. Alles noch weit entfernt davon, ausgereift zu sein, aber wer weiß.

Autos im Morast

Im Labor sitzen im Moment Forscher und wollen den Maschinen beibringen, Salz und Zucker geschmacklich zu unterscheiden ohne aufwendige chemische Tests durchzuführen. Klingt einfach. Zumindest für einen Menschen. Und wirkt dabei ein bisschen so wie die anekdotische Horde von amerikanischen Ureinwohnern, die sich beim Anblick eines der ersten im Morast hängengebliebenen Autos vor Lachen krümmt und die Vorteile eines Pferdes preist, das zwar nur über eine Pferdestärke verfügt, aber kein Problem mit dem Matsch hat.

Als ganz praktisch könnte es sich erweisen, wenn wir unser Mobiltelefon in Zukunft nicht nur halten und darüber streichen können, sondern stattdessen anfangen es zu drücken, zu quetschen, zu formen und zu biegen. Als Anwendungsszenario schwebt den Damen und Herren von IBM das Erspüren verschiedener Stoffe vor. Das könnte den virtuellen Einkauf erleichtern. Vielleicht aber auch das Zusammenleben an verschiedenen Orten. Bereits jetzt gibt es Apps, mit deren Hilfe man auf zwei Smartphone-Screens fast haptisch miteinander interagieren kann. Streiten kann man da bislang noch schlecht. Schön, wenn sich das dank neuster Technologie bald ändert.

Immer weiter

An dieser Stelle setzt eine Audioaufnahme aus dem Jahr 1961 ein. Das Dave Brubeck Quartet spielt den Klassiker "Take Five“ und aus dem Regal meldet sich Marcel Proust: "Die wirkliche Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu erforschen, sondern darin, altes mit neuen Augen zu sehen“, sagt er leise und sinkt erschöpft danieder.

Im Hintergrund schreit ein Baby. Es hat den Unterschied zwischen Salz und Zucker entdeckt. Keine Ahnung, wo das alles hinführt, wenn das alles noch fünf Jahre so weitergeht.

Die Digitalitäten gehen in die Jahresendpause. Neue Beobachtungen und Erkenntnisse unseres Kolumnisten gibt es hier am 10. Januar wieder.

***ACHTUNG: NUR im Zusammenhang mit der Netzkolumne Digitalitäten benutzen!***
Bild von Marcus Bösch für die DW, September 2012

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es hier jede Woche neu.

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