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Afrika

Mittelschicht als Zukunftsperspektive

Die wachsende Mittelschicht ist eine große Hoffnung für die Entwicklung des afrikanischen Kontinents. Doch sie könnte auch neue Sorgen schaffen, wie Umweltprobleme. Das zeigt sich auch im westafrikanischen Ghana.

Wer in Accra gewesen ist, sollte zumindest einmal das "Citizen Kofi" gesehen haben. Das farbenfrohe fünfstöckige Gebäude liegt im Herzen der ghanaischen Hauptstadt und es ist schon von Weitem sichtbar. Hier gibt es reichlich Unterhaltung: vornehme Restaurants, ein Weinlokal, Nightclubs und eine "Hollywood Lounge", mit allem was nötig ist, um Seminare, Konferenzen, Partys und Feste auszurichten.

Das Vergnügungszentrum Citizen Kofi in Accra (Foto: Anneselma Bentil)

Das Vergnügungszentrum "Citizen Kofi" in Accra

Anneselma Bentil arbeitet im "Citizen Kofi" als Eventmanagerin. Ihr Büro liegt im fünften Stock des Gebäudes. Die 32-Jährige kümmert sich um die Organisation von Veranstaltungen und das Marketing. "Wenn die Barclays Bank für eine Versammlung von 30 oder 50 Vertretern aus aller Welt in Accra eine gute Location braucht, würde die Bank bei mir anrufen und mich bitten, die Veranstaltung zu organisieren", so Anneselma Bentil. Sie treffe alle nötigen Arrangements, mache Kostenvoranschläge und bringe die Veranstaltung über die Bühne, wie die Auftraggeber es möchten.

Gehobenes Ambiente für gehobene Einkommen

Die Angebote im "Citizen Kofi" sind bewusst nicht für alle Ghanaer gedacht. Ein Kaffee oder auch ein kaltes Süßgetränk kosten umgerechnet zwei Dollar. Der Normalbürger würde dafür lieber nur einen halben Dollar in einem weniger vornehmen Café ausgeben.

Anneselma Bentil stammt aus einer durchschnittlich verdienenden Familie. "Wir konnten nicht jeden Tag in ein Restaurant gehen. Aber wir hatten immer genug Essen auf dem Tisch". Ihr Vater war Journalist, die Mutter Angestellte bei der Sozialversicherungsbehörde. Anneselma und ihre beiden Brüder konnten studieren, sie hat einen Abschluss in Wirtschaft und Gesellschaftskunde. In ihrer Tätigkeit als Eventmanagerin erhält sie im Monat 1200 ghanaische Cedi, umgerechnet 630 US-Dollar.

Ghana erfreut sich wachsender Mittelschicht

Anneselma Bentil, Eventmanagerin im Citizen Kofi entertainment centre in Accra, Ghana. (Foto: Anneselma Bentil) 
Zulieferer: Eric Segueda

Anneselma Bentil

Damit gehört Anneselma Bentil sogar zur oberen Mittelschicht in Afrika. Denn das durchschnittliche Einkommen in der Mittelschicht liegt nach Definition der Weltbank je nach Land auf dem Kontinent zwischen zwei und 20 Dollar am Tag. Anneselma ist verheiratet. Die Familie hat kein Vermögen, aber es reicht für deutlich mehr als nur das Allernötigste. Mit zwei Dollar am Tag sind in den meisten Ländern Schwarzafrikas Essen und Unterkunft abgedeckt. Anneselma und ihr Mann können, als Alternative zum Markt, hin und wieder auch in den teureren Supermärkten einkaufen.

Ghana gilt in Westafrika als ein Modell für Demokratie und Wirtschaftswachstum.
Die Zahl der Armen und der Unterernährten sinkt, die Mittelschicht wächst.

Positive Tendenz in Afrika

Vor 30 Jahren schätzte die Afrikanische Entwicklungsbank die Mittelschicht in Schwarzafrika auf rund 100 Millionen Menschen. Seit 2002 gewinnt die Mittelschicht immer mehr an Bedeutung. Die aktuelleren Angaben der Weltbank und der afrikanischen Entwicklungsbank kommen auf 350 Millionen von etwa 875 Millionen Afrikanern. Die Länder mit der breitesten Mittelschicht sind Südafrika, Kenia, Ghana und Angola.

Und wo bleibt das Schwergewicht Nigeria? Lyal White vom Gordon Institute of Business Science in Pretoria (GIBS) sagt dazu: "In Nigeria ist die Mittelklasse noch verhältnismäßig klein, da Nigeria noch immer einen sehr großen Anteil an Menschen hat, die von unter zwei US-Dollar pro Tag leben". Nigeria sei ein so großes Land, dass es manchmal etwas dauern würde, bis Veränderungen sichtbar werden.

Entscheidender Faktor für Entwicklung

Kenia gilt als zweites Land in Afrika mit breiter Mittelklasse (Foto: vladimir kondrachov)

Kenia gilt als zweites Land in Afrika mit breiter Mittelklasse

Wie viele andere Experten geht Lyal White davon aus, dass sich die afrikanische Wirtschaft aufgrund der wachsenden Mittelschicht immer mehr aus eigener Kraft tragen wird. Die Reichen und die obere Mittelschicht neigen noch dazu, zum Einkaufen nach Europa oder Dubai zu fahren. Aber, so White, alles dreht sich um das Angebot: "Wenn dieses stimmt, dann reisen die Menschen nicht mehr nach Europa, um dort einzukaufen. Davon wird hoffentlich der gesamte afrikanische Kontinent profitieren und sich entwickeln."

Der Analyse von Lyal White zufolge entwickeln sich die afrikanischen Zuliefer- und Wertschöpfungsketten immer mehr. Hinzu kommt, dass sich Nachbarländer stärker miteinander verbinden.

Die andere Seite der Medaille

Aber, wie so oft, hat alles seinen Preis. Aufgrund des mutmaßlich wachsenden Bedarfs der Mittelschicht könnte die Nachfrage nach Lebensmitteln, wie Milchprodukte und Fleisch, steigen. Etwa 48 von den 54 afrikanischen Ländern sind derzeit Nettoimporteure von Lebensmitteln.

(Foto: Lyal White)

Lyal White: "Hoffnung Mittelschicht"

Auch die Umwelt könnte leiden. Waren, wie Autos und Kühlschränke, werden wichtiger sein. Lyal White ist aber der Meinung, dass dies kein Problem der nahen Zukunft ist: "Der Großteil der Mittelschicht in Afrika steht noch am unteren Ende der Einkommensskala, mit nur etwas mehr als zwei US-Dollar am Tag. Es ist nicht wie in Indien, oder vor allem China, wo es bereits viele sehr gut verdienende Menschen gibt."

Die absehbaren ökologischen Auswirkungen des Wachstums beschäftigten auch die Ghanaerin Anneselma. Man könne den Menschen nicht vorschreiben, wie sie damit umgehen sollen. Jeder müsse dies selbst entscheiden. Anneselma, zum Beispiel, verdient gut und könnte sich ein Auto leisten. Sie tut es aber nicht - wegen der ständigen Staus im Verkehr in Accra und der zunehmenden Umweltverschmutzung.

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