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Statistik

Milliardengeschäft Karneval

Deutsche Karnevalisten geben für den organisierten Frohsinn fast zwei Milliarden Euro aus. Vom Kostüm bis zur Hotelübernachtung. Hochburgen wie Köln freuen sich über zusätzliche Gewerbesteuern.

Karneval mobilisiert in Deutschland Millionen Menschen - und die bewegen dabei viele Millionen Euro. Das närrische Treiben in der sogenannten fünften Jahreszeit ist ein kapitaler Wirtschaftsfaktor. Denn unter marktwirtschaftlichen Aspekten, so der Marketingexperte Jan Wieseke, Professor an der Ruhr-Universität Bochum, nimmt der Karneval, der in Süddeutschland Fastnacht heißt, eine konkurrenzlose Ausnahmestellung ein. Das Fest Halloween, bei dem sich die Menschen ebenfalls verkleiden, stehe dagegen auf verlorenem Posten.

Nach Angaben des Bundes Deutscher Karneval (BDK) beläuft sich der jährliche Umsatz des organisierten Frohsinns auf fast zwei Milliarden Euro. Unter dem Dach des BDK sind nicht weniger als 2,6 Millionen Narren in rund 4700 Vereinen organisiert. Und nicht nur die greifen an den tollen Tagen tief in die Tasche. So ziehen Karnevalshochburgen wie Köln, Düsseldorf oder Mainz Millionen Besucher an, die Geld in die Kassen der Hotels und der Gastronomie spülen. Das touristische Element des Narrentrubels, sagt Marketingwissenschaftler Jan Wieseke, geht bundesweit in den dreistelligen Millionenbereich. "Und da ist noch ein großes Potenzial."

Narren lassen Gewerbesteuern sprudeln

In Köln beispielsweise sorgt das närrische Treiben pro Session für einen durchschnittlichen Gesamtumsatz von mehr als 460 Millionen Euro. Allein 165 Millionen Euro davon verbuchen Gastronomie und Hotellerie. Für ihre Kostümierungen geben die Kölner Jecken rund 85 Millionen Euro aus. Aber auch die Stadt Köln und die umliegenden Kommunen haben ihre helle Freude, schließlich kassieren sie rund um den Karneval in wenigen Wochen bis zu fünf Millionen Euro an zusätzlichen Gewerbesteuern.

Karneval kurbelt zudem den Absatz der Süßwarenhersteller an, auch bei Unternehmen in anderen Bundesländern wie Niedersachsen oder Brandenburg. So prasseln beim Kölner Rosenmontagsumzug an die 330 Tonnen Bonbons, 700.000 Schokoladentafeln und 220.000 Pralinenschachteln auf die Köpfe der schunkelnden Narren am Straßenrand nieder. In Düsseldorf bringen die Karnevalsgesellschaften über 45 Tonnen Süßes unters Volk.

Ein als Clown verkleideter Narr
(Foto: Federico Gambarini dpa/lnw)

Für Kostüme und Zubehör geben Narren viel Geld aus

Karneval sichert 40.000 Arbeitsplätze

Bundesweit bewegen Millionen Narren gut zwei Milliarden Euro. Das sei, sagt Wirtschaftswissenschaftler Jan Wieseke, für eine volkstümliche Tradition schon eine bemerkenswerte Summe. Für Nischenmärkte "wie die Kostümfertigung ist das relevant", so Wieseke. "Aber auch für Getränkehersteller ist das sehr, sehr interessant, sich in diesen Zeiten zu positionieren."

Etwa 3000 bundesdeutsche Unternehmen mit über 40.000 Mitarbeitern leben inzwischen ganzjährig vom Geschäft mit dem Karneval. Bei genauerer Betrachtung ist das nach Einschätzung von Jan Wieseke aber nicht verwunderlich. "Die Session ist ja lang und auch die Vorbereitung ist lang. Das heißt, es gibt gar nicht so viele Monate, in denen kein Karneval existiert. Insofern ist es für manche Branchen eine Ganzjahresveranstaltung."

Nicht nur drei tolle Tage

Wie für die  Firma Keller aus Bochum, die seit mehr als 25 Jahren Karnevalisten mit Kostümen und Zubehör versorgt. Für Geschäftsführer Horst Krokowski ist Karneval "ein Geschäft, das uns nicht nur drei Tage beschäftigt, sondern vom Einkauf, von der Kommissionierung bis zum Verkauf ein ganzes Geschäftsjahr".

In dieser Session führt Horst Krokowski über 1000 närrische Artikel im Sortiment. Bei einer abgesetzten Stückzahl von mehr als einer Million steht schon vor Rosenmontag ein Brutto-Umsatz von 20 Millionen Euro unter dem Strich. Schließlich gebe es ja nicht nur den rheinischen Karneval in den bekannten Hochburgen. Damit allein käme man nicht mehr über die Runden, so Krokowski. Die Artikel seiner Firma gehen deshalb auch in die neuen Bundesländer und "sogar nach Berlin, in die Bundeshauptstadt".

"Gefeiert wird immer"

Bundesweit klingeln in den Kassen des Einzelhandels im Verlauf einer Session insgesamt über 300 Millionen Euro. So viel geben die Jecken im Land für Kostüme, Hüte, Perücken und knapp sieben Millionen Schminksets aus. Mit 43 Prozent des Umsatzes liegt Nordrhein-Westfalen, das bevölkerungsreichste Bundesland, an der Narren-Spitze.

Auf den Plätzen zwei und drei folgen, wenn auch deutlich abgeschlagen, Bayern und Baden-Württemberg. Kurzum: Der Umsatz floriert. Und das eigentlich unabhängig von der Konjunktur, wie Horst Krokowski mit einem süffisanten Lächeln anmerkt. Schon vor über zwei Jahrzehnten habe er gesagt: Geht es den Leuten gut, dann feiern sie. Geht es ihnen aber schlecht, dann feiern sie trotzdem.

Mit dem milliardenschweren Umsatz in dieser Session hat der Karneval als Wirtschaftszweig das Vermarktungspotenzial nach Einschätzung von  Wirtschaftsprofessor Jan Wieseke aber noch nicht ausgeschöpft. Da der Karneval schon immer unkonventionell auf Traditionen reagiert habe, könnten Marketingexperten neue, alternative Zielgruppen erschließen, "die heute noch niemand auf dem Radar habe", so Wieseke.

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