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Rohstoffe

Mehr Kohle für alle in Mosambik?

Lange galt Tete, im Zentrum Mosambiks, als vergessene Provinz. Doch seitdem dort riesige Kohlevorkommen entdeckt wurden, boomt die Region - und lockt viele an, die an das schnelle Geld glauben.

In Tete hat sich die Euphorie breit gemacht. Die Einwohner der Provinzhauptstadt sagen gerne, es gebe heute hier mehr Banken als Bäckereien, mehr Banken als Apotheken, mehr Banken als Gemüseläden. Das ist übertrieben, aber es macht deutlich, dass Tete sich verändert. Noch vor wenigen Jahren hatte die Stadt gerade mal vier Bankfilialen, 2011 waren es schon 15. Wo früher Brachland war, stehen heute Neubauten. Es gibt neue Restaurants und Cafés, und an jeder Ecke werden Kleidung und Essen verkauft. Fast alle Hotels sind ausgebucht und diejenigen, die noch keine Gäste haben, warten auf die Mitarbeiter der großen Unternehmen.

Bis vor kurzer Zeit war es in der gesamten Provinz nicht möglich ein Handy zu kaufen. Es sei denn, LKW-Fahrer auf der Durchreise brachten eins mit. Inzwischen gibt es sogar Smartphones auf dem örtlichen Markt. Das zieht auch Menschen aus entfernten Orten an - sogar aus dem Ausland.

Gute Geschäfte auf dem Zentralmarkt

Friseurin Olivia aus Simbabwe auf dem Mart in Tete (Foto: Marta Marroso/DW)

Hat in Tete Arbeit gefunden: Olivia aus Simbabwe

Olivia und ihre Freundin Faith arbeiten als Friseurinnen und Nagelkosmetikerinnen auf dem Markt der 180.000-Einwohner-Stadt. Bis vor wenigen Jahren bestand der noch aus einer Halle, in der Gemüse, Obst und Fleisch angeboten wurden. Inzwischen ist der Markt gewachsen. Immer wieder wurden neue überdachte Gänge angebaut.

Olivia kam 2008 aus dem Nachbarland Simbabwe, sie floh vor der Inflationskrise in ihrer Heimat. In Tete könne man gutes Geld machen, hatte sie gehört. Und ihre Hoffnungen haben sich bestätigt. Am Tag macht sie 500 bis 1.000 Meticais, zirka 15 bis 25 Euro. Davon kann sie gut leben, sagt Olivia. Die 29-Jährige ist davon überzeugt, dass die ausländischen Firmen, die sich nach und nach in Tete niedergelassen haben, viele Vorteile mit sich bringen. "Die Menschen hier bekommen Jobs und alles entwickelt sich", sagt sie.

Lenard und Ronald haben ihre Stände auf dem gleichen Gang wie Olivia und Faith. Auch sie sind aus Simbabwe nach Tete gekommen, um hier Geschäfte zu machen. Doch die Männer finden die Einstellung ihrer beiden jungen Landsfrauen zu naiv. "Sie schauen doch nicht in die Zukunft", sagt Ronald. Es gehe nicht nur ums Essen oder darum, sich schön zu kleiden, fügt Lenard hinzu. "Man kann erst von Entwicklung sprechen, wenn die Kinder in die Schule gehen, wenn sie eine gute Ausbildung bekommen, so dass sie später einen richtigen Job und einen guten Lohn haben können". Das sei Entwicklung. Doch in Tete, sagt Lenard, mangele es nach wie vor an so vielen Dingen.

Ansicht Kohle-Tagebau in Moatize (Foto: Marta Barroso/DW)

Die Mine des brasilianischen Konzerns Vale in Moatize soll die größte weltweit sein


Ausländisches Geld fließt in den Rohstoffsektor

In der Provinz Tete an der Grenze zu Malawi werden die größten Kohlevorkommen der Welt vermutet. 2007 kam das brasilianische Bergbauunternehmen Vale, kurze Zeit später folgte der britisch-australische Konzern Rio Tinto. Auch kleinere Bergbaufirmen sind in der Gegend aktiv. Fast alle ausländischen Privatinvestitionen werden in den Rohstoffsektor gepumpt.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Carlos Nuno Castel-Branco ist das eine bedenkliche Entwicklung, denn der Rohstoffsektor sei nicht mit der übrigen Wirtschaft des Landes verbunden. Mit den Bodenschätzen werde so viel Geld verdient, sagt er, dass die mangelnde Infrastruktur von den Unternehmen selbst gebaut werde. "Sie brauchen eine Straße, also bauen sie eine. Sie brauchen einen Hafen, also bauen sie ihn. Sie brauchen Kopfsalat in großen Mengen, also lassen sie ihn aus Südafrika importieren". Die meisten, die heute hier eine gut bezahlte Arbeit finden, kommen aus dem entfernten Ausland. Und bedeutende Verträge mit den Bergbauunternehmen gehen vor allem an große und mittelständische Unternehmen. Für die kleinen Firmen und einfachen Geschäftsleute bleibt wenig.

Mosambiks Kohle: Was bleibt vom Boom?

Anfang der 1990er Jahre galt Mosambik als das ärmste Land der Welt. Damals tobte hier noch der Bürgerkrieg zwischen der sozialistisch orientierten Regierung der Mosambikanischen Befreiungsfront FRELIMO und den Rebellen der RENAMO, dem Nationalen Widerstand Mosambiks, der vom Westen unterstützt wurde. In den letzten Jahren ist die Wirtschaft des Landes stetig um zirka sieben Prozent gewachsen. Doch die Zahl der Armen geht nicht zurück, und das Land steht im Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen immer noch an 184. Stelle. Damit ist Mosambik eines der Schlusslichter, noch weniger entwickelt sind nur Burundi, Niger und die Demokratische Republik Kongo.

Vom Kohlereichtum bleibt dem Land wenig. Denn die Megaprojekte der Bergbauindustrie profitieren von enormen steuerlichen Vergünstigungen. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) CIP, die sich für Transparenz und gute Regierungsführung engagiert, hat den Fall des brasilianischen Konzerns Vale in einer Studie zusammengefasst: Das Unternehmen profitiere von einer 15-prozentigen Reduzierung bei der Umsatzsteuer über die ersten zehn Jahre und einer Reduzierung der Grunderwerbssteuer um 50 Prozent beim Kauf von Immobilien. Außerdem sei der Konzern von einem Großteil der Zollgebühren, Stempelsteuern, der Mehrwertsteuer und der Einkommenssteuer für seine ausländischen Mitarbeiter befreit.

Bagger in der Mine von Vale (Foto: Marta Barroso/DW)

Drei Millionen Tonnen Kohle hat Vale 2012 in Moatize abgebaut


"Jeder muss um seine Emanzipation kämpfen"

Knapp zwei Milliarden US-Dollar hat Vale allein in der ersten Phase in seine Mine in Moatize investiert, etwa 20 Kilometer von der Provinzhauptstadt Tete entfernt. Gigantische Kohleberge reihen sich in dem schwarzen Tal aneinander. Bagger arbeiten Tag und Nacht. Jeder der riesigen LKWs, die hier entlang fahren, transportiert bis zu 400 Tonnen Kohle.

Betriebsleiter Paulo Horta ist der Meinung, dass die Menschen sowohl in der Stadt Tete als auch in der kleineren Stadt Moatize viel vom Projekt profitieren. "Bisher haben wir zirka 600 junge Menschen aus der Region ausgebildet, um in unserer Mine zu arbeiten". Außerdem müssten die Angestellten mit Essen und Unterkünften versorgt werden, und das trage zum Wirtschaftswachstum der Region bei, argumentiert Horta. Und das, sagt er, sei schließlich viel wichtiger als Steuerzahlungen des Unternehmens an den Staat.

Mosambiks Premierminister Alberto Vaquina (Foto: Marta Barroso/DW)

Mosambiks Premierminister Alberto Vaquina

Alberto Vaquina war bis Anfang Oktober 2012 Provinzgouverneur von Tete. Inzwischen ist er zum Premierminister von Mosambik aufgestiegen. Er versteht nicht, warum die Regierung für mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung des neuen Reichtums sorgen sollte. Jeder Bürger müsse nun mal selbst sehen, wie er persönlich vom Rohstoffboom profitieren könne. "Jeder muss um seine Emanzipation kämpfen. Das heißt, ich muss einen Weg finden, in Würde zu leben, indem ich meine Intelligenz und meine Energie benutze und mich nicht von einem Unternehmen abhängig mache".

Mehr Emanzipation, weniger Abhängigkeit

Für viele Familien, unter deren Häusern große Kohlevorkommen entdeckt wurden, klingen diese Worte wie Hohn. Zwischen Ende 2009 und Anfang 2010 wurden Hunderte von ihnen zwangsumgesiedelt. Im Gegenzug machte Vale große Versprechen: neue Häuser, neue Jobs, neue Schulen und Krankenhäuser, kostenlose Lebensmittel. Bis heute, sagen die Umgesiedelten, hat Vale fast keines seiner Versprechen gehalten. Die Familien leben nun in dem kleinen Ort Cateme, zirka 40 Kilometer von ihrer alten Heimat Moatize entfernt.

Júlio Calengo kommt regelmäßig in Cateme vorbei, um mit den Anwohnern zu sprechen. Er arbeitet für die NGO Liga der Menschenrechte. Einige Bewohner wurden Anfang des Jahres bei einer Demonstration von der Polizei verprügelt und verhaftet. So auch Gomes António Sopa - obwohl er bei den Protesten nicht einmal dabei war. Seine Wunden jucken noch und wenn er länger sitzt, hat er noch immer Schmerzen. Am 10. Januar 2012 hatten Hunderte Einwohner der Siedlung die Eisenbahnlinie blockiert, auf der die Züge die Kohle aus den Minen in Moatize zum Hafen der Stadt Beira am Indischen Ozean transportieren. Sie wollten so auf ihre Rechte aufmerksam machen und wissen, weshalb der Vale-Konzern seine Versprechen nicht einlöst. Bis heute haben sie keine Antworten.

Zelte in der Siedlung Cateme in der Kohle-Provinz Tete (Foto: Marta Barroso/DW)

Zelte statt Häuser für die Bewohner von Cateme

Laut Gomes António Sopa hatte Vale versprochen, dass die Umgesiedelten bei einer Baufirma arbeiten könnten. Doch die Jobs bleiben aus. Auch nicht jeder habe Strom - wie versprochen. Die Lebensmittel, die sie fünf Jahre lang bekommen sollten, haben sie ein Jahr lang bekommen, danach nicht mehr. Auch die neu gebauten Häuser in Cateme sind seit ihrer Fertigstellung in einem schlechten Zustand. Die Wände haben Ritzen und es regnet hinein. Nun sollen sie angeblich renoviert werden. Überall in Cateme stehen jetzt Zelte. In die sollen die Bewohner ziehen, solange die Reparaturarbeiten andauern. Zuständig ist die Baufirma CETA.

Auch Politiker verdienen mit

Paulo Horta, Betriebsleiter bei Vale Mosambik, sagt stolz, dass sein Unternehmen bis 2011 Geschäfte in Höhe von fast einer Milliarde Euro mit im Land ansässigen Firmen gemacht habe. Firmen wie CETA zum Beispiel. Sie ist Teil einer Unternehmensgruppe, deren größter Aktionär Staatspräsident Armando Guebuza ist.

2012 wurde Vale von Greenpeace als "schlechtestes Unternehmen des Jahres" ausgezeichnet. Abstimmen durften alle interessierten Internetznutzer. Hätten die Bewohner von Cateme einen Online-Anschluss, wären sicherlich noch einige Stimmen dazu gekommen.

Kind in Cateme in der Kohle-Provinz Tete (Foto: Marta Barroso/DW)

Hunger ist Alltag: Nach wie vor zählt Mosambik zu den ärmsten Staaten der Welt

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