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Gesellschaft

Mehr Hilfe für die Contergan-Opfer?

Grünenthal verursachte mit seinem Contergan einen der größten Skandale der Medizingeschichte. Die Opfer kämpfen bis heute mit den Folgen. Ein Gutachten stellt nun eine dramatische Unterversorgung fest.

Tausende schwangere Frauen hatten ab Ende der 1950er Jahre das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan des Aachener Pharmaunternehmens Grünenthal benutzt. Die Nebenwirkungen waren für rund 10.000 Kinder verheerend. "Die verzweifelten Eltern, die in Deutschland geklagt hatten, schlossen mit Grünenthal 1970 schließlich einen Vergleich über eine Entschädigungssumme von etwa 100 Millionen Mark, die in eine Stiftung eingezahlt wurde", erklärt Andreas Meyer vom Interessenverband der Conterganopfer und selbst Contergangeschädigter.

Zurzeit des Strafprozesses seien die Eltern allerdings so sehr mit ihren Sorgen beschäftigt gewesen, glaubt Meyer, dass sie nicht in der Lage gewesen seien, längerfristige Prozesse zu führen. "Und das ist natürlich auch ein Kalkül der Firma Grünenthal gewesen. Sie haben diese Situation schamlos ausgenutzt, der Gesamtschaden wurde auf die Allgemeinheit abgewälzt. Die Hauptlast trägt der Steuerzahler in Form von Conterganrenten, Sozialleistungen und Kassenleistungen", so Meyer.

1100 Euro Rente zum Überleben

Eine Frau benutzt zum Essen statt ihrer Hände ihren linken Fuß (Foto: Markus Hauschild/ Bundesverband Contergangeschädigter e. V.)

Füße müssen beim Essen fehlende Hände und Arme ersetzen

Viele Opfer können nicht oder nur sehr eingeschränkt für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen. "Die geringen Renten reichen nicht für ein menschenwürdiges Leben aus. Regelmäßig müssen die Opfer zudem bei den Renten- und Versorgungskassen ihren Hilfebedarf anmelden", kritisiert auch Christoph Lechtenböhmer, Diplom-Psychologe und Conterganopfer. "Wenn man einen Schädiger hat, dann muss man einen Ausgleich schaffen - und zwar nicht über Anträge, sondern über direkte Zuwendungen. Es muss so sein, dass jeder davon gut leben kann."

Seit Jahrzehnten schon kämpft daher der Bundesverband der Contergangeschädigten für mehr finanzielle Unterstützung, damit die Betroffenen ihren schwierigen Alltag bewältigen können.

Politik will neue Regelungen schaffen

Das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan in einer Vitrine (Foto: dpa)

So sah das Medikament Contergan aus

Weil die gezahlten Renten nach Angaben der Opfer zu niedrig seien, hatte eine parteiübergreifende Initiative mehrerer Parteien im Deutschen Bundestag in Zusammenarbeit mit Betroffenen vor vier Jahren eine Studie in Auftrag gegeben, um den Hilfebedarf für Contergangeschädigte zu ermitteln. Der Zwischenbericht des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg liegt nun vor und stellt eine geradezu dramatische Unterversorgung der Opfer fest.

Zu den ursprünglich bereits zum Teil schweren Conterganschädigungen stellten sich "durch die jahrzehntelange Fehlbelastung von Wirbelsäule, Gelenken und Muskulatur heute zusätzlich Spät- und Folgeschäden ein, die einen altersuntypisch steigenden Bedarf an pflegerischen und therapeutischen Leistungen erfordern", so die Studie. Ilonka Stebritz, die Pressesprecherin des Bundesverbandes der Contergangeschädigten, weiß dies aus eigener Erfahrung: "Wenn ein Mensch, der keine Arme hat und mit den Füssen essen und schreiben muss, im Hüftgelenk oder im Kniegelenk Schmerzen hat, dann wird es ihm schier unmöglich, diese ganz einfachen täglichen Verrichtungen durchzuführen. Auch mit den Zähnen machen wir sehr viel: Ich mache zum Beispiel Flaschen auf und ziehe Rollläden hoch. Deshalb brauchen wir Implantate, die aber nicht von den Versicherungen erstattet werden."

Deutschland ist bei den Hilfszahlungen Schlusslicht

Die Lebenssituation der Opfer werde daher von Tag zu Tag prekärer. Ob Therapie, Assistenz, Pflege oder Mobilität - überall klagen Betroffene über eine große Unterversorgung, weil das Geld fehle. Die Wissenschaftler der Universität Heidelberg haben neben dem Gutachten einen Katalog mit 13 Handlungsempfehlungen erstellt, um den Geschädigten ein menschenwüdigeres Leben zu ermöglichen. Neben den nun vorliegenden Ergebnissen belegt eine von der Conterganstiftung in Auftrag gegebene Studie zudem, dass Opfer in anderen Ländern erheblich besser unterstützt würden. So erhielt beispielsweise ein Schwerstgeschädigter in Großbritannien im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren einen Betrag von rund 62.000 Euro pro Jahr, ein Geschädigter in Deutschland jedoch nur rund 6000 Euro. Für Ilonka Stebritz steht fest, dass die Politik, die das Forschungsprojekt mit 900 Betroffenen initiiert hat, jetzt auch Wort halten und den Opfern mehr helfen muss.

Gegner des Denkmals für die Contergan-Opfer (Foto: dpa)

Stark in der Kritik: das Denkmal für Conterganopfer

Vom Pharmakonzern Grünenthal mit Sitz in Stolberg bei Aachen erwarten die Opfer hingegen keine weitere Hilfe. Für Empörung sorgte unlängst ein Denkmal, mit dem die Stadt Stolberg und die Firma an den Skandal erinnern wollten. Betroffene bezeichneten die Präsentation als "dreiste PR-Veranstaltung". Eine umfassendere finanzielle Verantwortung weise der Konzern dagegen weiterhin von sich, beklagen sie. Der Vorsitzende der Konzernleitung von Grünenthal hatte unlängst Bedauern "über die Folgen von Contergan und unser tiefes Mitgefühl für die Betroffenen, ihren Müttern und ihren Familien" geäußert. Man sehe "sowohl die körperlichen Beschwernisse als auch die emotionale Belastung, die die Betroffenen selbst, ihre Familien und besonders ihre Mütter aufgrund von Contergan erleiden mussten und auch heute täglich ertragen".

Eine finanzielle Entschädigung erwähnte Stock jedoch nicht. Demnächst wird sich die Firma wahrscheinlich erneut vor Gericht verantworten müssen: Contergan-Opfer in Australien haben den Konzern verklagt. Anwälten der Kläger zufolge haben sich nach Durchsicht der Archive neue Anhaltspunkte ergeben, wonach die Firma sich der fahrlässigen Körperverletzung und Tötung schuldig gemacht haben soll.

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