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Bildung

Münchner Schüler kochen Schulessen selbst

Tausende Kinder litten in Deutschland im Oktober an Brechdurchfall – nach dem Besuch der Schulkantine. Seither ist das Schulessen in der Kritik. Ein Münchner Gymnasium geht einen Weg, der Vorbildcharakter hat.

Fünf Teenager stehen in der Schulküche im Untergeschoss des Münchner Luisengymnasiums um einen großen Bottich und formen Knödel. Ein Schüler portioniert den Teig mit einer Suppenkelle, die anderen kneten, formen, rollen. Nebenan werden gerade Pilze geschnitten, heute gibt es Rahmschwammerl mit Serviettenknödeln, als Alternative Schnupfnudeln mit Sauerkraut und Bratwurst.

Drei Schülerinnen und Schüler des Luisengymnasiums in München rühren in einem Topf. (Foto: Dorothee von Canstein)

Das Schulessen hat ihnen nicht geschmeckt - jetzt kochen die Gymnasiasten selbst

Aydin legt sich ein Küchenbrett zum Schneiden auf die Ecke einer Arbeitsplatte. Dabei geht er entspannt mit einem Messer in der Hand durch den Raum. Sofort kommt Köchin Dita Rummel an seine Seite und gibt praktische Tipps: "So kannst du nicht arbeiten. Wenn du mit dem Messer läufst, musst du es immer nach unten halten."

Erfolg stärkt Selbstbewusstsein und die Klassengemeinschaft

Kochen im Schulunterricht. Das ist seit einem Jahr Alltag im Münchner Luisengymnasium. Seither kochen die Schülerinnen und Schüler hier täglich selbst. Alle zwei Wochen ist eine andere Klasse für das Mittagessen verantwortlich. Heute sind die Zehntklässler im Einsatz.

Während sie Champignons putzt, erzählt Clara, wie sehr das gemeinsame Arbeiten auch den Gemeinschaftssinn in ihrer Klasse fördere. Aber auch für sich selbst profitiere sie von dem Projekt: "Ich dachte immer, Kochen sei total schwierig, aber man merkt schnell, dass das eigentlich jeder lernen kann."

Spitzenkoch mit neuer Aufgabe

Angeleitet werden die Schüler von Mensapächter Stephan Jäger, der zuvor als Chefkoch in Fünf-Sterne-Hotels international Erfahrung gesammelt hat. Manche Eltern reagierten zu Beginn des Projekts irritiert, weil sie dachten, ihre Kinder sollten als kostenlose Küchenhilfen missbraucht werden. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Um sie richtig anzuleiten, benötigt Jäger sogar zwei Leute mehr in seinem Küchenteam.

Mensabetreiber Stephan Jäger (mitte) mit seinen Küchenhilfen (Foto: Dorothee von Canstein)

Mensabetreiber Stephan Jäger war früher Sterne-Koch

Die Idee hinter diesem Projekt sei eigentlich ganz simpel, sagt er. "Die meisten Kinder, gerade an Ganztagsschulen, wissen überhaupt nicht mehr, was Lebensmittel sind. Die kommen abends nach Hause, dann gibt es irgendwas Fast Food-mäßiges oder Convenience Food wird dann einfach aufgewärmt." Die Kinder sollen lernen, Lebensmittel zu schätzen, wie man sie verarbeiten kann, was sie kosten, wann welches Obst oder Gemüse geerntet wird. "Da haben die Kinder gar kein Gefühl mehr für", beobachtet Jäger. Die meisten hätten eigentlich mit Kochen wenig am Hut. "Sie wissen gerade noch was ein Blumenkohl ist und eine Karotte, aber dann hapert es."

Als Jäger die Mensa vor einem Jahr übernahm, gab er, wie der Kantinenbetreiber zuvor, 120 bis 150 Essen pro Tag aus. Inzwischen ist die Nachfrage auf 500 gestiegen, so gut schmeckt das, was hier täglich frisch zubereitet wird. Immer weniger Luisen-Gymnasiasten weichen in die Fast-Food-Restaurants der Nachbarschaft aus. Schließlich dürfen sie sich in der Mensa auch so lange Nachschlag holen, bis sie wirklich satt sind. Stephan Jäger will, dass die Kinder zufrieden sind mit dem, was sie kochen und essen. Auf Dauer ließe sich sonst keines von ihnen zum Kochen motivieren.

Fürs Leben lernen – auch in der Schulkantine

Franziska (links) und Elisa in der Küche des Münchner Luisengymnasiums.
(Foto: Dorothee von Canstein)

Verlässlich sein und Verantwortung übernehmen - auch das lernen die Schüler beim Kochen

Die deutschen Gymnasien stöhnen derzeit über den großen Lerndruck, der durch die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit entstanden ist. Und das Luisengymnasium leistet sich dennoch den Luxus, die Schüler kochen zu lassen?

Schulleiter Peter Kemmer ist überzeugt, dass er den richtigen Weg gewählt hat, weil die Kinder beim Kochen noch ganz andere Dinge mitbekommen: "Sie sehen, wie etwas produziert wird, sie haben daran teil, sie müssen sich darum kümmern, dass die Kasse bedient wird, sie müssen aufdecken, sie müssen auch abspülen." Da gehöre Verlässlichkeit dazu, und dass man in der Gruppe arbeitet und Verantwortung übernehme. Was die Schule den Schülern sonst im "Trockenschwimmkurs" im Klassenzimmer beibringen muss, lernen sie hier im Echtbetrieb. 

Komplizierte Gerichte werden auf später verschoben

Privat lassen die Schüler weiter lieber für sich kochen, als selbst den Löffel zu schwingen. (Foto: Dorothee von Canstein)

Privat lassen die Schüler aber lieber für sich kochen als selbst den Löffel zu schwingen

Gegen zwölf Uhr ist alles fertig vorbereitet. Die jungen Köche hängen etwas erschöpft, aber durchaus zufrieden vor der Kantine herum. Es war ganz nett, sagt Bobby müde: "Ich bin viel rumgescheucht worden und habe viel falsch gemacht. Aber was soll's - ich bin kein Kochprofi. Aber wir sind ja hier, um ein bisschen was zu lernen."

Haben die Schüler jetzt wirklich Feuer gefangen und wollen sich zukünftig auch daheim besser ernähren? Nicht wirklich, so der Tenor der Jugendlichen. Zu viel Aufwand, zu anstrengend, sagen sie. Aber bitte: Sie sind 15 Jahre alt und haben jetzt wirklich anderes im Kopf als häusliche Dinge. Mit dem Kochen ist es so wie mit vielem, was Schüler in der Schule lernen: Häufig begreift man erst als Erwachsener, von welchen Fächern und Lehrern man in der Schule profitiert hat. Das Projekt hilft übrigens auch noch anderen: was an Essen übrigbleibt, verteilt ein benachbartes Kloster an Münchner Obdachlose.

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