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Afghanistan

Mädchenschulen in Gefahr

Sie durften weder zur Schule gehen noch einen Beruf ausüben. Frauen in Afghanistan litten besonders unter dem Talibanregime. Heute ist das Land auf Hilfe von außen angewiesen, um die Bildung von Mädchen zu gewährleisten.

Geduld und Beharrlichkeit – so lautet das Motto der 87-jährigen Ursula Nölle. Mit diesem Motto hat die Vorsitzende des "Vereins zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan" mehr erreicht als viele andere Bildungseinrichtungen. Schon als sie vor knapp 30 Jahren mit ihrer Arbeit in den afghanischen Flüchtlingslagern in Pakistan begann, stellte sie die klare Bedingung: "Wir bauen euch nur Schulen, wenn ihr Mädchen aufnehmt."

Ihre Rechnung ging damals auf. Seit dem Afghanistankrieg Mitte der achtziger Jahre haben zahlreiche Mädchen die Schulen des Vereins besucht. Sogar als die Taliban die Macht in Afghanistan übernahmen, Mädchenschulen schlossen und Lehrerinnen entließen, gab Ursula Nölle nicht auf. "Ich habe den Eltern erzählt, dass Lehrerinnen in Kabul zuhause unterrichten", erzählt Nölle. 19 Home-Schools organisierte der Verein, wo die entlassenen Pädagoginnen weiter ihrer Arbeit nachgingen – und Mädchen heimlich unterrichtet werden konnten.

100 Klassenzimmer für Afghanistan

Schülerinnen einer Dorfgrundschule in der nordlichen Provinz Badakhshan (Foto: dpa)

Aufmerksam und mit viel Spaß folgen die Mädchen dem Unterricht

Angst, dass die Home-Schools entdeckt und geschlossen werden, hatte Ursula Nölle damals nicht. "Die Taliban durften ja nicht mit Frauen sprechen", sagt sie. "Also konnten sie auch nicht einfach in die Häuser eindringen und sagen, wir wollen sehen, was die Frauen hier machen." Diese einfache Tatsache habe ihr Verein gründlich ausgenutzt, schmunzelt Nölle.

Nach dem Sturz der Taliban rückte die Mädchen- und Frauenbildung schnell in den Fokus der internationalen Hilfsprogramme. Unter dem Titel "Zurück zur Schule" startete das Kinderhilfswerk UNICEF Anfang 2000 gemeinsam mit der afghanischen Regierung eine der bisher größten Bildungskampagnen des Landes. Die Organisation warb auf Plakaten, im Radio und Fernsehen für die Einschulung der Kinder und finanzierte sieben Millionen Schulbücher sowie acht Millionen Schreibhefte.

Auch die Deutsche Welle wurde damals aktiv. Sie veranstaltete 2003 in Zusammenarbeit mit der Organisation Cap Anamur "Deutsche Not-Ärzte e.V." die Spendenaktion "100 Klassenzimmer für Afghanistan". Aus den anfangs geplanten 100 Klassenzimmern wurden knapp 300. Insgesamt 35 Schulen konnte Cap Anamur mit den gesammelten Spendengeldern im Norden Afghanistans bauen. Auch neun Jahre nach dieser Aktion sind laut Cap Anamur noch alle 35 Schulen im Norden Afghanistans in Betrieb.

Vier Millionen Kinder, die Analphabeten von morgen?

Afghanische Schülerinnen sitzen an einem Pult (Foto: DW/ Aida Azarnoush)

Bildung ist Zukunft für Afghanistan

"Unsere Fortschritte sind beachtlich, denn mit den internationalen Hilfsaktionen konnten wir die Anzahl der Schülerinnen von null auf 39 Prozent anheben", sagt der Sprecher des afghanischen Bildungsministeriums, Amanullah Iman. Insgesamt besuchen heute rund 3,5 Millionen Mädchen die Schule. Während der Taliban-Herrschaft war ihre Zahl fast auf null geschrumpft. Heute gibt es mehr als 14.000 Schulen in Afghanistan, über 3000 davon sind ausschließlich Mädchenschulen.

Dennoch gibt es im Bereich der Mädchen- und Frauenbildung nach wie vor erhebliche Probleme. Das gibt auch Amanullah Iman zu. Momentan könnten mehr als vier Millionen afghanische Kinder die Schule nicht besuchen, erzählt er. Die meisten davon seien Mädchen. Das will die Regierung in den kommenden drei Jahren ändern. Mit gutem Grund.

Gelder für den Krieg statt für die Bildung

Die internationale Hilfsorganisation Oxfam veröffentlichte in Zusammenarbeit mit einigen anderen Organisationen im Februar 2011 einen alarmierenden Bericht. Demnach haben sich die internationalen Kräfte in Afghanistan auf die Stabilisierung der kritischen Sicherheitslage und den Kampf gegen die Aufständischen konzentriert und sich von Langzeit-Projekten abgewandt. Daher sind die bisherigen Erfolge im Bereich der Förderung von Mädchen und Frauen gefährdet.

Masouda Jalal, ehemalige Ministerin für Frauenangelegenheiten und erste weibliche Präsidentschaftskandidatin 2004, weist darauf hin, dass mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft in den letzten zehn Jahren Hunderte von Schulen gebaut wurden. "Viele davon haben wir aber durch Anschläge der Taliban verloren", bedauert sie. "Wir brauchen endlich Sicherheit, damit sich die Situation zum Guten wendet."

Immer mehr Anschläge auf Schulen

Falls die internationale Gemeinschaft Afghanistan Ende 2014 verlässt, ohne ihre Arbeit vollendet zu haben, würden harte Zeiten für die Afghanen anbrechen, meint Jalal und warnt: "Die internationale Gemeinschaft hat ihren Job noch bei weitem nicht getan. Sie muss uns helfen, damit die Probleme mit den Taliban und die wachsende Unsicherheit der Bevölkerung ein Ende haben."

In den letzten Jahren sind die Schulen zunehmend zur Zielscheibe der Taliban und anderer extremistischer Gruppen geworden. 2009 wurden durchschnittlich jeden Monat etwa 50 Anschläge auf Schulen verübt. Lehrer werden durch Drohbriefe und Einschüchterungen dazu veranlasst, ihre Arbeit aufzugeben, und Eltern sehen sich gezwungen, ihre Kinder zu Hause zu behalten.

Mangel an Lehrerinnen

Hinzu kommt noch der Mangel an weiblichen Lehrkräften in vielen Teilen Afghanistans. Das ist ein ernstes Problem für die Förderung von Mädchen. Besonders in den Dörfern gestatten Familien ihren Töchtern nur dann den Schulbesuch, wenn sie ausschließlich von weiblichen Lehrkräften unterrichtet werden, wie Ursula Nölle beobachtet. "Die meisten afghanischen Mädchen können nach ihrer Heirat aber nicht mehr arbeiten, so will es die Tradition", erklärt sie. "Die verheirateten Frauen werden von ihren häuslichen Pflichten und ihren Kindern in Anspruch genommen."

Auch hier unternimmt der Verein alles, um diesen Frauen die Rückkehr in die Arbeit zu erleichtern: "Junge Lehrerinnen, die geheiratet haben, Mütter geworden sind und zunächst in der Familie ihres Mannes verschwunden waren, dürfen jetzt weiter unterrichten." Nun müssten Kindergärten gebaut werden, damit die jungen Lehrerinnen auch wirklich ihrer Arbeit nachgehen könnten, fordert die 87-jährige Pionierin der Mädchenbildung in Afghanistan.

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