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Luderer: "Nichtstun teurer als Handeln"

Henrik Böhme13. November 2013

In Warschau wird in diesen Tagen einmal mehr um ein neues Klimaabkommen gestritten. Wie dringend Handeln geboten ist, zeigt eine neue Studie des renommierten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

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Gunnar Luderer, Postdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) Foto: PIK Frei zur Verwendung für Pressezwecke
Bild: PIK

Daslangwierige Ringen um einen neuen Klimavertrag könnte die Menschheit teuer zu stehen kommen. Denn je später die Gemeinschaft anfängt zu handeln, umso teurer wird die Erreichung des angestrebten Zwei-Grad-Ziels. Das besagt eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Die Deutsche Welle hat mit dem führenden Autor Gunnar Luderer gesprochen.

DW: Herr Luderer, im Jahr 2006 war es der britische Volkswirt Sir Nicholas Stern, der zum ersten Mal die Kosten des Klimawandels bzw. die Kosten unseres Nichtstuns beziffert hat. Das waren damals beeindruckende Zahlen. Die Welt hat gestaunt, aber getan hat sich seitdem nichts. Jetzt tagt in Warschau die nächste Klimakonferenz. Wieder geht es darum, etwas zu tun und die Befürchtung ist groß, dass wieder nicht viel oder nichts getan wird. Sie haben nun noch mal neu gerechnet, was das Nichtstun kostet. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Luderer: Den gegenwärtigen Zustand der internationalen Klimapolitik kann man durchaus in gewisser Weise als schizophren kennzeichnen. Einerseits haben wir ein langfristiges Klimaziel, darauf hat sich die Weltgemeinschaft geeinigt: Nämlich die Erwärmung des Planeten, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Andererseits ist es so, dass die Emissionsminderungsziele, die die einzelnen Vertragsstaaten vorgelegt haben, nicht ausreichend sind, um die Welt auf einen Pfad zu führen, der zu diesem Zwei-Grad-Ziel führt.

Wenn die Klimapolitik weitergeführt würde, so wie das gegenwärtig der Fall ist, dann würden wir auf eine Erwärmung von mindestens drei bis vier Grad im Laufe des Jahrhunderts hinsteuern. Wenn man es noch ernst meint mit diesen zwei Grad, dann hängen die Kosten sehr stark davon ab, wann die Weltgemeinschaft es schafft, ein Klimaabkommen zu verabschieden, welches verbindliche Emissionsminderungsziele für alle Vertragsstaaten vorsieht. Und das haben wir mit einem großen Energieökonomie-Klimamodell durchgerechnet und festgestellt, dass die Kosten, dieses Ziel zu erreichen, sehr, sehr stark ansteigen, wenn wir es nicht schaffen, in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein solches Klimaabkommen zu erreichen.

Können Sie das ein bisschen konkreter beziffern? Also sagen Sie uns, wenn wir schnell handeln, was es trotzdem kostet.

Wenn wir schnell handeln, liegen die Kosten des Klimaschutzes in der Größenordnung von weniger als zwei Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Das gilt insbesondere dann, wenn wir optimistische Annahmen in Bezug auf die Verfügbarkeit von Technologie machen. Wenn wir also davon ausgehen, dass eine ganze Reihe von verschiedenen Klimaschutztechnologien zur Verfügung stehen. Insbesondere die erneuerbaren Energien sind sehr wichtig, aber eben auch die Biomasse zum Beispiel wird eine wichtige Rolle spielen. Es gibt andere, umstrittene Technologien, beispielsweise der Kernenergie, die ja in Deutschland sehr kontrovers ist. Oder auch das Abscheiden und Speichern von CO2. Das ist die Idee, dass man wirklich an den Kraftwerken CO2 aus dem Abgasstrom entnimmt und dann in die Erde verpresst. Auch das ist sehr umstritten. Aber wenn sie sozusagen dieses volle Spektrum von verschiedenen Technologien betrachten, dann sind wir in der Größenordnung von ein bis zwei Prozent Vermeidungskosten, wenn sofort gehandelt wird.

Wird nicht sofort gehandelt, müssten sehr, sehr, starke Emissionsminderungen erreicht werden, um doch noch das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Und solche sehr, sehr radikalen Emissionsminderungen würden zu ziemlich radikalen Kostensteigerungen führen. Wir würden uns eine Verminderung des weltweiten Wirtschaftswachstums einhandeln, die vergleichbar ist mit dem, was wir in der Finanzkrise der vergangenen Jahre gesehen haben.

Sie sagen, es kostet kurzfristig gesehen zwei Prozent der Weltwirtschaftsleistung, langfristig kostet es viel mehr. Aber dann haben wir ja länger Zeit, sozusagen darauf hin zu sparen, wenn es so oder so kostet.

Es ist ein ganz entscheidender Punkt. Die Entscheidungen, die wir jetzt in der Klimapolitik treffen, die entscheiden darüber, wie die Kosten über die Zeit verteilt werden. Es ist in der Tat so: Klimaschutz kostet erst mal mehr Geld. Aber das Geld, was wir jetzt in den Klimaschutz stecken, ist eben eine ganze Ecke weniger als der potenzielle Schaden, den wir uns ersparen, wenn es keine Klimapolitik gäbe. Es ist auch so, dass die potenziellen Schäden des Klimaschutzes nur ganz schwer in Euro und Cent auszudrücken sind. Man muss sich vorstellen, dass im Fall eines "Weiter so", wenn wir eine Erwärmung von drei bis vier Grad sehen, dass so eine Welt radikal anders wäre als die Welt, die wir kennen. Diese Schäden, die dann entstehen, die sind eben nicht nur in Geld auszudrückende Schäden. Sondern da geht es auch um Fragen wie die kulturelle Identität ganzer Inselstaaten. Oder das Überleben von sehr großen Ökosystemen. Und da ist es eben sehr schwierig, ein Preisschild drauf zu kleben.

Gunnar Luderer forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).