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Das Wunder von Lengede

Text: Annika Zeitler, Videos: Alexander Spelsberg7. November 2013

Die Erinnerung daran ist noch heute lebendig: 1963 sitzen elf Bergleute 60 Meter unter Tage ohne jede Hoffnung auf Rettung fest. Sie warten auf den Tod, doch dann geschieht das Unglaubliche: Das Wunder von Lengede.

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Helfer tragen an einer Bohrstelle in Lengede einen der befreiten Bergleute ins Freie. Archivfoto vom 7.11.1963 (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa

Es ist nass und kalt. Die Kumpel haben nichts zu essen und zu trinken. Ihre Grubenlichter sind schon seit Tagen erloschen und sie haben jegliches Zeitgefühl in der Dunkelheit verloren. Das Wasser steigt. Sie sprechen kaum, beten. Der Hohlraum, in dem die Bergmänner verschüttet sind, ist nicht abgesichert und so lösen sich von oben immer wieder Steine – Lebensgefahr droht. Tote liegen zwischen den noch lebenden elf Bergleuten. "Wir hatten mit unserem Leben abgeschlossen", erinnert sich Adolf Herbst. Er ist einer der letzten Überlebenden des Grubenunglücks von Lengede vor 50 Jahren.

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Wassermassen fluten den Schacht Mathilde

Am 24. Oktober 1963 bricht kurz vor Feierabend im Bergwerk Lengede ein Klärteich ein. Millionen Liter schlammiges Wasser fluten die Grube Mathilde. Zum Zeitpunkt des Unglücks sind 129 Arbeiter in dem Schacht, 29 von ihnen werden nie wieder nach oben kommen. Das Grubenunglück gehört in Deutschland zu den schlimmsten Katastrophen der Nachkriegszeit.

Für Adolf Herbst ist es das erste Mal, dass er unter Tage arbeitet. Er ist kein Bergmann sondern Starkstrom-Monteur und für die Firma Siemens unterwegs. Gegen 20 Uhr hat der damals Zwanzigjährige eigentlich schon längst Feierabend, aber er hat Überstunden gemacht, weil er am nächsten Tag frei haben will, um seiner Freundin eine Heiratsantrag zu machen. Auf dem Weg nach oben spürt er Druck auf den Ohren, hört ein Grollen, aber kann das als unerfahrener Bergarbeiter nicht zuordnen. Hektik kommt auf, Kumpel kommen ihm entgegen gerannt und brüllen "Hau ab".

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Er folgt ihnen, hat aber Mühe ihnen nach seiner Doppelschicht zu folgen. "Ich wusste, wenn ich nicht mithalte, bin ich verloren, denn ich kannte mich da unten gar nicht aus", sagt Adolf Herbst. Ihre Flucht endet im so genannten "Alten Mann" - so werden Stollen genannt, die abgebaut und nicht mehr abgesichert sind. Für die nächsten Tage werden die Kumpel in dieser Höhle eingesperrt sein.

Die ganze Welt schaut auf Lengede

Noch am Tag des Unglücks können sich 79 Arbeiter aus eigener Kraft retten, sieben weitere werden einen Tag später per Floß geborgen. Techniker des Krisenstabs berechnen mit Hilfe von Grubenkarten, wo sich Luftblasen gebildet haben könnten. Die Hohlräume sind mögliche Zufluchtsorte für Verschüttete. Inmitten des Labyrinths aus Gängen und Kammern wird nach Überlebenden gebohrt.

Die so genannte 'Rettungs-Bombe' in Lengede am 7.11.1963 (Foto: AP)
Mit dieser so genannten "Rettungsbombe" werden die Bergleute am 7. November befreitBild: AP

Die ganze Welt schaut bei der Rettungsaktion in Lengede zu. Es ist das erste Mal in der deutschen Fernsehgeschichte, dass über eine Katastrophe live berichtet wird - 449 Journalisten sind vor Ort, beobachten und dokumentieren jeden Schritt der Rettungshelfer. Die Menschen trauern, bangen und hoffen mit. Nach zehn Tagen ununterbrochener Suche glaubt keiner mehr an Überlebende. Die Bergwerksleitung lässt die übrigen 40 Vermissten für tot erklären.

Ein Licht bringt die Hoffnung zurück

Adolf Herbst und zehn weitere Kumpel bekommen davon nichts mit. Sie frieren weiter in der Tiefe, ihre Hoffnung schwindet. Die Luft im Hohlraum ist mies, denn es gibt kaum Sauerstoff. Um zu überleben, trinken sie das Wasser aus einem unterirdischen See, in dem die Leichen ihrer Kameraden treiben und verwesen - Herbst trinkt als erster.

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Auf Drängen der Belegschaft gibt es eine letzte Suchbohrung – und diesmal haben die Rettungskräfte Glück. An dem heruntergelassenen Bohrer machen sich die elf verschütteten Bergmänner mit Klopfzeichen bemerkbar.

Über ein schmales Rohr bekommen die Verschütteten Tee, etwas zu Essen, warme Kleidung und eine Taschenlampe. Auch ein Mikrofon wird herunter gelassen, sie können mit ihren Familien sprechen. Auch der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard lässt es sich nicht nehmen nach Lengede zu reisen und den Bergmännern über das Mikro Mut zuzusprechen.

Am 7. November 1963 gelingt, was zunächst als undenkbar galt: Mit Hilfe einer Rettungskapsel können die Bergmänner nach oben geholt werden. Die Rettung wird live im Fernsehen übertragen. Adolf Herbst ist der Vierte: "An diesem Tag hat für mich das zweite Leben begonnen."

Die Rettungsmethode in der so genannten "Dahlbuschbombe" hat sich bis heute bewährt und half auch knapp fünf Jahrzehnte später den Bergleuten beim Grubenunglück in Chile im Jahr 2010. Auch ihre Geschichte bewegte die ganze Welt.