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Deutsch im Fokus

Lügengeschichten

Flunkern, lügen, täuschen – ohne kleine Notlügen wäre das Leben langweiliger und phantasieloser. Das beweist schon Till Eulenspiegel. Er hat gelogen, dass sich die Balken biegen. Ob Till wohl kurze Beine hatte?

Ein Mann mit Till Eulenspiegel-Narrenkappe

Ein "Schalk vom Dienst" im Till Eulenspiegel-Kostüm

Musik:

Rio Reiser: "Alles Lüge"

"Es ist wahr, dass der Gründer von New York

Nicht Kamel oder Camel, sondern Stuyvesant heißt.

Das ist wahr, das ist wahr.

Aber sonst –aber sonst:

Alles Lüge! Alles Lüge! Alles Lüge! Alles Lüge!"

Sprecherin:

Der deutsche Liedermacher Rio Reiser glaubt nur an die Wahrheit, wenn sie durch Fakten nachweisbar ist. Alles andere, vor allem das Zwischenmenschliche, bewegt sich seiner Meinung nach immer zwischen Wahrheit und Lüge.

Sprecherin:

Wenn alles Lüge ist – wem kann man dann noch Glauben schenken? Von Kurt Tucholsky stammt das geflügelte Wort von den Liedern, die nicht lügen. Anders als gesprochene Worte, die, wenn sie in einem Zusammenhang mit anderen Wörtern stehen, immer etwas anderes meinen können als das, was sie vordergründig versprechen. So die These des Linguisten Harald Weinrich. Lügen können verheerende Konsequenzen anrichten, aber, in harmloserer Form, auch zur Unterhaltung beitragen.

Sprecher 1:

"Als nun Eulenspiegel so alt war, dass er stehen und gehen konnte, da spielte er viel mit den jungen Kindern. Denn er war munteren Sinnes. Wie ein Affe tummelte er sich auf den Kissen und im Gras solange, bis er drei Jahre alt war. Dann befleißigte er sich aller Art Schalkheit so sehr, dass sich alle Nachbarn miteinander beim Vater beklagten, sein Sohn Till sei ein Schalk."

Sprecherin:

Ein Ausschnitt aus dem deutschen Volksbuch "Till Eulenspiegel". Mit allen Menschen, die ihm begegnen, spielt Till Eulenspiegel Streiche. Man kann auch sagen: Er treibt Schabernack mit ihnen – ein noch heute geläufiger Begriff, dessen Herkunft unklar ist. Eulenspiegel wird schon als Schalk bezeichnet, als er gerade einmal drei Jahre alt ist.


Sprecher 2:

Das Wort Schalk stammt aus dem mittellateinischen Wort scalius und bedeutet barfüßig. Es ist auch im Gotischen belegt als Bezeichnung für den Diener oder Knecht, was darauf hinweist, dass Schalk ursprünglich einen unbeschuhten Leibeigenen meinte. Zunächst jedenfalls bezeichnete das Wort Schalk einen eher boshaften Buben. Erst Luther versteht unter einem "Menschen knechtischer Sinnesart" eher einen schadenfrohen Spötter. Die heute noch häufig angewendete Redewendung, jemand habe den Schalk im Nacken oder hinter den Ohren, meint einen lustigen Menschen mit verschmitztem, verstecktem Humor. Die Wendung bezieht sich auf eine Person, die gleichsam von einem kleinen schalkhaften Dämon besessen ist, doch so, dass ihm der Wicht hinten im Nacken oder auch hinter den Ohren sitzt, so dass der Genarrte ihn nicht sehen kann. Beide Redensarten sind alt und seit dem 16. Jahrhundert reichlich belegt. Der Bildhintergrund der versteckten Schelmerei ist allerdings im heutigen Sprachgebrauch fast ganz verloren gegangen, was die Redewendung der Schalk guckt ihm aus den Augen belegt. Deutlich geblieben ist die ursprüngliche Verstellung des Spaßmachers jedoch noch im folgenden Volkslied, wenn der Liebhaber nicht weiß, woran er ist, wenn er über seine Geliebte klagend sagt:

Sprecher 1:

"Ihr tragt ein Schalk im Nacken,

Man weiß nicht, treibt Ihr Ernst oder Scherz,

Thut Honigküchel backen,

Dazwischen Dörner hacken,

Verspott redlichs Herz."

Sprecherin:

Eulenspiegels List besteht darin, dass seine Streiche harmlos-derb, mitunter aber auch bösartig sind. Mal zeigt er den Dorfbewohnern seinen blanken Hintern, als er mit seinem Vater auf einem Pferd sitzt, mal stiehlt er einem Bäcker einen Sack Brot. Mit seinen Lügengeschichten wird Till Eulenspiegel bald so bekannt, dass sich eine große Menschenmenge um ihn herum versammelt, wenn er erscheint.

Sprecher 1:

"Die angesehensten Bürger der Stadt baten ihn, er solle etwas Abenteuerliches und Gauklerisches treiben. Da sagte er, er wolle das tun und auf das Rathaus steigen und vom Erker herabfliegen. (..) Eulenspiegel stand auf dem Erker des Rathauses, bewegte die Arme und gebärdete sich, als ob er fliegen wolle. Die Leute standen, rissen Augen und Mäuler auf und meinten tatsächlich, dass er fliegen würde. Da begann Eulenspiegel zu lachen und rief: Ich meinte, es gäbe keinen Toren oder Narren in der Welt außer mir. Nun sehe ich aber, dass hier die ganze Stadt voller Toren ist. Und wenn ihr mir alle sagtet, dass ihr fliegen wolltet, ich glaubte es nicht. Aber ihr glaubt mir, einem Toren! Wie sollte ich fliegen können? Ich bin doch weder Gans noch Vogel! (...) Nun seht ihr wohl, dass es erlogen ist."

Sprecher 2:

Das Wort Tor ist erstmalig erst im Mittelhochdeutschen belegt und bedeutet dort "irrsinnig". Neben dem heutigen Adjektiv töricht stammt das umgangssprachliche Wort dösig aus derselben Sprachwurzel. Das Wort Narr ist seit dem Althochdeutschen belegt und bedeutete Verrückter. Sprachwissenschaftler empfehlen für die heutige Wortbedeutung aber auch die Ableitung aus dem spätlateinischen Wort "nario", dem Nasenrümpfer oder Spötter. Zu Till Eulenspiegels Zeiten, also im 15. und 16. Jahrhundert, war es nur den Narren möglich, unter der Narrenkappe, durch Spott und Hohn getarnt, die Wahrheit zu sagen. Ein Brauch, der in der Karnevalszeit lebendig geblieben ist.

Sprecherin:

Heute gibt es nur noch wenige Menschen, die sich die Mühe machen, ihre Lügengeschichten hinter einer Schelmerei zu verbergen. Vor Gericht lügen viele Menschen recht ungeniert, weiß Gabriele Hertel, die als Scheidungsanwältin tagtäglich mit der Suche nach der Wahrheit zu tun hat.

Frage:

"Wird zum Teil wirklich so gelogen, dass sich die Balken biegen?"

Gabriele Hertel:

Bei Handwerkern, dass die eben auch Schwarzeinnahmen haben, die nicht zum Unterhalt herangezogen werden sollen, oder Taxifahrer oder Kellner, die relativ wenig verdienen, aber dann durch Trinkgeld und Sonstiges eben doch ihr Auskommen haben, und es gibt Leute, die sich auf die Gehaltsbescheinigung zurückziehen und sagen, mehr hab ich nicht, und alle wissen, da muss noch was sein, aber man kann nichts machen."

Sprecher 2:

Seit alters her wird das Lügen sprachlich gern durch Zusätze verstärkt. Am bekanntesten und verbreitetsten ist die Redewendung: lügen, dass sich die Balken biegen. Wer lügt, nimmt moralisch eine schwere Last auf sich. So wie die Balken eines Hauses, die das Dach tragen, beim Biegen oder Brechen den Einsturz des Daches verursachen, verliert derjenige, der lügt, das Vertrauen des Belogenen. Die Redewendung von den sich biegenden Balken stammt bereits aus dem Mittelalter. Eine andere lautet: Lügen, dass die Himmel krachen. Der Bezug zum Himmelsgewölbe findet sich auch in der jüngeren Sprachwendung wieder, wenn jemand das Blaue vom Himmel lügt oder herunterlügt. Gleichzeitig wird in dieser Redewendung auch auf die Farbe Blau in ihrer ältesten bildlichen Bedeutung als Symbol für Täuschung, Verstellung und Lüge angespielt. Ist man jemandem auf die Spur gekommen, hat man Anhaltspunkte für die Aufklärung seiner Lüge, seines Geheimnisses oder seines Verbrechens gefunden. Die Redewendung stammt aus der Jägersprache und meint ursprünglich, die Spuren eines Wildes entdecken. Macht jemand etwas schwarz, tut er es im Schutz der Dunkelheit, gemeint ist am Gesetz vorbei. Man arbeitet schwarz, baut schwarz, fährt schwarz, verdient schwarz, kauft und verkauft schwarz, wohnt schwarz, hört schwarz Radio und sieht schwarz fern. Man spricht auch vom Schwarzmarkt, vom Schwarzgeld, von der Schwarzarbeit, von Schwarzeinnahmen, Schwarzbauten, Schwarzhörern und -sehern.

Sprecherin:

Da vor Gericht nicht immer die Wahrheit als alleiniges Kriterium für eine Urteilssprechung gilt, kann eine geschickte Lüge mitunter zum Ziel führen. Gabriele Hertel rät jedoch davon ab, vor Gericht dreist zu lügen.

Gabriele Hertel:

"Man kommt nicht weit damit, mit kurzen Beinen kann man nicht so schnell laufen. Man braucht vor allem ein gutes Gedächtnis, wenn man lügt. Also, man muss sich ja auch merken, was man wo gesagt hat. Zum Beispiel gibt es viele Paare, die ihre Trennung nicht so deutlich machen dem Finanzamt gegenüber, um noch die Vorteile zu erhalten, die Eheleute eben haben. Und das ist auch erst einmal ganz verständlich. Aber wenn es dann schon ein paar Jahre so geht und sie wollen jetzt endlich mal geschieden werden, dann kommen sie schon in Schwulitäten. Dann müssen sie sich überlegen, ja, was stimmt denn nun? Leben wir nun schon so lange getrennt, dass die Scheidung reif ist oder noch nicht?"

Sprecher 2:

Dass Lügner nicht lange ungestraft bleiben, beweist die Redensart Lügen haben kurze Beine, auf die Gabriele Hertel hier anspielt. Der Volksmund hat der Redensart den Nachsatz "und wenn sie fallen, haben sie gar keine" scherzhaft hinzugefügt. Lügenmäuler oder Lügenmeister können mit ihren kurzen Beinen, wie die Scheidungsanwältin erklärt, nur kleine Schritte machen. Sie kommen im Vergleich zu Menschen mit großer Beinlänge nie richtig ans Ziel. Wie die Anwältin sagt, können Menschen, die zur Lüge neigen, bei gezielten Nachfragen und Überprüfungen durchaus in Schwulitäten, das heißt in Bedrängnis geraten. Im eigentlichen Wortsinn ist demjenigen, der in Schwulitäten ist, schwül zumute, denn das Wort Schwulitäten ist eine studentische Scherzbildung. Schwul ist seit dem 19. Jahrhundert umgangssprachlich für homosexuell gebräuchlich.

Sprecherin:

Neben ihrer Tätigkeit als Scheidungsanwältin arbeitet Gabriele Hertel auch als sogenannte Mediatorin. Das heißt, sie dient Paaren, die sich in einer Krise befinden, als Mittlerin. Nicht alle Beziehungen können auf diese Weise gerettet werden. Dennoch kann eine Mediation dabei helfen, Probleme in der Partnerschaft in Gegenwart einer neutralen Person nüchtern zu besprechen.

Gabriele Hertel:

"Wenn sich ein Paar immer schon ein bisschen beflunkert hat und sich das dann gesteigert hat im Laufe der Ehe, dann glaub ich nicht, dass die wieder zusammenfinden. Es sei denn, sie betreiben es als Sport. Ich glaub es nicht."

Sprecher 2:

Sagt jemand nicht ganz die Wahrheit, sondern über- oder untertreibt den wahren Sachverhalt, so flunkert er. Seine Absicht ist aber nie wirklich betrügerisch, immer dient sie nur der eigenen Vorteilsnahme, ist oft auch spaßhaft; denn sie wird vom Adressaten zumeist als solche enttarnt. Im eigentlichen Sinne funkeln nur die Sterne. Das Verb leitet sich aus dem frühhochdeutschen flunkern für glänzen her.

Gabriele Hertel:

"Ich bewundere die Paare, die sich dem aussetzen. Da hab ich Respekt, dass jemand in so einer Situation doch versucht, noch eine gemeinsame Lösung zu finden. Denn am liebsten würde man den anderen ja gar nicht mehr sehen wollen.

Sprecherin:

In ihrem Beruf hat Gabriele Hertel schon vieles erlebt: wie sich Paare zuerst scheiden ließen und dann doch wieder zusammengekommen sind, wie sich Männer und Frauen ihr Leben lang bekriegten und noch Jahre nach der Trennung den ehemaligen Partner mit Racheakten verfolgt haben. Inzwischen hat Gabriele Hertel gelernt, jeden Fall, und sei er noch so dramatisch, nicht zu nah an sich herankommen zu lassen.

Gabriele Hertel:

Wenn ich zu Hause bin, vergesse ich auch meistens die Sachen. Es gibt schon einzelne Fälle, die mir noch nachgehen, aber sonst könnte ich das gar nicht so lange machen, wenn mir das wirklich nahe ging. Eine juristische Tätigkeit, die ich früher auch gemacht habe, Nebenklagevertretung bei Vergewaltigungen, Missbrauch, das ist mir sehr nahe gegangen. Das habe ich dann auch nicht mehr gemacht. Aber bei den Trennungen habe ich anscheinend ein dickes Fell."

Sprecher 2:

Das Fell der Tiere wird in derber Sprache bildlich für die menschliche Haut gebraucht. So gerbt, bläut oder versohlt man jemandem das Fell, wenn man ihn verprügelt. Handelt jemand bewusst so, dass er Strafe verdient, juckt ihm das Fell, das heißt, es wollte seine Strafe haben. Hat hingegen jemand ein dickes Fell, ist er unempfindlich gegen Tadel, Beleidigung oder gar Verleumdung.

Sprecherin:

Ob nun Lügen tatsächlich immer kurze Beine haben oder nicht – sicherlich wäre das Leben ohne sie einfacher, aber auch langweiliger und phantasieloser. Lügen gelten, sofern mit ihnen keine allzu boshaften Absichten verbunden sind, als typisch menschlich. Selbstbewusst können wir also ruhig behaupten: "Alle Redensarten rund um das Thema Unwahrheit sind in dieser Sendung besprochen worden. Ungelogen!"

Fragen zum Text

Die Redensart Lügen haben kurze Beine will sagen, …

1. dass Lügner nicht lange ungestraft bleiben.

2. dass man vom Lügen kurze Beine bekommt.

3. dass Menschen mit langen Beinen niemals lügen.

Mit allen Menschen, die ihm begegnen, spielt Till Eulenspiegel …

1. Streiche.

2. Karten.

3. Musik.

Sagt jemand nicht ganz die Wahrheit, sondern über- oder untertreibt den wahren Sachverhalt …

1. so flunkert er.

2. so funkt er.

3. so flüstert er.

Arbeitsauftrag

Schreiben Sie eine wahre Geschichte und eine Lügengeschichte auf. Lesen Sie beide Geschichten Ihrer Klasse vor. Lassen Sie Ihre Klasse dann raten, welche der beiden Geschichten wahr ist und welche Sie erfunden haben.

Autorin: Antje Allroggen

Redaktion: Ingo Pickel

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