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Kultur

Kommentar: Plötzlicher Eklat, langsamer Prozess

Wegen eines Hakenkreuzes auf der Brust musste der russische Sänger Evgeny Nikitin seinen Vertrag mit den Bayreuther Festspielen kündigen. Rick Fulker, langjähriger Beobachter der Bayreuther Festspiele, kommentiert.

Die Bayreuther Festspiele sind seit eh und je Hort großer Emotionen. Liegt es an dem stundenlangen lauten Singen auf der Bühne? An der Knappheit der Eintrittskarten? An dem Schein des Exklusiven und Mysteriösen? An der Reizfigur Richard Wagner? An seiner antisemitischen Haltung? An der ultranationalistischen, später nationalsozialistischen Einstellung des Bayreuther Kreises nach Wagners Tod?

Wer wie ich die Festspiele lange begleitet hat, weiß, dass jede Nuance auf der Bühne und vor allem dahinter stets sensibel und gegebenenfalls mit leicht, manchmal nicht ganz so leicht hysterischem Ton kommentiert wird. Was im Fall Nikitin geschehen ist, war jedoch keine Kleinigkeit. Ein Premierensolist mit einem Hakenkreuz auf der Brust: Wäre er aufgetreten, wäre der Schaden für die Festspiele immens gewesen.

Sicher macht die Festspielleitung keine Ganzkörperkontrolle beim Probesingen potentieller Solisten. Sind aber warnende Hinweise übersehen worden? So viel ist klar: Es ist viel mehr von Evgeny Nikitins Oberkörper in der Öffentlichkeit gezeigt worden als bei anderen Sängern. Im Interview mit der Deutschen Welle sagte er sogar: "Ich bin gebeten worden, meine ganzen Tattoos zu fotografieren. Das wird wohl eher zur Schau gestellt als kaschiert. Mein Körper ist sozusagen mein zweiter Pass." Also eher mit Stolz als mit Scham ging der Künstler in der Öffentlichkeit mit seinen Tätowierungen um. Er sollte den "Holländer" singen, eine Rolle mit dämonischen Aspekten. Das passte irgendwie. Auch zum lockeren, offenen, jugendfreundlichen Image der Bayreuther Festspiele in den letzten Jahren.

Auf neueren Bildern von Nikitins bemalter Haut ist das Hakenkreuz übermalt. Dann aber tauchte jenes ältere Video auf: der glatzköpfige Sänger am Schlagzeug, das Hakenkreuz teils überdeckt aber noch deutlich erkennbar. Nun nennt Nikitin seine Tattoos den größten Fehler seiner Jugend, er habe ihre Bedeutung weit unterschätzt. Dennoch: Kann der inzwischen 39-jährige Künstler, der ursprünglich aus Murmansk nördlich des Polarkreises kommt und mittlerweile auf den wichtigen Bühnen der Welt aufgetreten ist, wirklich so naiv gewesen sein?

Bei den Bayreuther Festspielen gibt es derzeit eine vorsichtige, vielleicht allzu vorsichtige Annäherung an die lang ausgeblendete Thematik zur Geschichte der Festspiele in der Nazizeit. Tempo und Regie werden genauestens von der Festspielleitung bestimmt.

In Nikitins Fall bezogen die Festspiele klar Position: Keine Nazisymbolik bei uns! Damit ist der Themenkomplex jedoch längst nicht abgearbeitet. Von der "lückenlosen Aufklärung durch eine unabhängige Historikerkommission", die Katharina Wagner, künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Richard-Wagner-Festspiele, vor zwei Jahren vollmündig ankündige, ist noch nicht viel zu sehen. Die Zeit ist reif dafür.