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Umwelt

Klimakiller soll in die Erde gepresst werden

Nach langem Hickhack soll es in Deutschland nun doch unterirdische Endlager für klimaschädliches Kohlendioxid geben. Der Streit um Sinn und Nutzen der Technik geht jedoch weiter.

Am vergangenen Freitag (29.06.2012) hat der Bundesrat das Gesetz beschlossen und es wird gelten, sobald Bundespräsident Joachim Gauck die Bestimmung unterschrieben hat. Rund 1,3 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid sollen pro Jahr in unterirdische Speicher gepresst werden dürfen, um dort endgelagert zu werden. Zunächst waren drei Millionen Tonnen geplant. Zuvor hatten am Donnerstag im Bundestag die Regierungsparteien CDU/CSU und FDP für ein entsprechendes Gesetz zur Erprobung der Technologie gestimmt, die SPD enthielt sich, Grüne und Linke votierten dagegen.

Die Bundesregierung sieht die Abscheidung von Kohlendioxid CO2 bei der Kohleverbrennung und in der Industrie - die "Carbon Dioxide Capture and Storage", kurz CCS genannt - als wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Auf Druck einzelner Länder gibt es aber bei dem Gesetz eine Klausel, nach der jedem Bundesland vorbehalten bleibt, die Speicherung auf seinem Gebiet zu verhindern.

Kritiker sehen die Technik als Totgeburt

Greenpeace-Aktivisten protestieren vor dem Kohlekraftwerk Klingenberg
(Foto: dpa)

Greenpeace-Protest vor einem Kohlekraftwerk

Genau darauf hofft Gerald Neubauer, Energieexperte von Greenpeace. Mehrere Länder hätten bereits angekündigt, die Klausel anwenden zu wollen. Mecklenburg-Vorpommern habe die unterirdische CO2-Speicherung schon per Gesetz ausgeschlossen und auch Schleswig-Holstein plane, eine entsprechende Bestimmung zu erlassen. "Wir hoffen, dass auf diesem Wege die CO2-Lagerung ausgehebelt wird", sagte Neubauer im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Wir sehen, dass in ganz Europa derzeit Pilot- und Demonstrationsobjekte abgesagt werden, weil sie sich als zu teuer herausstellen, weil sie auf zuviel Ablehnung in der Bevölkerung stoßen und weil es sich auch technisch als sehr komplex erweist, CO2 abzuscheiden und dann unterirdisch zu verpressen." Der Blick auf die europäische Dimension zeige, dass die Technik nicht vom Fleck komme und in Europa keine Zukunft habe.

Befürworter halten Klimaschutz ohne CCS für unmöglich

Das sieht Peter Gerling anders. Der Geologe ist Leiter des Fachbereichs "Nutzung des Untergrundes" in der Bundesanstalt für Geowissenschaften, die dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellt ist: "Wenn wir Klimaschutz Ernst nehmen, dann können wir auf CCS gar nicht verzichten." Es sei zwar wichtig, so schnell wie möglich erneuerbare Energien zu nutzen, aber "derzeit und in nächster Zukunft wird davon nicht ausreichend zur Verfügung stehen, um den Bedarf zu decken. Auch nütze es nichts, auf Gas umzuschwenken, denn dessen Nutzung führe zwar zu weniger Emissionen als die Kohleverstromung, aber am Ende sei das immer noch zuviel, um das Klimaziel "minus 80-Prozent-Emission" zu verwirklichen. Allerdings räumt auch Gerling ein, dass die Technik noch Jahre davon entfernt ist, angewendet zu werden: "Es sind an vielen Stellen noch Erfahrungen zu sammeln, aber die brauchen wir eher heute als morgen. Jeder Tag, den wir länger warten, ist verlorene Zeit und schadet auf diese Weise dem Klima."

CO2 Konzentration erreicht erstmals die 400 ppm Marke

CO2 Konzentration ist auf historischem Hoch

Gefährlich und nutzlos

Greenpeace-Sprecher Gerald Neubauer hält die unterirdische Speicherung des Treibhausgases für verantwortungslos: "Es ist nicht erwiesen, dass die CO2-Speicher auf Dauer dicht sein werden. Kohlendioxid ist zwar ein ungiftiges Gas, aber in sehr hohen Dosen kann es zum Erstickungstod führen. Wenn an CO2-Pipelines oder an den Speichern undichte Stellen auftreten, dann kann das gefährlich für die Bevölkerung sein."

Außerdem komme die Anwendung der Technik zu spät für den Klimaschutz und berge ein paradoxes Faktum: "Kraftwerke mit CCS brauchen 30 Prozent mehr Energie als normale". Statt der Einführung von CCS brauche Deutschland einen verbindlichen Fahrplan für den Ausstieg aus der Kohleverstromung, und Neubauer betont: "Das funktioniert auch ohne Atomkraft." Das Ziel sei 2050 den Stromverbrauch vollständig über erneuerbare Energien zu decken.

Sicherheit wird großgeschrieben

DasSteinkohlekraftwerk Scholven
(Foto: ddp)

CO2-Schleuder Kohlekraftwerk

Geologe Peter Gerling widerspricht: "Man kann es drehen und wenden, wie man will, wir kommen ohne CCS nicht aus". In Punkto Sicherheit vertraut er auf Entwickler, Betreiber und die zuständigen Behörden: "Alle sind bestrebt, keine Fehler zu machen, auch wenn man Fehler natürlich nie vollständig ausschließen kann". Gerling verweist auf den Standortvorteil von 50 Jahren Erdgasforschung in Deutschland. Davon könne die CCS-Forschung profitieren.

Die Bundesrepublik sei zwar klein, eng besiedelt und hochindustrialisiert, dennoch schätzt die Bundesanstalt für Geowissenschaften das Speicherpotential für CO2 auf bis zu 2,75 Milliarden Tonnen in ehemaligen Erdgasfeldern. Darüber hinaus vermutet die Anstalt weitere 6-13 Milliarden Tonnen Speichermöglichkeit in anderen Gesteinsschichten.

Jacke näher als die Hose

Fest steht: Die CO2-Speicherung wird in den kommenden Jahren intensiv erforscht werden. Ob sich allerdings Firmen finden, die die Technik ausreichend mit Demonstrations-Projekten unterstützen, ist noch ungewiss. Bei der Akzeptanz der neuen Technik geht ein Riss quer durch alle Parteien. Allein die Grünen stellen sich grundsätzlich gegen die Speicherung. In Schleswig-Holstein wollen auch die Sozialdemokraten die Einführung der Technik verhindern.

Die rot-rote Landesregierung in Brandenburg hingegen gehört zu ihren vehementesten Befürwortern. Für Gerald Neubauer liegt die Erklärung auf der Hand: "In den Ländern, die als Speicherort in Frage kommen, wird die Technik in der Regel abgelehnt, dort, wo die meisten Kohlekraftwerke stehen, wird sie hingegen befürwortet."