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Gesellschaft

Keine Zukunft für Witwen in Afghanistan

Afghanische Witwen müssen nach dem Tod ihres Ehemanns mit Armut und gesellschaftlicher Ächtung rechnen. Die 22-jährige Gulghotay ist eine von ihnen. Sie betrachtet ihr Leben als beendet, bevor es richtig begonnen hat.

Als Gulghotay die Todesnachricht ihres Mannes erhält, bricht eine Welt für sie zusammen. Gerade mal drei Monate waren sie verheiratet und nun ist er plötzlich tot, umgekommen bei einem Selbstmordattentat. Die junge Frau lebt in der östlichen Provinz Maidan-Wardak. Sie ist mit Hausarbeit beschäftigt, als in der Nachbarsprovinz Ghazni eine Fahrradbombe vor dem Polizeirevier im Zentrum hoch geht und zwei Menschen getötet werden. Sieben Zivilisten werden ins Krankenhaus eingeliefert. Darunter auch Gulghotays Mann. Er stirbt kurze Zeit später an den Folgen seiner Verletzungen.

Gulghotay wollte nicht als Witwe leben. Sie sah keinen anderen Ausweg, als ihrem Leben ein Ende zu setzen, berichtet ihr Bruder Mohammad Azim. "Gulghotay war mit einer anderen Frau zu Hause und bat sie, ihr die Lampe zu halten, weil sie etwas im Schrank suchen wolle. Sie fand schließlich das Fläschchen mit Säure, riss es an sich und trank es aus. Zum Glück war die andere Frau dabei. Sie brachte Gulghotay schnell ins Krankenhaus." Gulghotay habe unter Schock gestanden, so der Bruder. Sei sehr glücklich verheiratet gewesen mit ihrem Mann, der Bauarbeiter war. Nun macht sich Mohammad Azim sich große Sorgen um die Zukunft seine Schwester.

Hohe Zahl von Witwen

Verschleierte Afghanin mit Krücke sitzt nachdenklich auf einem Stuhl (Foto: AP)

Nachdenklich: afghanische Kriegswitwe

Gulghotay ist nicht allein mit dem Schock, plötzlich Witwe zu werden. In den letzten drei Jahrzehnten haben sehr viele Frauen ihre Ehemänner und andere männliche Familienmitglieder im Krieg verloren. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen gibt es in Afghanistan rund 2,5 Millionen Witwen - etwa 60.000 allein in der Hauptstadt Kabul. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt bei mehr als acht Prozent. Die Mehrheit dieser Frauen ist noch relativ jung und kann weder lesen noch schreiben.

Frauen sind in allen gesellschaftlichen Bereichen von ihren Männern abhängig. Für sie ist deshalb der Verlust des Ehepartners eine Katastrophe. Und viele reagieren wie Gulghotay mit dem Versuch, ihrem Leben eine Ende zu setzen. Mohammad Hemat, Chefarzt des Krankenhauses in Ghazni, berichtet, dass etwa zwei bis drei Frauen in der Woche eingeliefert werden, die tödliche Mittel zu sich genommen haben. Nicht alle können gerettet werden. "Es sind meist psychische Gründe und Probleme in der Familie, die dazu führen, dass einige Frauen den Druck nicht mehr ertragen. Diese Patientin ist zum Glück rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht worden. Sie ist nun auf einer unserer Stationen und ihr Zustand ist stabil."

Rechtlos und Gefahren ausgesetzt

Witwen als Brotbäckerinnen in Kabul (Foto: AP)

"Frauen verlieren mit dem Ehemann auch ihre gesellschaftliche Identität"

Gulghotay hatte Glück, was ihre Gesundheit betrifft. Sie wird sich wieder erholen. Doch sie hat einen schweren Weg vor sich als Witwe in Afghanistan. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie jemals einen neuen Mann ihrer eigenen Wahl finden wird. Nach afghanischem Brauch wird die Witwe an ihren Schwager verheiratet. In einem Land, wo die Zukunft einer Frau von ihrem Mann abhängt, sind Witwen rechtlos und vielen Gefahren ausgesetzt. "Wir haben zum Beispiel in einem Frauenhaus den Fall einer Witwe, die von ihrem Vater und ihrem Schwager misshandelt und vergewaltigt wurde", berichtet Wazhma Frogh, Aktivistin für Frauenrechte und Geschäftsführerin des afghanischen Research Institute for Women, Peace and Security mit Sitz in Kabul. "Mit dem Tod ihres Mannes verliert eine Frau ihre Identität und damit auch ihren sozialen Schutz. Frauen wollen in dieser Situation oft lieber sterben als weiterleben. Die Gesellschaft eröffnet ihnen kaum eine Perspektive für ein Leben als Witwe."

Existenzkampf gegen die Armut

Wie das Leben trotzdem weitergehen kann, weiß Shajan. Sie lebt in der Stadt Jalalabad im Osten Afghanistans. Weil sie Kinder hatte, musste sie nach dem Tod ihres Mannes weiter leben, sagt sie. Wie ihre Schicksalsgenossinnen kämpft sie einen täglichen Existenzkampf gegen die Armut. "Meine Kinder sind noch klein und ich habe keinen Mann, der mich unterstützen und anweisen kann. Also arbeite ich als Putzhilfe in einer Schule", berichtet Shajan. Dort verdient sie 1200 Afghani (etwa 17 Euro) im Monat. "Ich habe keine andere Wahl als diese Arbeit, denn es gibt kaum Beschäftigung für Frauen wie mich. Ich wünschte, die Regierung würde den Armen helfen, besonders den Witwen und Schutzbedürftigen."

"Regierung handelt nicht"

Die afghanische Regierung kümmere sich jedoch nicht genug um die Witwen und ihre rechtlich und gesellschaftlich prekäre Situation, kritisiert so Wazhma Frogh. "Wenn beispielsweise ein Polizist oder Soldat im Krieg fällt, so bekommen nicht etwa seine Frau und die Kinder eine monatliche Unterhaltszahlung, sondern sein Vater."

Hinzu komme, dass eine Witwe in Afghanistan als schlechtes Omen gelte, so die Aktivistin. Den Ehemann zu verlieren, werde als Pech betrachtet. Viele Afghanen meiden diese Frauen daher, um sich nicht bei ihnen "anzustecken".

All das wird Gulghotay vielleicht noch bevor stehen. Sie wird überleben und gesund werden, aber zu welchem Preis? Ihre Familie hofft jetzt, dass ihr Selbstmordversuch der letzte war.

DW.DE

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