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Alltagsdeutsch

Kampf am Gartenzaun

Streitigkeiten über Äste, die über den Gartenzaun hängen. Lautes Kindergeschrei oder Hähne, die zu früh krähen. Die Gerichte in Deutschland müssen sich tagein, tagaus mit Bagatellstreitigkeiten von Nachbarn befassen.

Ein Mann auf einer Leiter beim Heckescheren

Schön gerade schneiden, damit es keinen Ärger gibt!

Sprecher 2:
Nachbarschaftsstreitigkeiten gehen selten um weltumstürzende Fragen, werden aber meistens erbitterter ausgefochten als jene. Dazu drei wahre Geschichten.

Sprecher 1:
Erste Geschichte: die Sache mit dem Basketball-Korb. Ort des Geschehens: Kleineichen bei Köln, eine Kleinstadt mit vielen Einfamilienhäusern. Es tritt auf: Irmgard Fercho.

Sprecherin:
"Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt". Das ließ schon der berühmte deutsche Dichter Friedrich Schiller im Drama "Wilhelm Tell" durchblicken. Er wusste, wovon er sprach. Zwölf Jahre lang lebte Irmgard Fercho friedlich mit Mann und zwei Söhnen in Kleineichen in einem Haus mit großem Garten. Doch eines Tages war es mit dem friedlichen Leben vorbei.

Irmgard Fercho:
"Was jetzt so ganz genau der Zankapfel ist, weiß ich ja bis heute nicht. Ich weiß es so ungefähr, und ich gehe mal davon aus, dass es das Ballspiel meiner Kinder ist, weil wir unseren Kindern im Garten 'ne Möglichkeit geschaffen haben, Basketball zu spielen – das heißt 'nen Korb aufgestellt und davor Gartenplatten gelegt. Und nach Fertigstellung sind wir in Urlaub gefahren und einen Tag nach unserer Rückkehr habe ich 'ne Post vom Bauaufsichtsamt, dass mir ein Nutzungsverbot droht, weil ich wohl eine Sportanlage gebaut hab' ohne Baugenehmigung. Ja, und dann war mir natürlich klar, ich bin – auf gut deutsch – angeschissen worden von Nachbarn, die über den Hebel 'Baugenehmigung fehlt' versuchen, das Ballspielen zu verhindern."

Sprecher 1:
Und da sind wir auch schon mitten im Kern eines Streits. Jeder Zank braucht einen Anlass – meistens jedenfalls – also einen Zankapfel. Gemeint ist hier eigentlich der Erisapfel, denn Eris ist die griechische Göttin der Zwietracht, also eine Art Oberzank-Dame. Und die wurde zu einer Hochzeit nicht eingeladen und war darüber sehr erbost. Da warf sie einen Apfel mit der Aufschrift "der Schönsten" in die Hochzeitsrunde, und schon gab's eine Menge Ärger. Die drei Göttinnen Hera, Aphrodite und Athene fanden sich alle drei unheimlich schön, und jede wollte den Apfel haben. Schließlich fragten sie einen jungen Mann namens Paris aus Troja, und der gab natürlich der Göttin der Liebe den Apfel, und prompt kam es zum Trojanischen Krieg. Kleiner Zankapfel, große Wirkung.

Musik:

LSE: "Sein Lassen"

"… Saren se jetz nich, dat wär so nich
Weil, andernfalls Prozess am Hals! ... ."

Sprecherin:
Aber zurück zum Basketball-Korb. Von der Bauaufsichtsbehörde hieß es nun: sollten die Söhne nur einmal einen Ball prellen, drohe eine Geldstrafe oder Ersatz-Zwangshaft. Außerdem hatten die Nachbarn hinter dem Rücken der Familie Unterschriften bei den Anwohnern gegen das Ballspielen der Kinder gesammelt.

Irmgard Fercho:
"Dadurch war mir schon klar, da ist irgendwas im Busch, irgendeiner muss ja was gemeldet haben."

Sprecher 1:
Klar, werden Sie denken, in einer Siedlung mit Häusern und Gärten ist es normal, dass etwas im Busch ist, vielleicht sogar auf Verfehlungen lauernde Nachbar? Aber hier ist das wirklich nur bildlich gemeint. Da ist was im Busch heißt, da wird etwas im Verborgenen vorbereitet.


Sprecherin:
Irmgard Fercho verlangte nun zusammen mit ihrem Anwalt Akteneinsicht. Und die bestätigte ihre Vermutung: ihre Nachbarn hatten sie beim Amt angezeigt. Gesprochen hatten die Nachbarn mit Irmgard Fercho oder ihren Kindern nicht. Man hätte sich ja schließlich irgendwie einigen können, meint Irmgard Fercho empört.

Irmgard Fercho:
"Und da hab ich nachher gedacht, wo leb' ich hier eigentlich? Da kann ich jetzt hingehen, mich ans Telefon hängen, irgendein Amt anrufen, meinen nächsten Nachbarn denunzieren, und dieses Amt wird dann quasi zum Handlanger dieses Nachbarn und ruft mich an und macht mich hier genauso an."

Sprecher 1:
Ein Handlanger ist ein Mensch, der irgendwelche dreckigen Arbeiten verrichtet, also mit seinen Händen jemandem zuarbeitet. Die Nachbarn treten also gar nicht selber in Erscheinung, sondern lassen das Amt die Arbeit verrichten, nämlich das Ballspielen verhindern. Handlanger ist ein sehr abschätziger Ausdruck. Irmgard Fercho kritisiert damit unterschwellig das Verhalten der Behörden.

Volkslied "Am Brunnen vor dem Tore"

Sprecher 2:
Zweite Geschichte: Das Brünnlein auf der Terrasse. Ort des Geschehens: eine Wohnungseigentümergemeinschaft in der Kölner Innenstadt. Es tritt auf: Gerhard Schaller, Rechtsanwalt des Brunnenbesitzers:

Gerhard Schaller:
"In diesem Fällchen hier geht es um einen Brunnen, der Stein des Anstoßes war. Diesen Brunnen hatte der von uns vertretene Mandant auf seiner Terrasse installiert, aber dieser Brunnen fand nicht unbedingt Gefallen in der Nachbarschaft. Insbesondere die eine Nachbarin aus dieser Wohnungseigentümergemeinschaft störte sich sehr an der Geräuschentwicklung dieses Brünnleins."

Musik:

LSE: "Sein Lassen"

"… Saren se jetz nich, dat wär so nich
Weil, andernfalls Prozess am Hals! ... ."

Sprecherin:
Der Brunnenbesitzer hatte dann tatsächlich einen Prozess am Hals. Die Nachbarin klagte, damit er seinen Brunnen für immer abstellt.

Sprecher 1:
Wie kann nun aber ein romantisch plätscherndes Brünnlein Stein des Anstoßes sein, werden Sie nun fragen. Und wir antworten: Weil es in der Bibel so steht mit dem Stein. Auf gut deutsch heißt diese Redewendung: Ursache eines Ärgernisses. Der Brunnen ist also die Ursache eines Streites. Im Buch Jesaja lesen wir: "Ihr sollt nicht alles Verschwörung nennen, was dieses Volk Verschwörung nennt ... Jahwe Zebaot, ihn haltet heilig! Er sei eure Furcht und euer Schrecken! Er ist das Heiligtum und der Stein des Anstoßes ..." Tja, und weil unsere Kultur eine christliche ist, hat der Stein des Anstoßes den Weg in die deutsche Alltagssprache gefunden.

Sprecherin:
Der Brunnenbesitzer ließ schließlich ein TÜV-Gutachten machen, um die Lautstärke zu messen, die der Brunnen verursacht, wenn er vor sich hinplätschert. Und siehe da, der Technische Überwachungs-Verein stellte fest, dass der Brunnen unter den – Zitat: – "ortüblichen Geräuschemissionen" liegt. In Übersetzung des Bürokratendeutsches heißt das: der Brunnen ist nicht lauter, als die Polizei erlaubt.

Musik:

LSE: "Sein Lassen"

"… Saren se jetz nich, dat wär so nich
Weil, andernfalls Prozess am Hals! ... ."


Sprecher 1:
Jährlich gehen bei den Amtsgerichten rund 1,4 Millionen neue Fälle ein. In einer halben Million Fälle geht es dabei lediglich um Bagatellen. Doch Gerhard Schaller sieht kaum Chancen, die überlasteten Gerichte davor zu bewahren.

Gerhard Schaller:
"Wenn die Parteien den Anwalt aufsuchen, ist der Streit ja schon in ein Stadium eingetreten, wo die Fronten sehr verhärtet sind oder das Kind in den Brünnlein gefallen ist – hätt' ich fast gesagt. Da ist es sehr schwer, die Fronten aufzubrechen. In vielen Fällen muss man aber feststellen, dass eben der Anwalt dann auch mit sehr großer Vehemenz in die Bresche springt, und dann nur noch die Klage eigentlich der einzige Ausweg ist, die Sache zu bereinigen."

Sprecher 1:
Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann ist das Unglück schon passiert, und man kann nichts mehr machen. Bresche ist dabei ein militärischer Begriff, der beweist, dass es sich bei Nachbarschaftsstreitigkeiten um kriegsähnliche Situationen handelt. Die Bresche ist die aus einer Befestigungsmauer herausgeschlagene Öffnung, und diese Lücke müssen nun die Belagerten halten, damit die Feinde nicht durchbrechen, um die Festung zu erobern. Die Anwälte springen also helfend ein.

Gerhard Schaller:
"Das ist ja immer die Kunst des Anwaltes, einen möglichst einfachen Sachverhalt so aufzublähen, dass der neutrale Leser, also der Richter oder die Richterin, den Eindruck haben, hier geschieht großes Unrecht."

Sprecherin:
Dazu ein Beispiel aus einem anderen Fall, in dem man sich darüber stritt, ob eine Nachbarin nicht zu heftig ihre Blumen goss und deshalb Wasser auf den Balkon des Klägers tropfte. Dazu schrieb der Rechtsanwalt des Klägers:

Sprecher:

"Teilweise musste sich bei den Antragsstellern aufhaltender Besuch mit Stühlen wegrücken, um nicht vom herabtropfenden Wasser bespritzt zu werden."

Sprecher 1:
Der Anwalt hätte das weitaus harmloser ausdrücken können: "Beim Blumengießen ist ein bisschen Wasser runtergetropft, und ein paar Leute sind ein bisschen nass geworden, und das war etwas unangenehm". Aber so ist eben Juristendeutsch.

Sprecher 2:
Dritte und letzte Geschichte: Der Hahn von Eitorf oder Morgenstund hat kein Gold im Mund. Es treten auf: die Rechtsanwälte Helmut Dick und Claus-Jürgen Hummel.

Sprecher 1:
In Eitorf an der Sieg hatte ein Mann einst einen Hahn, und das ist dort nicht ungewöhnlich, handelt es sich doch um einen ländlichen Ort. Der Nachbar des Mannes aber wollte sein Leben zwar mit frischer Landluft, doch ohne Landlärm genießen und verklagte den Mann. Denn der Hahn krähte zu früh, hahnüblich um vier Uhr morgens. Per Gericht wurde ein Ortstermin festgelegt, und an den kann sich der Rechtsanwalt des Klägers noch gut erinnern.

Claus-Jürgen Hummel:
"Weil ich insbesondere das erste Mal in meinem Leben als Anwalt mitten in der Nacht aufstehen musste, um auch noch bei Nacht anzureisen zu dem Ortstermin und der Gerichtsverhandlung an Ort und Stelle. Und immerhin hat sich auch das Landgericht Bonn, die damals zuständige Kammer, nicht gescheut, mit drei Richtern zu nachtschlafender Zeit nach Eitorf aufs Land anzurücken, um zu hören, wann, wie und mit welcher Lautstärke der Hahn kräht. Als ich kam, war die Stelle des Ortstermins bereits mit erheblichem Publikum besetzt, denn insbesondere der Hahnbesitzer hatte wohl auch für eine gewisse Publikumsträchtigkeit gesorgt, war auch mit Scheinwerfern – ich weiß nicht, welcher Regionalsender – und Reportern, und insofern im gleißenden Scheinwerferlicht war der Hahn so verschüchtert, dass er nach meinem Erinnerungsvermögen überhaupt nichts gesagt hat."

Sprecherin:
Die Geschichte endete in einem Vergleich, so heißt im Juristendeutsch ein Kompromiss. Der Hahn musste zwischen 22 und 7 Uhr in einem Stall so eingeschlossen werden, dass sein Krähen nicht mehr zu hören war. Claus-Jürgen Hummel denkt an seinen Hahnfall gern zurück.

Claus-Jürgen Hummel:
"Wie es in einem Juristenleben so ist, muss man ab und zu mal Federn lassen. Und am angenehmsten ist es natürlich, wenn's Dritte sind. In dem Falle war's der Hahn, indem er eben ab und zu mal keinen Auslauf hatte."

Sprecher 1:
Ein Federvieh, das sich aus einer Jagdfalle glücklich befreien kann, verliert dabei Federn. Im übertragenen Sinn heißt das Bild: man hat einen Schaden erlitten, man ist aus einem Streit nicht ohne Nachteile herausgekommen, man hat also Federn lassen müssen. Dazu fällt mir zum Abschluss noch der Spruch eines französischen Schriftstellers ein: "Die Nachbarn sind die Prüfungsaufgaben, die uns das Leben stellt."


Fragen zum Text

Eine Angelegenheit, um die man sich streitet, ist …
1. ein Zankapfel.
2. eine Streitbirne.
3. ein Schimpfwort.

Wenn sprichwörtlich etwas im Busch ist, dann …
1. hat jemand zu Ostern Eier versteckt.
2. wird etwas heimlich geplant oder vorbereitet.
3. hört man etwas und forscht nach.

Der Ausdruck Stein des Anstoßes stammt …
1. aus der Bibel.
2. von Friedrich von Schiller.
3. von Wilhelm Tell.

Arbeitsauftrag
Informieren Sie sich darüber, welche Streitigkeiten es zwischen Nachbarn in Ihrem Heimatland gibt. Suchen Sie sich jeder einen Fall als Beispiel heraus. Stellen Sie diesen Fall in der Gruppe vor – vom Beginn bis zum Ende.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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