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Forschung

Künstliche Befruchtung: Ärzte untersuchen Risiken

Seit gut 30 Jahren gibt es künstliche Befruchtungen, aber über die Risiken weiß man wenig. Wie groß die Gefahr von Fehlbildungen bei den Kindern ist, haben jetzt deutsche Ärzte und Wissenschafter zu ermitteln versucht.

Ärztin mit Pipette (Quelle: dpa)

Bei der In-Vitro-Fertilisation werden Eizellen und Spermien im Reagenzglas zusammengebracht

Weltweit nimmt die Zahl der künstlichen Befruchtungen zu. Ärzte lassen mithilfe von Medikamenten Eizellen heranreifen, entnehmen sie der Frau und bringen sie außerhalb ihres Körpers mit Spermien des Mannes zusammen.

Eine Lösung für Paare, die sich sehnsüchtig ein Kind wünschen – allerdings auch eine Lösung, die Risiken birgt. Nicht nur ist die Prozedur an sich sehr anstrengend, belastend und zum Teil frustrierend für die Paare – es besteht auch ein gewisses Risiko für das Kind, mit Fehlbildungen geboren zu werden.

Ungewollte Kinderlosigkeit nimmt zu

Louise Joy Brown und Vater (Qelle: AP)

Louise Joy Brown, das erste Retorten-Baby der Welt

Dreißig Jahre nach der Geburt des ersten Retortenbabys Louise Brown aus England gehört die künstliche Befruchtung in Deutschland wie in vielen anderen Ländern zum Alltag. "Man beobachtet, dass die ungewollte Kinderlosigkeit immer häufiger vorkommt", sagt Hilke Bertelsmann, Gesundheitswissenschaftlerin und Biologin: "Das liegt sicherlich auch daran, dass die Elternpaare immer älter werden, bevor sie sich für das erste Kind entscheiden, und dass die biologische Fähigkeit, Kinder zu zeugen, mit dem Alter abnimmt."

Bei der Frau liege es hauptsächlich daran, dass die Durchgängigkeit der Eileiter gestört ist, sagt Bertelsmann. Die Eizelle komme nicht in den Uterus oder gar nicht erst mit der Samenzelle zusammen. Beim Mann könne es daran liegen, dass die Spermien verformt oder unbeweglich sind und es gar nicht erst schaffen, bis zur Eizelle vorzudringen. "Die Samenzellen können auch veränderte Chromosomen haben, so dass sie die Befruchtung nicht mehr schaffen", so Bertelsmann.

Kinder aus dem Reagenzglas

Wenn Spermien und Eizellen nicht von selbst zueinander finden, wenden Reproduktionsmediziner in der Regel Methoden an, bei denen die Befruchtung außerhalb des Körpers stattfindet: Bei der In-Vitro-Fertilisation, kurz IVF genannt, werden der Frau reife Eizellen entnommen und im Reagenzglas mit den Spermien des Mannes zusammengebracht. "Die Befruchtung findet dann tatsächlich von alleine im Reagenzglas statt", sagt Hilke Bertelsmann.

Eine andere Methode ist die ICSI, die Intra-cytoplasmatische Spermien-Injektion. Es handelt sich um eine Erweiterung der IVF. Hier wird der Kern der Samenzelle des Mannes isoliert und direkt in die Eizelle der Frau eingebracht. "Dort kann dann die Verschmelzung stattfinden", so Bertelsmann.

Risiko von Fehlbildungen?

Babies (Quelle: dpa)

Im Oktober 1986 kamen die ersten Retorten-Zwillinge der Sowjetunion zur Welt

In Deutschland wurde 1994 das erste Kind mit der ICSI-Methode gezeugt. Ob sich die Unfruchtbarkeit des Vaters auf die Söhne überträgt und sie damit automatisch zu ICSI-Kandidaten macht, muss sich also erst noch zeigen. Gleich mit der Einführung der Methode kam allerdings die Befürchtung auf, die künstliche Befruchtung könnte das Risiko für Fehlbildungen beim Kind erhöhen. "Fehlbildung heißt jetzt äußerlich sichtbare Fehlbildungen, aber auch so etwas wie Herzfehler, Nierenfehler oder ähnliches", sagt Bertelsmann.

Befürchtet wurde auch, dass man bei der künstlichen Befruchtung die Samenzelle und die Eizelle beschädigt, durch Wärme oder direkte Manipulation etwa bei der ICSI, wo mit einer Art Pipette in die Eizelle gestochen wird. Aus diesem Grund hat die Gesundheitswissenschaftlerin Hilke Bertelsmann für den Gemeinsamen Bundesausschuss – dem obersten Gremium der medizinischen Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen in Deutschland – eine umfassende Literaturrecherche durchgeführt und Studien ausgewertet, die das Fehlbildungsrisiko der verschiedenen Methoden künstlicher Befruchtung untersuchen. "Unser Ergebnis war, dass zehn Studien den Unterschied ICSI/IVF untersucht haben, und hier keine dieser Studien einen signifikanten Unterschied gesehen hat", berichtet Bertelsmann. "Das bedeutet: Mit hoher Wahrscheinlichkeit steigert ICSI das Risiko für Fehlbildungen nicht."

Geringe Erfolgsquote

Allerdings nur beim Vergleich mit der In-Vitro-Fertilisation. Die Datenanalyse zeigte nämlich auch: Nach einer künstlichen Befruchtung – egal ob ICSI oder IVF – werden mehr Kinder mit Fehlbildungen geboren als nach einer natürlichen Empfängnis. Es sei aber unklar, ob das an der medizinischen Methode der künstlichen Befruchtung liegt oder an dem erhöhten Risiko, das die Eltern quasi mitbringen. Dies sei schließlich auch der Grund dafür, dass sie keine Kinder auf natürlichem Weg gezeugt haben, sagt Bertelsmann.

Die Erfolgsquote der künstlichen Befruchtung ist nicht besonders hoch: Nur 40 Prozent der Befruchtungen führen zu einer Schwangerschaft, und nur zehn bis 15 Prozent führen zur Geburt eines Kindes. Viele Paare entscheiden sich daher dafür, gleich mehrere befruchtete Eizellen in die Gebärmutter einsetzen zu lassen – damit sich auf jeden Fall ein Embryo einnistet.

Risikoreiche Mehrlingsschwangerschaften

Die Folge sind aber häufig Mehrlingsschwangerschaften. "Mehrlinge haben immer ein erhöhtes Risiko dafür, dass die Schwangerschaft an sich nicht erfolgreich ist, also dass es zu Fehlgeburten kommt – und sie haben auch ein höheres Risiko, bei der Geburt Schaden zu nehmen oder zum Beispiel mit einer Fehlbildung geboren zu werden", so Bertelsmann. "Deswegen geht ein großer Teil des erhöhten Risikos für eine Fehlgeburt, aber wahrscheinlich auch für die erhöhte Gefahr von Fehlbildungen auf diese gehäuften Mehrlings-Schwangerschaften zurück."

Aus diesem Grund fordern einige Reproduktionsmediziner derzeit eine Änderung der Gesetze: Denn anders als in mehreren europäischen Nachbarländern dürfen die Fortpflanzungsmediziner in Deutschland unter den künstlich gezeugten Embryonen nicht denjenigen mit den besten Chancen auf Einnistung auswählen.

DW.DE